Diagonalangreifer bei den BR Volleys: Benjamin Patch.
Imago Images/Bernd König

BerlinDer Berliner Volleyball-Profi Benjamin Patch, 25, ist in Utah aufgewachsen. Dort ist er zuletzt öfter Zelten gefahren, hat die Weite genossen, die Wüste, die Berge, San Rafael Swell. Seine Kreuzberger WG, die Schmelinghalle, waren für ihn weit weg, während er am Feuer saß, in die Sterne schaute. In der Natur hat er Kraft geschöpft für den Kampf um Gerechtigkeit, um Gleichheit. An diesem Sonnabend marschiert Patch erneut bei den Anti-Rassismus-Demonstrationen in Salt Lake City mit und hält sein Protest-Banner hoch.

Benjamin, Sie kamen irgendwann nach Hause und haben den Vorfall mit George Floyd im Fernsehen gesehen?

Ich habe die Ermordung von Ahmoud Arbery gesehen, der nur die Straße langgejoggt war. Das war schockierend. Ich habe die Ermordung von George Floyd gesehen. Im Fernsehen zu erleben, wie jemand getötet wird, und dieser Mensch hat die gleiche Hautfarbe wie du selbst, ist einfach Wahnsinn. Und es ist so traurig, dass meine erste Frage war: Was hat George Floyd falsch gemacht? Warum wurde er festgenommen? Anstatt zu fragen: Was gibt dem Officer das Recht? Es war wichtig, dass ich umgedacht habe. Eigentlich wird jemand festgenommen, weil er etwas falsch gemacht hat. Das ist in den USA aber nicht mehr der Fall.

Sondern?

Menschen werden missbraucht, getötet ohne Grund, außer dem Missbrauch der Macht von Menschen, die geschworen haben, die Gesetze zu schützen. Stattdessen brechen sie die Gesetze und nutzen ihre eigenen Vorurteile, ihren Rassismus, ihren Hass, um ihre eigene Agenda zu erfüllen. Das ist Mord.

Und das ist nicht neu. Dass der Footballer Colin Kaepernick aus Protest gegen die Polizeigewalt während Amerikas Nationalhymne niederkniete, geschah aus dem gleichen Grund– das war vor vier Jahren.

Ja, das war damals nicht okay, verfassungswidrig, gegen Amerika. So kann man nicht protestieren. Eine große Mehrheit der Menschen hier in Amerika ist so ignorant, und sie wollen ignorant bleiben. Ich frage: Wie wollen sie unseren Protest haben? Wenn Niederknien während der Hymne nicht okay ist, wenn das Marschieren durch Straßen nicht okay ist, wenn laut sein nicht okay ist? Das Problem sind nicht wir. Die allgemeine Gesinnung ist nicht mit uns, sondern voll von ihrem Hass, ihrem Rassismus. Das ist traurig.

Berliner Zeitung/Markus Wächter
Zur Person

Benjamin Patch spielt seit zwei Jahren als Hauptangreifer beim deutschen Meister BR Volleys. Er wurde im US-Bundesstaat Utah geboren und wuchs bei Adoptiveltern auf. Seine Volleyball-Karriere startete er im Alter von 16 Jahren an der Provo High School. Seit 2015 ist der 2,05-Meter-Mann mit der unglaublichen Sprungkraft US-Nationalspieler. In Berlin wurde Benjamin Patch schnell zum Publikumsliebling und trug entscheidend zum Gewinn der deutschen Meisterschaft 2019 bei. Der 25-Jährige wohnt in Kreuzberg in einer Künstler-WG und beschäftigt sich mit Fotografie, Mode und Keramik-Kunst. Nach dem Abbruch der Volleyballsaison im März flog er auf Anraten des US-Volleyball-Verbandes zurück in die USA.

Hat sich diese Haltung verstärkt, seit Donald Trump Präsident ist?

Ehrlich gesagt, nein. Aber mit seiner Präsidentschaft hat er die Erlaubnis gegeben, diese Dinge unter den Augen der Öffentlichkeit zu tun. Solche Dinge sind auch geschehen, bevor Donald Trump Präsident war. Da haben sich die Leute im Schatten gehalten. Trump duldet diese Art Verhalten nicht nur, er fördert die Spaltung. Menschen fühlen sich sicher, solche Sachen vor aller Augen zu tun. Es ist nicht neu, dass unschuldige schwarze Frauen und Männer von Polizisten getötet werden. Dass wir es jetzt auf einem Live-Video sehen können, sollte den Führer eines freien Landes schockieren. Dass er nicht schockiert ist, sagt mehr als genug über diesen Mann und über die Macht, die wir ihm gegeben haben.

Die Macht scheint zu bröckeln.

Es war erstaunlich, was der frühere Verteidigungsminister gesagt hat: Wir können uns vereinen - ohne Trump. Das ist so wahr. Es gibt in Amerika eine große Mehrheit, die an Moral glaubt, an das Gute, dass wir eine führende Nation für die Liebe, das Licht sein können. Wir können das ohne Trump tun. Wir brauchen ihn nicht, um eins zu werden.

Die Geste des Niederkniens von Colin Kaepernick hat der Polizist in Minneapolis ...

… benutzt, um zu töten. Das alles passiert mitten in einer Pandemie. Es passiert gerade sehr viel. Es ist eine wichtige Zeit in der Geschichte.

Empfinden Sie den Zusammenhalt unter denjenigen, die protestieren, größer als je zuvor?

Ja. Wir haben die meisten offensichtlichen Fälle von Rassismus in der Welt. Wenn wir uns verändern, ändern sich auch andere Länder. Wir müssen ein Führer gegen Rassismus sein. Der Zusammenhalt und die Macht der Menschen auf der Straße ist überwältigend. Es muss weitergehen, bis das aufhört. Es gibt keinen Platz für Rassismus.

