Reden im Regen: Die Bremer Kevin Vogt (l.) und Davie Selke mit ihrem Trainer Florian Kohfeldt. Das Team steht im Pokal und vor dem Bundesligaspiel gegen Union unter Druck
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BremenWerder Bremen träumt immer mal wieder von der Fahrt nach Berlin, die im deutschen Vereinsfußball das Finale des DFB-Pokals bedeutet. Zuletzt im Frühjahr 2019. Werder holte im Halbfinale einen 0:2-Rückstand gegen den FC Bayern (2:3) auf, als eine krasse Fehlentscheidung alle Träume beendete. Zuvor hatte das Team von Florian Kohfeldt im Viertelfinale beim FC Schalke 04 (2:0) und im Achtelfinale bei Borussia Dortmund (7:5 nach Elfmeterschießen) gesiegt.

Doch nun spricht vor dem Achtelfinale wieder gegen Dortmund am Dienstag (20.45 Uhr/ARD) nichts mehr für Wiederholung eines solchen Coups. Im 56. Bundesligajahr ist der Klassenerhalt so akut gefährdet wie im einzigen Abstiegsjahr 1979/80. Jeder Schritt scheint gerade schwer zu fallen. Spötter sehen in Kohfeldts Kickern Bleifiguren, die mit dem erforderlichen Tempo überfordert sind. Das erschreckendste Beispiel gibt ein ehemaliger Dortmunder ab: Nuri Sahin ist im defensiven Mittelfeld zu einem zentralen Problem geworden. Der vom BVB-Anhang noch immer verehrte 31-Jährige gewinnt kaum mehr einen Zweikampf, kein Laufduell.

Wie im Weserstadion nun Sprinter Jadon Sancho oder Urgewalt Erling Haaland aufgehalten werden sollen, ist ein Rätsel. Sie wüssten, wie dramatisch die Situation in der Bundesliga sei, beteuert Kohfeldt, aber er sei sicher, dass die Chancen, die das Duell mit Dortmund biete, die Risiken überwiege. Das sprichwörtliche Pfeifen im finsteren Walde. Eine blutleere Darbietung wie zuletzt würde nicht nur das Schlüsselduell gegen den 1. FC Union am Sonnabend (15.30 Uhr), sondern auch Kohfeldt belasten. Dem 37-Jährigen ist zeitweise anzumerken, wie sehr die Krise auch ihn betrifft. Aus dem Trainer des Jahres 2018 ist nach einer Umfrage im Fachmagazin Kicker der Absteiger des Jahres 2019 geworden.

Kohfeldt macht sich angreifbar

Dass der Fußballlehrer grundsätzlich fachliche Fähigkeiten mitbringt, bezweifelt auch abseits der Hansestadt kaum jemand, aber auch der sehr auf seine Außendarstellung bedachte und bis 2023 gebundene Coach hat sich angreifbar gemacht. Die Hansestadt spaltet sich allmählich ob dieser Causa in zwei konträre Lager. Seit Wochen funktioniert es bei Werder hinten und vorne nicht mehr. Zuletzt beim FC Augsburg (1:2) probierte der von Baumann immer noch beharrlich geschützte Kohfeldt drei verschiedene Systeme. Vergebens.

Insgesamt wirkt vieles von Seiten der sportlichen Leitung nicht mehr schlüssig: Der aus Hoffenheim geholte Hoffnungsträger Vogt ist nur in einer Dreierkette zu gebrauchen, aber für dieses System fehlen dynamische Außenbahnspieler. Und im neuen System gibt es vorne zu wenig Anspielstationen.

Kohfeldts Plädoyer in eigener Sache wird irgendwann nichts mehr nützen. Inzwischen hat der Trainer einen Rückzug aus freien Stücken nicht mehr völlig ausgeschlossen. Wenn er das Gefühl habe, dass die Mannschaft einen neuen Impuls brauche, sagt Kohfeldt, dann würde der Werder-Fan in ihm gewinnen. Für den Coach gilt: Zu Chancen und Risiken bewerten sie den Pokalkick oder schauen die Partie gegen die Gäste des 1. FC Union Berlin.