Berlin - Eigentlich sollte Hans-Joachim Eckert dem Weltfußballverband bei der Imagekorrektur helfen. Die Fifa gilt nicht zu Unrecht in der öffentlichen Wahrnehmung als schwer korruptionsanfällig. Reihenweise sind einflussreiche Funktionäre bis hinauf zum Ehrenpräsidenten João Havelange in den vergangenen Jahren der Bestechlichkeit überführt worden. Als Vorsitzender des sanktionierenden Organs der Fifa-internen Ethikkommission sollte Eckert auch dafür sorgen, dass sein guter Ruf dabei hilft, den miesen der Fifa zu korrigieren. Eckert hat sich in großen Strafverfahren zu Korruption, Steuerbetrug oder Wirtschaftskriminalität als Vorsitzender Richter der 6. Strafkammer des Landgerichts München I verdient gemacht.

Gestern hat er die Ergebnisse seiner maßgeblichen Arbeit bei der Fifa vorgelegt. Und seither ist klar: Es ist andersherum gekommen. Wer sich mit der Fifa einlässt, droht schweren persönlichen Schaden zu nehmen. Eckerts Bericht stellt zwar reihenweise Verstöße von den elf Kandidatenländern mit insgesamt neun Bewerbungen um die Ausrichtung der Weltmeisterschaften 2018 und 2022 dar, er listet gravierende Fehler in den Verfahren der Fifa auf, kommt aber dennoch regelmäßig zu dem Ergebnis, alles sei „nicht geeignet, die Integrität, des Fifa-Weltmeisterschaftsbewerbungsverfahrens 2018/2022 zu kompromittieren“.

Wie gegen Bewerberländer sieht Eckert auch keinen Anlass zu Sanktionen gegen Fifa-Funktionäre. Stattdessen gönnt er sich in den 42 Seiten Abhandlung eine halbe Seite Chef-PR: Als einzigem Funktionär widmet Eckert dem Fifa-Präsident Joseph Blatter „Anmerkungen“ im Stile von: „Er verdient auch Lob.“

Es dauerte nur wenige Stunden, bis das inhaltlich vor allem Fragen aufwerfende Elaborat seiner Schwächen aus berufener Quelle überführt wurde: Der Vorsitzende der ermittelnden Kammer der Ethikkommission, der frühere amerikanische Staatsanwalt Michael J. Garcia, der mit seinen Leuten mehr als 75 Zeugen befragt, zehn Länder bereist und etwa 200.000 Seiten relevantes Material in einem angeblich 500 Seiten langen Bericht für Eckerts Kammer komprimiert hat, hat angekündigt gegen den Abschlussbericht der vorzugehen, weil der „zahlreiche unvollständige und fehlerhafte Darstellungen der Tatsachen und Schlussfolgerungen“ beinhalte. Allen Ergebnissen Eckerts haftet damit ein Makel an. Für die Fifa bedeutet das: Die vorgebliche Aufklärungsarbeit und ihre Konsequenz mit dem Dissens der Ethikhüter ramponieren das Image weiter.

Vernichtete Nachweise

Dafür hätte auch schon der Bericht Eckerts genügt. Der weist stattliche Gründe aus, die Schlüsse in Zweifel zu ziehen. Eines der beteiligten Länder etwa habe nicht kooperiert. Wahrscheinlich findet sich deswegen kein Befund zur gemeinsamen Bewerbung von Spanien und Portugal. In Russland, wo Garcia nicht selbst habe ermitteln können, weil die Russen ihn wegen seiner Staatsanwaltstätigkeit nicht einreisen lassen, sind die einst angeblich geleasten Computer des Bewerbungskomitees angeblich „in der Zwischenzeit zerstört“ worden.

Dass Korea seiner Bewerbung mit einem üppigem 777 Millionen US-Dollar umfassenden weltweiten Fußball-Entwicklungshilfeprogramm den Erfolg sichern wollte, fanden die Ethikwächter nicht so schlimm. Dass die Engländer dem einst einflussreichen schwer korrupten Fifa-Vorständler Jack Warner aus Trinidad-Tobago jeden auch noch so seltsamen Wunsch von Arbeitsstellen bis zu Trainingslagerhilfen erfüllten, war nicht weiter schädlich. Dass Japan Geschenke im Wert von bis zu 2000 Dollar verteilt hat, bei denen die beschenkten Fifa-Funktionäre keinerlei Argwohn hatten, führt nur zu dem Hinweis, der Verband brauche „klarere Geschenke-Regeln“.

Auch, dass nur die Bewerbung von Belgien und Holland offenkundig ohne Tricksereien auskam, soll keinen Grund darstellen, die Gesamtheit des Bewerbungsprozesses unter ein ausreichend schlechtes Licht zu stellen, um die WM-Vergaben zu wiederholen. Das passt Blatters aufgeschreckter Funktionärsschar gut in den Kram, denn die meldete gestern glückselig: „Die Fifa freut sich deshalb, die Vorbereitungen für Russland 2018 und Katar 2022 fortzusetzen, die bereits weit fortgeschritten sind.“

Wie verwunderlich das ist, konnte Eckerts Bericht kaum verschleiern: Der Evaluierungsbericht vor der Wahl des Fifa-Vorstandes machte mit schlechten Bewertungen zwei Länder zu Außenseitern: bei Veranstaltungsstätten und Team-Einrichtungen etwa wurde Katar „hohes Risiko“ zugeschrieben, Russland beim Transport, die Stadien bargen „mittleres Risiko“. Allerdings schreibt Eckert, dass die Fifa-Vorständler die Bewertungen offenbar kaum gelesen hätten.

Der sinnvollste Beitrag verbirgt sich in seinen „Vorschlägen“, die in ihrer Gesamtheit nichts weiter sind als die Anregung einer grundlegenden Reform: Weil die erfahrensten Vorständler die ignorantesten gewesen seien, drängte er erneut auf die neulich abgelehnte Beschränkung auf zwei Amtszeiten à vier Jahre. Und knapp 20 Jahre, nachdem das Internationale Olympische Komitee die Tücken der Besuchsreisen erkannt hat, hält Eckert die Fifa für so weit, über deren Zulässigkeit nachzudenken.