Sportstars wie Michael Jordan oder Dirk Nowitzki haben sich geäußert, die Fußballer des FC Liverpool und FC Chelsea sind niedergekniet. Sie selbst haben in den sozialen Medien ein komplett schwarzes Bild mit #blackouttuesday verschickt, ein Statement auf der Homepage der Berlin Volleys hinterlassen. Ist das Ihr Beitrag?

Es ist eine Sache, die ich tun kann. Ich versuche, einen Großteil meiner Zeit dem Kampf für Gleichheit zu widmen. Ich gehe zu Protesten, sende E-Mails an Gouverneure und Abgeordnete, ich versuche, ein Bewusstsein zu schaffen. Ich spreche mit Freunden. Posts sind toll, aber wir erreichen damit meist die Gleichen. Wir müssen aber mit den anderen Leuten sprechen, mit denen, die sich noch nicht mit Rassismus beschäftigt haben, ihn nicht sehen.

Haben Sie an Protestmärschen teilgenommen?

Ja, am Mittwoch, am Donnerstag, ich gehe auch am Sonnabend hin, ins Zentrum von Salt Lake City. Ich habe ein Banner, auf dem steht: „Keine Gerechtigkeit, kein Frieden.“ Meine Freunde und ich gehen dort so lange hin, bis der Rassismus aufhört.

Es gibt viele Weiße, die sich an den Protesten beteiligen.

Ja, das ist neu. Die ganze Welt fühlt diese Traurigkeit, diesen Schmerz. Es musste dafür erst jemand in einem Video sterben, dass alle aufwachen. Aber wenn es das braucht, nutzen wir das, um zu erreichen, dass es nie wieder passiert. Wenn jetzt Leute auf den fahrenden Zug aufspringen, sage ich: Kommt her, springt auf! Mir ist es egal, ob ihr es tut, weil es ein Trend ist, wir brauchen so viele Körper wie möglich, um zu marschieren, zu kämpfen, unsere Stimme zu erheben.

Trump antwortet mit dem Militär, versteckt sich im Bunker.

Er ist Gift für unsere Welt. Der Titel „President of the United States“ war immer verbunden mit dem Titel „Führer einer freien Welt“. Aber Trump weiß nicht, wie man führt. Er weiß nur, wie man hasst.

Glauben Sie, das alles könnte in einem Bürgerkrieg enden?

Das hier ist gerade ein Bürgerkrieg. Ich mag Krieg nicht. Ich mag Gewalt nicht. Aber wir müssen alles tun, um Rassismus zu stoppen. Wir brauchen ein besseres System. Unser System ist nicht kaputt, unser System war schon immer da. Wir brauchen ein neues.

Als Barack Obama Präsident war, war das System genauso falsch?

Er hat einen großen Fortschritt möglich gemacht, hat geholfen, das System zu verbessern. Es war mehr Frieden in den Herzen der Menschen, sogar in der ganzen Welt. Er hatte nicht die immer gleiche weiße, reiche Sozialisation. Es war leichter für die Menschen zusammenzukommen, denn wir haben jemanden gesehen, der anders war, seine Arme geöffnet hat und wusste, dass er vielleicht nicht von allen gemocht wird, aber trotzdem die Menschen einen wollte. Trump hat nie so etwas gesagt, nie so agiert. Er will oben sein. Er will, dass seine Leute sich klein fühlen. Er will Spaltung. Er will Klassenunterschiede. Es ist verrückt, dass so jemand Macht über ein ganzes Land hat. Das ist so gefährlich.

Hoffen Sie, dass er nicht wiedergewählt wird?

Ich hoffe es bei Gott. Es wäre ein großer Schritt, ihn aus dem Amt zu kriegen.

Man kann nicht sicher sein, dass es so kommt.

Das ist so beängstigend. Vielleicht gibt es Korruption, Betrug. Es ist doch einfach unvorstellbar, dass eine Mehrheit der Amerikaner ihn wieder wählen wird. Republikaner seiner eigenen Partei wenden sich von ihm ab.

Colin Kaepernick hat seit seinem Protest keine Anstellung mehr in der National Football League gefunden. Sie sind US-Nationalspieler. Haben Sie keine Angst, dass Sie für Ihre Haltung bestraft werden könnten?

Wenn es so ist, nehme ich die Bestrafung hin. Ich stehe zu 100 Prozent hinter dem, was ich sage.

Berlin ist für Sie gerade sehr weit weg, oder?

Ich habe dort so tolle Freunde. Sie unterstützen mich, beteiligen sich, gehen zu den Protesten in Berlin. Auch meine Teamkameraden haben mir Textnachrichten geschrieben: Sergej Grankin, Julian Zenger, Moritz Reichert. Sie haben gefragt, wie es mir geht. Das hat mich gefreut. Die BR Volleys haben gefragt, ob ich ein Statement posten möchte. Das war ein schönes Zeichen.

Haben Sie ein größeres Gefühl der Freiheit, wenn Sie in Berlin sind?

Ja, zu 100 Prozent. Berlin ist mein Zuhause. Dort fühle ich mich sicher. Ich fühle mich geliebt, ich fühle mich repräsentiert. Ich habe in Berlin meinen Platz in der Welt gefunden. Das gibt mir so viel. Ich kämpfe dafür, dass Menschen in den USA das Gleiche fühlen können. Wenn wir in Amerika vorankommen, zeigen wir der ganzen Welt, dass Menschen die Kraft haben, einen Wandel herbeizuführen.

Das Gespräch führte Karin Bühler.