Bei Wirtschaftsinteressen sind uns die Menschenrechte egal, aber beim Fußball unabdingbar

Der Fußball muss sich rechtfertigen, während die Wirtschaft milliardenschwere Verbindungen zu Katar unterhält. Das gehört auch zur Debatte über diese WM.

Die Fußball-Weltmeisterschaft 2022 in Katar startet am Sonntag.
Die Fußball-Weltmeisterschaft 2022 in Katar startet am Sonntag.IMAGO

In Katar gibt es keine freien Wahlen und unabhängigen Medien. Homosexuelle müssen mit Verfolgung rechnen, gewerkschaftliche Strukturen werden streng kontrolliert. Gemessen an unseren Traditionen in Westeuropa, gemessen an Rechtsstaatlichkeit, Pressefreiheit und Säkularismus, dürfte es keine WM in Katar geben. Doch es geht nicht nur um unsere Traditionen. Die Fifa hat mehr als 200 Mitgliedsverbände. Die meisten von ihnen verbinden mit der WM in Katar Profit, Einschaltquoten, Party. Politische Themen bleiben in vielen Ländern Afrikas oder Asiens im Hintergrund.

Seit 2010 steht fest, dass die WM 2022 am Persischen Golf stattfinden wird. Doch erst 2021, über ein Jahrzehnt später, sind Forderungen nach einem Boykott lauter geworden, vor allem in westeuropäischen Ländern wie Norwegen, Frankreich und den Niederlanden. In Deutschland etwa vernetzten sich Fans, Aktivisten und Wissenschaftler im Netzwerk BoycottQatar.

Die Macht des Fußballs wandert Richtung Osten

Wir sollten aber den Kontext weiten. Ob Fifa oder Uefa, ob Real Madrid, Manchester City, der Hamburger SV oder der FC Arsenal – etliche Verbände und Spitzenklubs erhielten und erhalten Millionen von den staatlichen Fluglinien in Doha, Dubai und Abu Dhabi. Die Regionalmacht Saudi-Arabien steht mit ihrer sportlichen Geopolitik erst am Anfang. Wichtige Sponsoren kommen zunehmend auch aus China oder Aserbaidschan, also aus nicht demokratisch regierten Ländern. Die Macht des Fußballs wandert Richtung Osten.

Rund zwei Milliarden Euro dürfte Katar in europäische Fußballklubs investiert haben. Gemessen an den Gesamtinvestitionen des Emirats eine überschaubare Summe. Die staatliche Qatar Investment Authority (QIA) soll in Dutzenden Ländern mehr als 350 Milliarden Dollar angelegt haben. Gut ein Viertel in Großbritannien, den USA und Frankreich, drei ständigen Mitgliedern des UN-Sicherheitsrates. Katar hält Anteile an Kapitalmärkten wie der Londoner Börse und an Banken wie Barclays und Credit Suisse. Es bestehen ökonomische und politische Beziehungen, die lange vor der WM-Vergabe 2010 etabliert wurden und auch das Jahr 2022 überdauern werden.

In Norwegen haben Fußballfans und Spieler besonders intensiv über einen Boykott der WM in Katar diskutiert. Was wohl nur wenige von ihnen wissen: Zwischen Norwegen und Katar gibt es ein Freihandelsabkommen. Norwegische Unternehmen haben fast neun Milliarden Euro in Katar investiert, unter anderem in den Bereichen Landwirtschaft und Meerestechnik. Diese Unternehmen und ihre Beteiligungen spielen in der Debatte um Menschenrechte in Katar kaum eine Rolle.

Blick in eine Shopping-Mall in Katar
Blick in eine Shopping-Mall in KatarIMAGO/Pixsell

In Deutschland fokussiert sich die Kritik auf den FC Bayern. Der Rekordmeister soll von der staatlichen Fluglinie Qatar Airways jährlich rund zwanzig Millionen Euro erhalten. Weniger bekannt: Der katarische Staatsfonds ist einer der größten Auslandsinvestoren in Deutschland, mit einem Volumen von rund 25 Milliarden Euro. Katar hält beispielsweise Anteile an Volkswagen, dem Träger des VfL Wolfsburg, und an der Deutschen Bank, dem Namenspaten des Frankfurter Fußballstadions. Zudem sind deutsche Konzerne an Großprojekten in Katar beteiligt: die Deutsche Bahn und Siemens beim Aufbau der Nahverkehrsstrukturen, SAP bei der Digitalisierung.

