Wer springt in die Bresche? Trainer Bruno Labbadia (r.) ist mit der Leistung und der Kommunikation seiner Spieler nicht zufrieden.
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BerlinDer Unterschied war frappierend. Herthas Rasen im Amateurstadion auf dem Wurfplatz im Olympiapark war fest in niederländischer Hand. Hier ein Team, das sich permanent mit Kommandos und Absprachen selbst coachte. Dort eine Mannschaft, „die von der ersten Minute an mit sich selbst beschäftigt war“, wie Cheftrainer Bruno Labbadia nach dem 0:4 (0:1) im Test gegen die PSV Eindhoven feststellte. Tatsächlich herrschte bei Hertha BSC bis auf die laustarken Ansagen der beiden Torhüter – Rune Jarstein wurde zur zweiten Halbzeit von Alexander Schwolow abgelöst –  fast über die komplette Spieldauer Funkstille. Nach fünf Wochen Vorbereitung wird deutlich: Die größten Kopfschmerzen bereitet Labbadia weiterhin die Suche nach einem neuen Anführer.

„Das Manko ist extrem“, ärgerte sich der Hesse. Zusammen mit seinem Team versuche er das jeden Tag anzusprechen, „aber man kann keinen in die Rolle reindrängen. Wir haben eine komplette Achse verloren, das merkt man. Trotzdem dürfen wir nicht 0:4 verlieren.“ Dass es so kam, lag vor allem an der mangelnden Chancenverwertung. Denn anders als beim 0:1 bei Ajax Amsterdam vier Tage zuvor, erspielte sich Hertha gegen den Vorjahresvierten der Eredivisie nach einer verschlafenen Anfangsphase beste Tormöglichkeiten. Doch weil Dodi Lukebakio nach feinem Zuspiel von Matheus Cunha genauso das Tor verfehlte wie Maximilian Mittelstädt und Krzysztof Piatek und das Team des früheren Leverkusener Trainers Roger Schmidt eiskalt konterte, stand es kurz vor der Pause 0:1: Innenverteidiger Karim Rekik verlor das Laufduell gegen seinen niederländischen Landsmann Donyell Malen deutlich. Der überwand aus spitzen Winkel Jarstein im kurzem Eck.

Doch statt sich aufzubäumen, ließ Hertha dem Europa-League-Teilnehmer in der zweiten Halbzeit größtmögliche Freiräume. Auch, weil es keine 90 Sekunden dauerte, bis es 0:2 stand. Niklas Stark, von Labbadia als Kapitän erst im defensiven Mittelfeld und dann in der Innenverteidigung aufgeboten, bugsierte den Ball aus kurzer Distanz unglücklich ins eigene Tor. „Die Reaktion danach war nicht gut. Da war keiner auf dem Platz, der gesagt hat: Komm, wir ordnen das“, kritisierte Labbadia die Körpersprache seiner Spieler und stellte fest:„ Wie ruhig wir von der ersten bis zur letzten Minute waren, fand ich am krassesten. Bei uns war von der ersten Minute an jeder mit sich beschäftigt.“ Eine Funkstille, die zu einem Fehlstart in die Saison führen kann. „Es bringt jetzt nichts, komplett reinzuhauen. Aber wir werden es schon klar ansprechen, dass es so nicht funktionieren wird, wenn sich auf dem Platz keiner gegenseitig hilft und steuert“, mahnte Labbadia.

Prädestiniert für die Rolle des Leitwolfs wäre Rekordeinkauf Lucas Tousart. Der 25-Millionen-Mann von Olympique Lyon soll die Rolle des in seine Heimat zurückgekehrten norwegischen Anführers Per Skjelbred (33) übernehmen. Noch macht sich aber neben der fehlenden Spielpraxis – in Frankreich wurde die Saison bereits Ende April abgebrochen – auch die Sprachbarriere beim 23-jährigen defensiven Mittelfeldspieler aus Frankreich bemerkbar. „Wir hoffen, dass er und andere Spieler sich dahin entwickeln“, sagte Labbadia.

Abhilfe könnten auch weitere Zugänge schaffen. Hertha sucht noch bis zu drei Spieler, allesamt für die Offensive. Ein echter Führungsspieler würde Hertha BSC guttun. Labbadia nimmt lieber das vorhandene Personal in die Pflicht: „Die Mannschaft hat keine gute Reaktion gezeigt, ist ein bisschen in sich zusammengefallen“, stellte er fest und forderte: „Das müssen wir ändern.“

Einer, der von hinten heraus das Spiel ordnen kann, ist Abwehrchef Dedryck Boyata. Der Belgier verpasste den Test wegen Problemen an der Achillessehne. Ob Boyata bis zum Pflichtspielauftakt im DFB-Pokal in elf Tagen bei Zweitligist Eintracht Braunschweig fit wird, ist ungewiss. An Teamtraining sei diese Woche laut Labbadia nicht zu denken. „Wir werden Dedryck in der Zeit hauptsächlich im Wasser belasten, damit kein Druck auf die Achillessehne kommt.“

Hilfreich, um die harmlose Offensive und die Kommunikation bis dahin zu verbessern, könnte die von der Fifa derzeit aufgehobene Abstellungspflicht für Nationalspieler sein. Hertha wird seine Profis diese Woche nur auf Länderspielreise in Corona-Risikogebiete schicken, wenn sich das Gesundheitsamt Charlottenburg-Wilmersdorf nach deren Rückkehr mit zwei negativen Corona-Tests begnügt und keine Quarantäne anordnet.