Wenn am Sonnabend Hertha BSC im Olympiastadion den FC Schalke 04 empfängt (15.30 Uhr), kann es zum Treffen zweier alter Freunde und Straßenfußballer kommen, die sich einst in den Fußball-Käfigen des Wedding die Knie aufschlugen und später in der Jugend der Reinickendorfer Füchse und bei Hertha BSC zusammenspielten: Änis Ben-Hatira und Kevin-Prince Boateng. Es wäre das erste Mal, dass beide Profis in der Bundesliga gegeneinander spielen.

Änis, haben Sie in dieser Woche schon mit Kevin-Prince telefoniert?

Nein. Ich habe ihn in Ruhe gelassen. Er soll ja ein paar Probleme mit seinem Knie haben. Ich hoffe, dass er spielen kann und freue mich wirklich sehr auf ihn.

Zum ersten Mal trafen Sie auf Kevin-Prince bei den Reinickendorfer Füchsen. Da waren Sie gerade einmal acht Jahre alt.

Das stimmt. Mich hatten Jugendtrainer der Füchse beobachtet, Frank Friedrichs und Dennis Hoy-Ettisch. Die sahen, dass ich an der Seitenlinie stand und eine Halbzeit lang ohne Pause den Ball hochgehalten und jongliert habe. Die haben mich zu den Füchsen geholt. Ashkan Dejagah, Kevin-Prince Boateng und Chinedu Ede waren schon dort.

Welche Rolle spielten diese beiden Jugendtrainer in Ihrer Karriere?

Eine wichtige. Die hatten damals die tolle Jugendarbeit von Ajax Amsterdam als Vorbild und ließen uns ähnlich wie die Holländer trainieren. Das war ein sehr modernes Training, das mir imponiert hat. Ich trug die Nummer 10 und Kevin die 9, wir hatten so ähnliche Trikots wie Ajax. Die waren aber selbst geschneidert.

Wie wurde denn geübt?

Da gab es zum Beispiel den Tannenbaum. Es wurden Hütchen im Zickzack aufgestellt und wir mussten die Hütchen mit Finten, Tricks und Übersteigern umspielen. Das waren sehr effektvolle Tricks, die wir später im Spiel gebrauchen konnten.

Sie gingen später, 1999, zu Hertha BSC. Auch ihre Trainer. Kevin-Prince war dort schon in der C-Jugend. Später spielten sie zusammen. Haben Sie damals schon gemerkt, dass Sie vielleicht einmal große Spieler werden könnten?

Na ja, man weiß durch Freunde und Eltern, dass man ganz gut ist. Aber erst im Zusammenspiel mit vielen anderen sehr guten Leuten steigert man sich und bemerkt langsam seinen Wert. Damals waren die Füchse, Tennis Borussia oder Tasmania auch gut in der Jugend. Aber uns konnte später in Berlin keiner etwas vormachen.

Lange lief es gut für Sie. Als Sie B-Jugend spielten, kam es aber zur Trennung von ihrem Lieblingsverein Hertha?

Daran hatten beide Seiten ihren Anteil. Wir jungen Spieler haben uns nie etwas vormachen lassen. Wir waren Straßenfußballer, die wussten, was Gerechtigkeit ist. Wir haben nicht zu allem Ja und Amen gesagt und sind auch mal angeeckt. Solch eine Generation, die in den Käfigen der Stadt groß geworden ist, gab es damals noch nicht. Wir sind mit Leuten aufgewachsen, die viel durchgemacht haben, und wir kommen aus einfachen Verhältnissen. Es gab dann ein paar Probleme, und Hertha sperrte mich lange. Ich habe damals jämmerlich geweint und bin zu Tennis Borussia gewechselt. Als ich später sah, dass Dejagah zum ersten Mal im Profikader bei Hertha stand – der hat mit 18 Bundesliga gespielt – habe ich gedacht: Das will ich auch.

Zu Ihrer Clique gehörten die Brüder Boateng, Dejagah, Ede und auch Patrick Ebert. Der Kontakt ist bis heute geblieben?

Ja, der wird immer halten. Ich versuche, das auch zu pflegen.

Sie sagten einmal, durch Ihre Vergangenheit hatten und haben Sie und Ihre Gruppe eine stärkere Motivation als andere?