Im globalisierten Fußball hängt alles mit allem zusammen. Daher ist es nicht verwunderlich, dass Proteste vor allem von NGOs und Fans kommen, nicht aber aus der Wirtschaft. Denn die Liste der Profiteure einer WM ist auch in Westeuropa lang. Sportartikelhersteller mit größeren Umsätzen, Fernsehanstalten mit höheren Quoten. Und die Industrie möchte mehr Autos, Flugzeuge und Maschinen an den Persischen Golf verkaufen. Seit Jahren liegen deutsche Exporte nach Katar jährlich bei rund eineinhalb Milliarden Euro.

Ein Crashkurs in Realpolitik

2018 empfing Bundeskanzlerin Angela Merkel den katarischen Emir Tamim bin Hamad Al Thani zu einem Wirtschaftsgipfel in Berlin. Beide Regierungen unterhalten eine gemeinsame Wirtschaftskommission. Das Treffen wurde von den deutschen Medien kaum kommentiert. Anfang 2022 empfing Präsident Joe Biden den Emir im Weißen Haus. Biden lobte das Engagement Katars bei der Evakuierung Zehntausender Afghanen nach der Machtübernahme der Taliban in Kabul. Einige Wochen später war der Emir bei Bundeskanzler Olaf Scholz zu Gast. Nach dem Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine braucht die Bundesrepublik Katar als Gaslieferanten. Ein Crashkurs in Realpolitik, an den sich der Fußball noch gewöhnen muss.

Statt die Utopie eines Boykotts der WM zu diskutieren – wie wäre es mit einem pragmatischen Ansatz? Wie könnten deutsche Profivereine ihre Soft Power nutzen, um konstruktiv auf die Menschenrechtslage in Katar einzuwirken, ohne dabei auf das Geld des Emirats zu verzichten? Das sind Fragen, die für die Wirtschaft nicht neu sind, für den Fußball schon. Die Vereinten Nationen, die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) oder die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) haben schon vor Jahren die Verantwortung von Unternehmen für Menschenrechte im In- und Ausland im Detail beschrieben.

Als Grundlage dafür bräuchten auch Fußballvereine ein seriöses Menschenrechtskonzept. Gemessen an den UN-Leitlinien würde dies bedeuten: eine Grundsatzverpflichtung zum Schutz der Menschenrechte, verankert etwa in ihren Vereinssatzungen. Eine umfassende Debatte mit allen Mitarbeitern. Eine kritische Bestandsaufnahme aller Geschäftsbeziehungen, auch zu Sponsoren, Medienpartnern oder Gastgebern von Trainingslagern. Eine selbstkritische Dokumentation von Missständen. Eine frühzeitige Zusammenarbeit mit externen Gruppen, mit Menschenrechtsorganisationen, Gewerkschaften und Sozialeinrichtungen.

Gesellschaftspolitisches Engagement muss weiter reichen

In den UN-Leitlinien zum Thema Menschenrechte wird nicht von grundsätzlichen Boykotts gesprochen. Insgesamt geht es darum, das Risiko zu reduzieren, an Menschenrechtsverletzungen beteiligt zu sein. Die Umsetzung eines solchen Konzepts erfordert Fachwissen und Personalaufwand. Doch die meisten Verbände und Vereine sind in den vergangenen Jahren eher einen traditionellen Weg gegangen. Der FC Bayern unterstützte angeschlagene Vereine bei Dutzenden von Benefizspielen. 2005 gründeten die Münchner den FC Bayern Hilfe e. V., einen gemeinnützigen Verein, in dem Spenden gesammelt und verteilt werden. 2015 stellte der FC Bayern eine Million Euro für Geflüchtete bereit. Das ist eindrucksvoll, aber genügt das?

