Bruno Labbadia gab den Herthanern zuletzt die Impulse, die sich der Verein und seine Führung schon von seinen Vorgängern gewünscht hätten.
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Berlin-CharlottenburgEs war eine skurrile Situation, als die Regie im leeren Kessel des Berliner Olympiastadions rechtzeitig vor dem Anpfiff des Derbys Hertha BSC gegen den 1. FC Union traditionell die Vereinshymne „Nur nach Hause geh’n wir nicht“ von Entertainer Frank Zander einspielte. Der Ton haperte, es krächzte irgendwie ins weite Rund und Fans, die nicht nach Hause gehen sollen, waren ja sowieso nicht zugelassen währen der Corona-Krise. Zander, 78, der sich das Geisterspiel zu Hause im Info-Radio anhörte, sang aber fünf Minuten vor Spielbeginn auf Facebook live für seine vielen Anhänger die Hymne. Auf seinem engen Balkon spielte er Stadiongeräusche ein und legte mit seiner Gitarre los. Ein cooler Auftritt.

Hertha BSC spielte allerdings ohne Zuschauer zum zweiten Mal nach dem Re-Start der Bundesliga groß auf und es hat den Anschein, als ob einige Profis befreiter sind ohne den Druck von den Rängen. Aber man kann davon ausgehen, dass auch starke Leistungen möglich sein werden,  wenn endlich wieder Fans in die Stadien strömen dürfen. Wann das so sein kann, ist offen.

Die Spieler des 1. FC Union allerdings benötigen wohl dringend das Publikum, das sie vor allem in der engen Alten Försterei nach vorne puscht. Im geisterhaften Olympiastadion kamen sie sich verloren vor und unterlagen einer starken und souveränen Hertha-Mannschaft hoch mit 0:4.

Fakt ist, dass Hertha unter dem neuen Trainer Bruno Labbadia ein ganz anderes Gesicht zeigt, als vor der Unterbrechung des Spielbetriebs, als vor allem unter Alexander Nouri teils desaströse Auftritte folgten wie beim 0:5 zu Hause gegen den 1. FC Köln. Der nie gefährdete Triumph gegen Union nach Treffern von Vedad Ibisevic (51.), Dodi Lukebakio (52.), Matheus Cunha (61.) und Dedryck Boyata (77.) brachte viele Effekte: Hertha kann sich nach der 0:1-Niederlage im Hinspiel an der Alten Försterei nun „Stadtmeister“ nennen, was vor allem den Fans der Hertha eine Genugtuung ist. Noch nach dem letzten Spiel im Olympiastadion vor Corona, einem 2:2 gegen Werder Bremen, hatten die Anhänger in der Ostkurve die Profis lautstark und heftig verbal auf das Rückspiel eingeschworen, vom „wichtigsten Spiel“ der Saison gesprochen und einen Sieg eingefordert. Auch Manager Michael Preetz pochte vor dem Geisterspiel auf eine Wiedergutmachung „nach dem rabenschwarzen Tag“ an der Alten Försterei, der am 2. November 2019 passiert war.

Dieser Auftritt unter Trainer Ante Covic ist nun vergessen. Das 4:0 am Freitagabend war zudem der erste Heimsieg der Hertha im Olympiastadion in den bislang drei Duellen gegen den Stadtrivalen. In der Zweiten Liga siegte Union 2011 mit 2:1 und eroberte 2013 beim 2:2 einen Punkt.

Der zweite Effekt nach dem 4:0-Sieg, der in keiner Phase gefährdet war: Hertha hat sich weiter aus der Abstiegszone entfernt. „Das waren ganz wichtige Punkte im Kampf gegen den Abstieg“, sagte hernach Trainer Bruno Labbadia. Der 54-Jährige – und das ist ein weiterer Effekt - hat bewiesen, dass der starke 3:0-Erfolg in der Vorwoche bei der TSG 1899 Hoffenheim keine Eintagsfliege war. Zwei Siege, sechs Punkte und 7:0-Tore lautet seine Bilanz als Hertha-Coach.

Vorteil durch Routiniers

Gegenüber dem Duell in Hoffenheim hatte Labbadia nur Vladimir Darida für Maximilian Mittelstädt gebracht und eine der im Durchschnitt ältesten Startformationen der letzten Jahre ins Derby geschickt. Vor allem Torhüter Rune Jarstein (35/sicher und souverän), Abwehrmann Peter Pekarik (33/wie immer aufmerksam und beinahe fehlerlos), Mittelfeldmotor Per Skjelbred (32/laufstark und mit Übersicht) und Spitze Vedad Ibisevic (35/gefährlich wie in besten Zeiten) drückten den Altersschnitt nach oben, was sich nicht als Nachteil erwies. Im Gegenteil.

Union hielt eine Halbzeit ordentlich mit, zeigte Kampfgeist, kam aber nur durch einen feinen Freistoß von Robert Andrich nach 43 Minuten zu einer Chance. Der Schuss erinnerte gar an die tollen Freistöße von Union-Legende Torsten Mattuschka im Olympiastadion. Bester Unioner war zu diesem Zeitpunkt aber Torhüter Rafal Gikiewicz, der zweimal mutig und reaktionsschnell  gegen Lukebakio (17.) und Cunha (26.) parierte. Aber später besaß auch der Keeper keine Chance bei den vier Treffern der Hertha-Profis , die vor allem ihre enorme Schnelligkeit ausspielten.

Am Ende zeigte auch die Spielstatistik die Überlegenheit der hochmotivierten Gastgeber: 58:42 Prozent Ballbesitz; 220:170 Sprints und 14:7 Torschüsse für den Sieger.

„Das 0:4 ist ein ganz schönes Brett“, ärgerte sich Unions Michael Parensen und Trainer Urs Fischer sagte: „Jetzt gilt es aufzustehen. Wir haben nur ein Spiel verloren, nicht mehr und nicht weniger. Aber über die zweiten 45 Minuten müssen wir reden.“ Die Tendenz der Unioner ist negativ und ein Erfolg am kommenden Mittwoch an der Alten Försterei gegen Mainz 05 dringend nötig.

Herthas Kapitän Vedad Ibisevic, der dieses Mal auch darauf achtete, dass der Torjubel seiner Kameraden den strengen Hygieneregeln entsprechend mit Abstand ausfiel, freute sich: „Ich bin sehr froh, dass es momentan bei mir und der Mannschaft so gut läuft. Wir besitzen viel Qualität, leider haben wir die Anfang des Jahres nicht gezeigt.“

„Das war eine Top-Leistung der Mannschaft“, lobte Coach Bruno Labbadia, der schon am Mittwoch mit seinen Profis bei RB Leipzig antreten muss (18.30 Uhr). Viele Fans und Beobachter fragen sich schon, wo diese Mannschaft stehen könnte, wenn Manager Michael Preetz bereits früher auf Labbadia gesetzt hätte. Der erfahrene Coach hat jedenfalls das enorme Potenzial, dass im Team steckt, schnell geweckt. Einen solch souveränen Auftritt wie im Stadtderby, bei dem kein Profi irgendwie abfiel, hat man von Hertha BSC lange nicht gesehen. Leider nur am Fernsehgerät.