Das trifft zu. Wir haben 80 Prozent unserer Freizeit in den Weddinger Käfigen verbracht, und wenn du verloren hast, musstest du warten, bis du wieder drankommst. Du musstest besser sein als andere, besser als die andere Clique. Das war ein täglicher Kampf. Wir haben in fünf, sechs Käfigen gespielt, überall in unserem Stadtbezirk. Verlieren kam für uns nicht in Frage. In der Jugend mit Hertha haben wir in einer Saison ein Mal nur Unentschieden gespielt. Das war für uns wie eine Niederlage.

Sie gingen später zum Hamburger SV und wurden 2009 mit Dejagah, Ede, Ebert und Jérôme Boateng zusammen in Schweden U21-Europameister. Ein Kuriosum.

Das war eine wunderschöne Zeit. Kevin-Prince gehörte auch dazu, wurde aber kurzfristig nicht nominiert. Das hat uns damals tief getroffen. Aber wir waren tolle Mannschaftskameraden und hatten tolle Trainer um Horst Hrubesch.

Kevin-Prince Boateng war ja immer so etwas wie der Anführer der Clique. Haben Sie ihm solch eine Karriere mit Stationen bei Tottenham und beim AC Mailand tatsächlich zugetraut?

Auf jeden Fall. Jeder von uns hat das Zeug, ein großer Fußballer zu werden. In London hatte er es schwer und musste erkennen, dass er nicht immer im Mittelpunkt stehen kann. Das hat ihn motiviert. Er wollte beweisen, dass er ein Leader ist.

Später foulte er im englischen FA-Cup-Finale mit Michael Ballack den Kapitän der deutschen Nationalmannschaft, der deshalb die WM 2010 in Südafrika verpasste. Er wurde in Deutschland so etwas wie der „Staatsfeind Nummer eins“. Wie haben Sie ihn erlebt?

Ich war selbst Augenzeuge des FA-Cupfinals zwischen Portsmouth, wo Kevin ja inzwischen spielte, und Chelsea mit Ballack. Unsere Gruppe ist zu ehrlich, um jemanden bewusst kaputt zu treten oder eine Schwalbe zu fabrizieren. Im Käfig mussten wir immer wieder aufstehen nach kleinen Fouls. Da war alles echt und ehrlicher Fußball. Dass Kevin dann zum Sündenbock wurde, war schade. Aber die Situation hat ihn im Nachhinein stark gemacht.

Es folgte eine starke WM für Boateng mit Ghana und der Wechsel zum AC Mailand.

Davor ziehe ich den Hut. In Mailand hat er mit Ronaldinho und Ibrahimovic zusammengespielt. Das ist noch mal ein anderes Level.

Ihr Jugendtrainer Frank Friedrichs sagt heute, Kevin-Prince Boateng sei eigentlich der ideale Mittelstürmer?

Das ist er auch. Er war früher ein richtiger Neuner, hat über die Hälfte unserer Saisontore geschossen. Er ist tatsächlich der ideale Mittelstürmer, er kann alles. Im Laufe der Karriere ist er eben weiter nach hinten gerückt.

Friedrichs sagt auch, Sie hätten das ideale Profil eines Außenstürmers, sind dribbelstark, besitzen eine gute Schusstechnik und sind passsicher. Sie aber wollen lieber zentral offensiv agieren, so wie zuletzt im Spiel bei Bayern München?

Da ist Frank Friedrichs, den ich sehr schätze, der einzige Trainer, der das sagt. Aber: Ich kann alle Positionen spielen, was ja auch ein Vorteil ist. Viele Trainer sehen mich zentral am stärksten.

Der 18-jährige Hany Mukhtar gab beim 2:3 in München sein Debüt in der Bundesliga bei Hertha. Mit John Anthony Brooks, Fabian Holland und Nico Schulz stehen auch sehr junge Eigengewächse in der Mannschaft. Haben die es leichter als Ihre Clique damals?

Wir sind ja auch noch relativ jung. Aber vor sieben, acht Jahren ist oft auf erfahrene, ältere Profis gesetzt worden. Jetzt bekommen in der Bundesliga wieder verstärkt junge Leute eine Chance. Aber es ist ja egal, ob man 36 oder 20 ist. Wer topfit ist und Leistung bringt, der spielt. Aber mir scheint, die ganz jungen Profis haben es derzeit etwas leichter als wir damals.

Das Gespräch führte Michael Jahn.