Gesellschaftspolitisches Engagement muss weiter reichen. Es geht nicht darum, wie Unternehmen einen Teil ihrer Gewinne an wohltätige Projekte weitergeben. Es geht darum, wie sie diese Gewinne erwirtschaften. Einerseits unterstützen alle Vereine Bildungsinitiativen für benachteiligte Kinder. Andererseits machen sie sich von Sportartikelherstellern abhängig, die junge Näherinnen in Niedriglohnländern ausbeuten. Einerseits lassen Klubs auf ihren Stadiondächern Solaranlagen installieren. Anderseits legen sie sich umweltschädliche Besonnungsanlagen zu, damit ihr Rasen auch im Winter wächst.

Die französische Nationalmannschaft während einer Trainingseinheit in Doha
Die französische Nationalmannschaft während einer Trainingseinheit in DohaIMAGO/Shutterstock/Michael Zemanek

Die Vereine, die regelmäßig in der Champions League spielen, haben in der Regel mehrere hundert Mitarbeiter. Viele von ihnen sind mit Marketing und Expansion beschäftigt, insbesondere für die Märkte in Asien und Amerika. Die Jahresumsätze von Real Madrid, Manchester City oder dem FC Bayern übersteigen jeweils eine halbe Milliarde Euro. Viele dieser Klubs haben gemeinnützige Stiftungen für soziale Projekte eingerichtet, aber dabei handelt es sich meist um externe Organisationen ohne wesentlichen Einfluss auf den Kern der Fußballindustrie. Stattdessen sollten die Klubs eigene Abteilungen für Nachhaltigkeit einrichten, die sich mit dem Thema Menschenrechte, aber auch mit Klimaschutz, Diversität und Gesundheitsförderung beschäftigen.

Angesichts der hohen Summen, die im Fußball zirkulieren, könnten diese Abteilungen locker einen Etat von 15 oder 20 Millionen Euro haben: für Sachmittel und für Angestellte, für Menschenrechtsexperten, Sozialarbeiter, Kulturschaffende. Mit direkter Anbindung an den Vorstand, verzahnt mit allen anderen Abteilungen. Dann könnten die Klubs ihre Partnerschaft mit Qatar Airways oder Emirates ausführlicher begleiten, etwa mit einem differenzierten Austausch mit Arbeitsmigranten oder Frauenrechtlerinnen. Sozialpolitik und Kommerz müssen sich nicht ausschließen. Mit den richtigen Konzepten könnte man damit sogar neue Fans und Sponsoren gewinnen.

Erst durch den Fußball ist Europa auf tote Gastarbeiter aufmerksam geworden

Für einen glaubwürdigen Austausch sind Klubs wie der FC Bayern auf Partner außerhalb der Herrscherfamilie angewiesen. In Katar gibt es keine unabhängigen Medien, NGOs und Gewerkschaften, sehr wohl aber anerkannte Universitäten und Kultureinrichtungen. Der FC Bayern könnte von Erfahrungen anderer deutscher Organisationen profitieren. Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden wirkten an Ausstellungen mit. Das Deutsche Archäologische Institut führte Erkundungsmissionen durch.

Fußball-Weltmeisterschaft: Ein Bauarbeiter in der Nähe der Fanzone.
Fußball-Weltmeisterschaft: Ein Bauarbeiter in der Nähe der Fanzone.IMAGO/Shutterstock/Javier Garcia

In Wirtschaft und Kultur geht es mitunter um höhere Summen, dennoch steht der FC Bayern unter stärkerer Beobachtung. In der Außenpolitik gilt ein Austausch auf Augenhöhe mit nichtdemokratischen Staaten als Diplomatie, in der Wirtschaft als Expansion. Im romantisierten Fußball spricht man dagegen vom Ausverkauf der Werte. So zynisch es klingen mag: Erst durch den Fußball ist Europa auf tote Gastarbeiter am Persischen Golf aufmerksam geworden.

Nach den Maßstäben Europas, deren Gewerkschaften sich über Generationen herausgebildet haben, ist Katar rückständig. Nach den Maßstäben der Golfregion, die Arbeiterbewegungen nicht kennt, ist Katar ein Zukunftsmodell. Saudi-Arabien lässt weniger Einmischung von außen zu als Katar, das internationalen Organisationen für Arbeitsrechte Zugang zum Emirat ermöglicht. Früher war das undenkbar. In wenigen Jahren sind einige Reformen entstanden, doch sie können nur spürbare Wirkung haben, wenn sich das ganze System weiterentwickelt und Kontrollmöglichkeiten zulässt – durch Gewerkschaften, Medien und Zivilgesellschaft.

