Kein Weg ist zu steil: Urs Fischer zeigt im Trainingslager den Bergsteiger im Schweizer und den Sportler im Trainer.
Foto: Matthias Koch

OrihuelaNeun Tage Trainingslager im Real Club de Golf Campoamor sind für Bundesligist 1. FC Union gestern mit dem Rückflug nach Deutschland zu Ende gegangen. Schlussendlich, wie Trainer Urs Fischer wohl einleitend sagen würde, wähnt man sich für die Rückrunde und den Start bei RB Leipzig gerüstet. Das hatte Union allerdings auch in der Hinrunde gedacht und 0:4 verloren. „Wir werden ganz sicher bereit sein“, sagte Fischer. „Es wird eine ganz schwierige Aufgabe, weil die Spiele weniger werden.“

Von einem psychologischen Effekt berichtet der Schweizer Coach, der sagte: „Es fällt leichter bei einer negativen Serie ruhig zu bleiben, wenn du noch 25 Spiele vor dir hast und nicht noch nur acht. Weil es auch im Kopf ein anderes Bild ist. Es geht um die Wurst, das wird eine andere Dynamik geben. Darauf müssen wir vorbereitet sein.“ Und darauf, dass die Rückrunde auch technisch anspruchsvoll werden wird. Kleinere Schönheitsfehler hatten sich vor allem in den Testspielen offenbart, in denen die Köpenicker wegen mehrerer angeschlagener Innenverteidiger oft von Dreierkette auf Viererkette in der Defensive umstellten.

Trimmel verlängert vorzeitig

Den letzten Test von dreien gewann Union am Tag vor der Abreise aus Spanien gegen den ungarischen Titelträger Ferencvaros Budapest nach Toren von Neven Subotic, Anthony Ujah und Sebastian Andersson mit 3:2 (3:2). Doch die zwei Gegentore durch Israel Barbosa und Gaston Ludico   sowie eine zweite Hälfte ohne jeden Zugriff aufs Spiel zeigten, dass noch nicht alles rund läuft. Der erste Abschluss gelang Marius Bülter erst zwölf Minuten vor dem Ende.

„Wir müssen uns gesamthaft über 90 Minuten schlussendlich steigern, wenn wir in Leipzig einen Punkt mitnehmen wollen“, sagte Fischer. RB allerdings spielt einen anderen Stil als Ferencvaros Budapest. „Es ist dann wirklich sehr schwierig, im gleichen System und mit der gleichen Geschwindigkeit wie Leipzig einen Gegner zu finden. Die zu kopieren wird schwierig“, sagt der 53-Jährige. Immerhin sei Ferencvaros nach der Pause schon sehr „flott unterwegs“ gewesen. „Eine gewisse Geschwindigkeit haben wir dann schon zu spüren bekommen.“

Das Grundsatzfazit des Trainers fällt positiv aus. „Wir konnten in etwa das umsetzen, was wir geplant hatten. Wir hatten zwei tolle Plätze, die Wege waren kurz. Auch genug Platz, um mit einigen Spielern individuell zu arbeiten, ohne dass die Plätze beansprucht und damit kaputt gemacht worden sind“, sagte Fischer. „Wir haben viele Gespräche geführt und den Spielern mitgeteilt, woran sie sind. Alles schon sehr, sehr gut. Ich glaube, wir befinden uns auf einem guten Weg.“

Die zahlreichen Gespräche in der Lobby des Teamhotels gipfelten übrigens in der vorzeitigen Vertragsverlängerung mit Kapitän Christopher Trimmel bis 2021. Dessen Arbeitspapier hätte sich zwar im Laufe der Rückrunde – Gesundheit vorausgesetzt – ohnehin prolongiert. Aber für Union war das ein klares Statement für die Zukunft, die ja weiterhin zweigleisig geplant werden muss.

„Es wird keinen Spieler bei uns geben, der keinen Vertrag für die Erste und die Zweite Liga unterschreibt“, sagte Manager Oliver Ruhnert. Indirekt war das auch ein Signal an Rafal Gikiewicz, der sich ja nicht vorstellen kann, im Falle eines Abstieges in Köpenick tätig zu bleiben. Da wird es noch mehrere Gesprächsrunden geben müssen, um dem Polen einen Verbleib auch im Fall der Fälle schmackhaft zu machen.

Ruhnert beobachtet den Transfermarkt

Erst einmal steht Leipzig im Vordergrund. Während sich Union in Spanien vorbereitete, hat RB in heimischen Gefilden trainiert. Auch um Akklimatisierungsproblemen aus dem Weg zu gehen. „In Deutschland hätten wir bei zwei Trainingseinheiten am Tag wenig Zeit gehabt, weil es in Berlin ja schon wieder um halb vier dunkel ist“, sagte Fischer. „Da hätten wir immer schon um 14 Uhr wieder beginnen müssen. Die Spieler brauchen ja auch eine gewisse Zeit zwischendrin, um zu regenerieren und sich pflegen zu lassen.“

Klar ist derweil, dass es bei Union kaum große Veränderungen geben wird in der Startelf nach der Winterpause. Zugänge gab es nicht, weil kein Spieler auf dem Mark war, der sofort und entscheidend weiterhelfen würde und dabei bezahlbar ist. Ruhnert hält weiter die Augen offen. „Wenn sich die Möglichkeit ergibt, einen Topspieler zu holen, dann werden wir uns nicht beschränken“, sagte er.

Bis Grischa Prömel (Patellasehne), Keven Schlotterbeck (Innenband im Knie) und Florian Hübner (Fußprobleme und zeitweiliger Infekt) wieder voll ins Geschehen eingreifen, wird es noch etwas dauern. Auch wenn alle „auf einem guten Weg“ sind, wie Fischer sagte. Unerfreulich sind die Verletzungen von Joshua Mees und Lennard Malony. Letzterer soll in Berlin aber bald wieder ins Team zurückkehren, Mees fällt mit einer schweren Muskelverletzung im Oberschenkel wochenlang aus. Auch Suleiman Abdullahi machte sein Knie so sehr zu schaffen, dass er in Spanien keine einzige Trainingseinheit auf dem Platz bestreiten konnte. Mehr Zuversicht herrscht bei Akaki Gogia, der am Dienstag beim ersten Training in Berlin wieder zum Kader stoßen soll. „Da müssen wir eine gewisse Vorsicht walten lassen. Aber das alles ist eben auch Fußball.“ Urs Fischer denkt pragmatisch, schlussendlich.