Berlin - Es gibt allerlei mehr oder weniger schlaue Sprüche zum Thema Niederlage. Wobei die Aphoristiker – auch die nicht ganz so schlauen – zumeist zu dem Schluss gekommen sind, dass so eine Niederlage für die Persönlichkeitsbildung beziehungsweise für die gemeinsame Unternehmung hin und wieder gar nicht verkehrt ist. Aber das natürlich nur, wenn man in der Lage ist, die richtigen Lehren daraus zu ziehen. Dann darf auch das walisische Sprichwort bemüht werden, wonach Niederlagen die Pfeiler des Erfolges sind.

Urs Fischer, der Trainer des 1. FC Union, ist ein Meister der Aus-der-Niederlage-Lehre. Das hat der Schweizer in den vergangenen Jahren als Impresario des sportlichen Aufschwungs der Köpenicker hinlänglich bewiesen. Der 55-Jährige ist nicht nur zur tiefgreifenden Ursachenforschung fähig, nein, im Gegensatz zu dem einen oder anderen Kollegen bringt er seine Spieler fast immer dazu, Fehler kein zweites Mal zu begehen. Fischer ist ein Fußballlehrer im besten Sinne.

Ja natürlich kriegt man da einen Hals, wenn man ein Spiel auf diese Art und Weise verliert.

Urs Fischer

Es darf also aus gutem Grund davon ausgegangen werden, dass sich die Eisernen in den noch ausstehenden Ligaspielen gegen Bayer Leverkusen (15. Mai) und gegen RB Leipzig (22. Mai)  anders präsentieren werden als beim 0:3 in Wolfsburg. Dass sie im Fernduell mit Borussia Mönchengladbach um die Qualifikation für die Conference League wieder forscher und geschlossener zu Werke gehen werden als am Sonnabend.

Schon ein bisschen entsetzt war Fischer da vom Auftritt seiner Mannschaft im ersten Spielabschnitt. „Ja natürlich kriegt man da einen Hals, wenn man ein Spiel auf diese Art und Weise verliert“, gab er im Interview mit Sky unumwunden zu, und führte sogleich aus: „In der ersten Hälfte war unsere Leistung nicht ausreichend Wir waren nicht bereit für die Aufgabe. Erstaunlicherweise! Wir waren nicht in den Zweikämpfen, die Abstände waren zu groß. Wir konnten kaum einen Ball halten, ja dann wird es schwierig.“

Robin Knoche gibt viel zu oft den Libero

In der Tat: Union trat in der Auseinandersetzung mit dem Champions-League-Anwärter nicht wie Union auf, zumindest nie wie das Union, das Fischer geprägt hat. Jeder Einzelne war in Anbetracht der hohen individuellen und spieltaktischen Qualität des Gegners erst mal mit sich selbst beschäftigt. Da war kein Miteinander, das es braucht, um sich auf Dauer erfolgreich gegen eine derart variabel agierende Offensive zu wehren. Fischer erklärte: „Wenn die letzte Kette die Mittelfeldkette nicht unterstützt, bekommst du Probleme.“ Oder eben umgekehrt.

imago/Behrendt
Gentner nimmt Abschied von Union

Christian Gentner wird nach der Saison den 1. FC Union Berlin verlassen. „Gemeinsam mit meiner Familie habe ich beschlossen, im Sommer noch einmal neue Wege zu gehen. Jetzt geht es darum, die letzten Spiele im Union-Trikot zu genießen und diese tolle Saison bestmöglich zu Ende zu bringen“, sagte der Mittelfeldspieler in einer Mitteilung des Vereins. Der 35-Jährige war 2019 vom VfB Stuttgart, der in der Relegation an Union gescheitert war, nach Berlin gewechselt. Wohin es Gentner nun zieht, gaben weder Spieler noch Verein bekannt.

Sebastian Griesbeck konnte an der Seite des müde wirkenden Christian Gentner den kurzfristig wegen einer Verletzung am großen Zeh verhinderten Robert Andrich nicht adäquat ersetzen. Robin Knoche gab als zentraler Abwehrspieler viel zu oft einen verkappten Libero, stand also viel zu oft viel zu tief. So durften sich im Besonderen Maximilian Philipp und der Dreifachtorschütze Josip Brekalo (12., 63., 90.) nahezu ungehindert zwischen den eisernen Linien herumtreiben.

Erschwerend kam hinzu, dass sich Petar Musa, Joel Pohjanpalo und Marcus Ingvartsen in vorderster Reihe vergebens um die Störung des Wolfsburger Aufbauspiels mühten. Fischer erkannte: „Wir sind einfach nicht in die Zweikämpfe gekommen, hatten zu viele einfache Ballverluste. Wenn wir uns nicht am Limit bewegen, wird es schwierig für uns zu punkten. Das war heute einfach über 90 Minuten zu wenig.“ Was freilich nicht für Keeper Andreas Luthe gilt, der hinsichtlich der Spekulationen über die Verpflichtung eines Torhüters die richtige Reaktion zeigte: Er glänzte in eigener Sache.

Ohne Andrich fehlt es im Zentrum an Präzision und Schärfe

Nun stellt sich die Frage, ob die Probleme mit den Ketten und dem Pressing nicht nur eine Frage der Tagesform, sondern auch eine der individuellen Fähigkeiten ist. Es fällt halt schon ins Gewicht, dass Fischer seit Monaten auf Taiwo Awoniyi und Sheraldo Becker und damit auf die Wucht des einen und das Tempo des anderen verzichten muss. Dass in Abwesenheit von Andrich im Zentrum die Schärfe und Präzision fehlt. Und dass mancher für die inzwischen von Fischer bevorzugt eingesetzte Dreierkette in der Abwehr in Sachen Spielverständnis nicht über die entsprechenden Qualitäten verfügt. 

Um den Ansprüchen, die letztlich aus dieser sehr erfolgreichen Saison resultieren, gerecht zu werden, braucht es also offensichtlich auf der einen oder anderen Position einen neuen Könner. Das ist Fischer bewusst, das ist Manager und Kaderplaner Oliver Ruhnert bewusst. Sicherlich nicht erst seit dieser Niederlage.