Konservative Kreise in Katar bereuen inzwischen ihre WM-Gastgeberrolle

Neunzig Prozent der katarischen Bevölkerung sind Einwanderer. Ob sich bei den Einheimischen irgendwann die Einsicht durchsetzen wird, dass Gastarbeiter mehr sein können als billige Hilfskräfte? Dass sie Kultur, Konsum und Gemeinwesen bereichern können? Konservative Kreise in Katar bereuen inzwischen sogar ihre Gastgeberrolle bei der WM. Sie fühlen sich vom Westen gemaßregelt und an die Kolonialzeit erinnert. Erst Russland, nun Katar, demnächst womöglich China – auf den Fußball werden weiterhin große Herausforderungen zukommen, nicht nur auf internationaler Ebene.

Die Deutsche Fußball Liga (DFL) könnte Menschenrechtskonzepte und eine Umsetzung in Etappen zu einer Bedingung für eine Bundesligalizenz machen. Niemand muss dafür auf Interessensvertreter von außerhalb warten. Die Vereinsmitglieder könnten Anträge stellen, überregionale Netzwerke knüpfen oder ihr eigenes Verhalten reflektieren, etwa Auswärtsreisen in nichtdemokratische Staaten überdenken, auch den Kauf von Trikots, die in Niedriglohnländern produziert wurden, oder die Nutzung von multinationalen Wettanbietern und Bezahlsendern. Fans könnten auf Sponsoren zugehen oder die Abgeordneten ihrer Wahlkreise auf das Thema hinweisen. Viele NGOs haben ein Portfolio zu Sportthemen entwickelt. Sie bieten Broschüren, Workshops und Internetspots an – leider wird ihr Wissen zu selten genutzt und verbreitet.

Fußball-Weltmeisterschaft: Ein Fan-Bereich in der Nähe des Hafens von Doha.
Fußball-Weltmeisterschaft: Ein Fan-Bereich in der Nähe des Hafens von Doha.IMAGO/Shutterstock/Javier Garcia

Rund um die WM in Katar werden zahlreiche Bücher und Dokumentationen zum Thema erscheinen. Es werden Konferenzen stattfinden. Darin liegt eine Chance, um mehr zu erreichen als die Pflege des moralischen Gewissens in Europa. In den 24 Staaten des arabischen Kulturkreises leben fast eine halbe Milliarde Menschen. In vielen Ländern hat der Fußball den Regierungen dort als Machtinstrument gedient, doch er hat auch Bevölkerungsgruppen zueinandergeführt: Das Nationalteam des Irak gewann 2007 sensationell die Asienmeisterschaft und vermittelte einer gespaltenen Gesellschaft Hoffnung. Während des Arabischen Frühlings 2011 protestierten in Ägypten, Algerien und Tunesien auch Tausende Fußballfans. Die palästinensischen Gebiete erhalten keine Anerkennung von den Vereinten Nationen, aber ihre Nationalmannschaft beschert ihnen einen Funken Staatlichkeit. Diese Beispiele zeigen: Der Nahe Osten und Nordafrika lassen sich durchaus mithilfe des Sports erkunden.

Ich habe als Journalist durch das Vergrößerungsglas Sport viel über politische, religiöse und wirtschaftliche Entwicklungen gelernt. Ich nehme mir weiterhin vor, Länder außerhalb Europas nicht nur anhand ihrer Defizite zu beschreiben und zu bewerten. Egal, wie fremd mir eine Kultur auch vorkommt, sie sollte für unsere Unterhaltung nie exotisiert werden. Würden wir als Medien lösungsorientierter über die verzweigten Interessen und Abhängigkeiten im Sport diskutieren, würden sich vielleicht mehr Menschen für einen Austausch interessieren – und entsprechend engagieren.


Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch „Die WM und ich. Reporter erzählen. Von Bern bis Katar, Momenten für die Ewigkeit und was aus dem Fußball geworden ist“, Herausgeber Gerhard Waldherr, Allitera Verlag, 28 Euro.