Begehrtes Fotomotiv: Auf dem historischen Untergrund des Hangars in Tempelhof durfte das Siegerbild vor dem Rosinenbomber nicht fehlen.
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BerlinJeder war vorbeigelaufen und schenkte ihr keinerlei Beachtung. Erst als Adam Szpyt von der Bühne sprintete, zu ihr lief und sie nach vorne zog, stand die rote Tonne plötzlich im Fokus.  Dabei ist es gut möglich, dass die Geschwister dieses Vorführmodels bald in einigen Berliner Schulen stehen werden. Denn: „Wenn der Berliner Senat es zulässt, wollen wir an den Schulen diese Tonne mit dem Equipment stellen“, erzählte Szpyt, während er Tennisschläger und Bälle aus der roten Tonne zauberte. Adam Szpyt ist kein Zauberer mit einem Zylinder auf dem Kopf, sondern trägt in den Tagen der Berliner Einladungsturniere stets ein Basecap. Und ist Geschäftsführer des Turniersponsors. 

Eigentlich wollte er mit seiner Matratzen-Firma in diesem Jahr das eingeschlafene Tennis in Berlin mit einem Frauenturnier der WTA-Serie wachküssen. Dann kam Corona und die Absage aller sportlichen Großveranstaltungen. Aber das störte den grünen Rasen im Steffi-Graf-Stadion an der Hundekehle herzlich wenig. „Der wuchs weiter und wurde immer grüner und grüner“, erzählt Szpyt. Kurzerhand wurde also ein 59-seitiges Hygienekonzept entwickelt und die beiden Einladungsturniere im Stadion des LTTC Rot-Weiß und im Hangar in Tempelhof ins Leben gerufen. Nicht nur mit viel Desinfektionsmittel, sondern sogar mit einigen Zuschauern.

Viel Lob gab es dafür von allen Seiten. Und auch Szpyt war sichtlich begeistert. „Wir haben der Welt bewiesen, dass man eine Großveranstaltung unter Corona-Bedingungen durchführen kann“, sagt der Geschäftsführer des Hauptsponsors, „die globale Resonanz ist enorm, die ganze Welt schaut auf Berlin und auf Tennis. Berlin ist wieder Tennis.“

Anders als Veranstalter Edwin Weindorfer, Turnierdirektorin Barbara Rittner und Dietrich Wolter, Präsident des LTTC Rot-Weiß Berlin, ist Szpyt ein Neuling im Tennis. Und das liegt auch daran, dass auf seinem Schulhof früher nicht so eine rote Tonne gestanden hat, wie er sie an diesem Sonntagvormittag über den Betonboden des Berliner Hangars zog. „Ich habe in der Schule nie einen Tennisball gesehen, ich kam nie in Kontakt mit Tennis. Der Erstkontakt ist aber wichtig“, sagt er. 

Die vergangenen Wochen aber, in denen er sich intensiver mit der Sportart beschäftigte, ließen ihn und die anderen Beteiligten der Turniere kreativ werden. Wenn das Frauenturnier schon nicht in diesem Jahr stattfinden konnte, sondern auf das nächste Jahr verschoben werden musste, dann wurde mit den Turnieren im Steffi-Graf-Stadion und im Hangar zumindest für einen ganz besonderen Ersatz gesorgt. Und wenn das Tennis in Berlin und Deutschland ein Nachwuchsproblem hat, dann „ist es unsere Aufgabe, den Kindern den Tennisball möglichst niedrigschwellig nahezubringen“.

Also entwickelte das gesamte Team die Idee von der roten Tonne und der nachhaltigen Nutzung des Hangars als Tennis-Location. Wurden im Hangar sechs in der vergangenen Woche mal eben schnell ein hellgrauer Hartplatz-Untergrund und zwei Tribünen für den zweiten Teil der Turniere errichtet, soll es im Hangar eins demnächst nachhaltiger zur Sache gehen. Dort gibt es bereits ein Angebot für Basketball und andere Sportarten. Kinder und Jugendliche können dort Kontakt aufnehmen und müssen kein Geld bezahlen. Demnächst soll es dort auch einen mobilen Tennisplatz sowie eine Ballwand geben. Das Ganze soll unter der Anleitung von Trainern des LTTC Rot-Weiß Berlin ablaufen.

Der Hangar eins soll künftig der Förderung des Breitensports dienen. „Wir wollen nicht nur die bereits Tennis spielenden Kinder fördern, sondern in die Breite gehen und Kindern die Möglichkeit zum Schnuppern zu geben, um an das Thema Tennis herangeführt zu werden“, sagt Rot-Weiß-Präsident Dietrich Wolter. Dafür, aber auch für den eigenen Nachwuchs konnten qualifizierte Trainer gewonnen werden. Im Herbst soll es jedenfalls losgehen.

Dann werden, wenn die Pläne einzuhalten sind, auch die US Open und French Open gespielt sein. Zwei Grand-Slam-Turniere, deren Macher in den vergangenen Tagen auch interessiert auf Berlin geschaut haben. „Wir haben einen Startschuss gesetzt“, sagt Veranstalter Weindorfer, „mit der ATP und WTA haben wir in der kommenden Woche bereits Telefonkonferenzen.“ 

Das Hygienekonzept und dessen Umsetzung in der Praxis werden dabei das große Thema sein. Berlin hat dabei Maßstäbe gesetzt und gezeigt, dass ein verantwortungsvoller Umgang aller Beteiligten, egal ob Spieler, Mitarbeiter oder Zuschauer, möglich und unerlässlich ist, will man internationale Großveranstaltungen in diesen Tagen mit Zuschauern über die Bühne bringen. Auch die technologische Vorreiterrolle, ein Turnier ohne Linienrichter, sondern lediglich mit elektronischem Liniensystem zu spielen, hat Berlin angenommen und problemlos umgesetzt. Zudem war das ein Vorgeschmack auf die US Open, wo ebenfalls auf Technik und nicht auf zusätzliches, menschliches Personal gesetzt werden soll. Berlin ist seit der vergangenen Woche wieder auf der internationalen Tennis-Landkarte zu sehen und sorgt für nachhaltige Werte. Im Hangar eins und zeitnah mit roten Tonnen auf Schulhöfen.