Mustapha El Ouartassy hat sich die weiße Schirmmütze verkehrt herum auf den Kopf gesetzt. So ist die Fröhlichkeit in seinen dunklen Augen gut zu erkennen. „Hallo“, sagt er strahlend. Auf dem Sportplatz an der Allee der Kosmonauten findet Doris Nabrowsky, die Vereinsvorsitzende des VfL Fortuna Marzahn, es wäre besser, sich mit Mustapha El Ouartassy drinnen in der Umkleidekabine zu unterhalten. Denn in den nächsten Minuten wird die Sonne hinter den Plattenbauten verschwinden, dann wird es kühl hier draußen. Und der hagere Kerl soll sich jetzt, so kurz vor dem Berlin Marathon, auf keinen Fall erkälten.

Natürlich nicht. Denn gerade, dieses Gefühl verstärkt sich, je länger der junge Mann aus Marokko seine Geschichte erzählt, ist er im Alter von 29 Jahren dem, wovon er schon als Kind in der Nähe der Hafenstadt Agadir geträumt hat, nah wie nie. „Mein Traum war schon immer, Marathonläufer zu werden“, sagt El Ouartassy.

Ohne Papiere in Berlin

Seitdem er 2017 über Spanien nach Deutschland kam, als Flüchtling ohne gültige Papiere, hat sich sein Traum mit einem zweiten vermengt: „Ich will bei einem großen internationalen Wettkampf das Deutschland-Trikot tragen.“

Ob er das schaffen kann? Vielleicht bei den Europameisterschaften 2022 in München? Oder früher?

Das Ergebnis seines Marathondebüts im April dieses Jahres bei den Internationalen Deutschen Meisterschaften in Düsseldorf ließ seine Augen noch mehr strahlen: 2:15:28 Stunden, Platz sieben, nur ein Deutscher vor ihm. In der deutschen Jahresbestenliste läge er damit hinter dem Rostocker Tom Gröschel (2:13:49) und Arne Gabius (2:14:29) aus dem Bottwartal an dritter Stelle – wenn das mit der Einbürgerung schon geschafft wäre. Aber auch in dieser Sache gibt es Hoffnung für den jungen Mann, der sich vor zweieinhalb Jahren per E-Mail beim VfL Fortuna mit der Frage gemeldet hatte, ob er hier denn Marathon trainieren dürfe.

2:15 Stunden eine Überraschung

„Ich hatte auf 2:19, 2:20 Stunden gehofft“, sagt El Ouartassy über sein Debüt in Düsseldorf. Die erste Hälfte des Marathons sei dann ziemlich reibungslos verlaufen, bei Kilometer 30 dachte er: „Mir geht’s immer noch ganz gut.“ Aber dann fing sein Kopf an, zu stänkern: „Mustapha, das schaffst du nicht.“ In Gedanken antwortete er sich selbst: „Doch Mustapha, natürlich schaffst du das.“ Tatsächlich absolvierte er die zweite Hälfte schneller als die erste. Auf dem letzten Abschnitt überholte er zehn Läufer. „Die 2:15 Stunden waren für mich sehr überraschend.“

Mustapha El Ouartassy hat es sich auf der Umkleidebank so bequem wie möglich gemacht. Neben ihm hängen Trainingsjacken, Hosen und Taschen der Läufer, die draußen auf der Bahn ihre Runden drehen. Sein Trainer Hans-Jürgen Stephan ist in die Kabine gekommen. Er ist gleichzeitig Geschäftsführer des VfL Fortuna Marzahn. Er hat schon immer Läufer trainiert. Zuletzt Dennis Krüger, der sich über 800 Meter in der deutschen Spitze etablierte und mit Europas Elite mithalten konnte.

Andere Ausgangslage beim Berlin Marathon

„Der Marathon in Berlin wird für Mustapha am Sonntag eine ganz andere Ausgangslage haben“, sagt Stephan, „in Düsseldorf musste er ja ganz alleine von hinten nach vorne laufen – und dass mit den ganzen Brücken über den Rhein und Wind von allen Seiten.“

Stephan ist begeistert von El Ouartassys Trainingsfleiß. Von seiner Diziplin, seiner Zuverlässigkeit. Doris Nabrowsky auch. Sie hat sich in den vergangenen zweieinhalb Jahren überall für den jungen Mann eingesetzt, der sich eigentlich illegal in Deutschland aufhielt. Der keine Sozial-, keine Krankenversicherung und auch kein Bankkonto hatte und am Anfang in der Wohnung einer marokkanischen Athletin und deren Mann in Berlin unterkam. Arbeiten gehen konnte El Ouartassy ohne Papiere nicht. Der Verein unterstützte ihn, wo es ging.

Ausländerbehörde, Härtefallkommission

„Ich habe ihn auf seinem Weg gecoacht“, sagt Nabrowsky: Ausländerbehörde, Härtefallkommission, Senatsverwaltung, Anträge stellen, Fachanwälte konsultieren, in Wartesälen sitzen. „Wir hatten kurz vorher mit einem jungen Mann aus Kosovo den Weg durch.“ Nabrowsky kennt sich aus mit Behörden, hat selbst dort gearbeitet, war Führungskraft, in der Personalentwicklung. Sie sagt: „Ich sehe Mustaphas Potenzial, den Menschen, der dahinter steht.“

El Ouartassy lernte daheim am Computer Deutsch. Er bestand den B1-Test. Er ließ sich mit anderen Flüchtlingen vom Landessportbund Berlin zum Übungsleiter ausbilden. Er ging zum Training. Er lief und lief. Bevor er die Duldung erreicht hatte, begleitete ihn ständig die Angst vor der Abschiebung. Aber in Marokko hatte er in einer Familie aus armen Verhältnissen mit vielen Geschwistern nach der Schule keine Chance, einen Beruf zu lernen. Er hatte sich mit Hilfsjobs auf dem Bau durchgeschlagen.

Große Fortschritte

Eine Perspektive sah er nur im Sport, wo er mit 20 Jahren einen Volkslauf gewann. Er hatte einen Manager, aber keinen Trainer, keine Förderung. Er startet in Europa, aber leben konnte er vom Laufen nicht. In Deutschland sah er die Chance auf eine Zukunft, die Möglichkeit voranzukommen, im Sport und im Leben. Am 30. Oktober hat er einen Termin bei der Ausländerbehörde, um seine Aufenthaltserlaubnis abzuholen. Die Einbürgerung soll folgen.

„Er hat große Fortschritte gemacht“, sagt Trainer Stephan. Er ist gespannt, wie sich El Ouartassy beim Berlin Marathon schlägt, auch im Vergleich zu den deutschen Läufern. Ob sein Athlet, der weder Verbandsförderung oder Trainingslager noch eine Wohnung oder Physiotherapie am Olympiastützpunkt genießt, das Ergebnis von Düsseldorf bestätigt. Oder ob er es verbessert?

Das Abitur als Ziel

Doris Nabrowsky sagt, sie wisse nicht, wie schnell El Ouartassy laufen kann. Ob er es vielleicht einmal zu Olympia schafft. Aber sie weiß, was sie als nächstes mit ihm angehen wird: „Ich will das Abitur machen“, sagt der Marathonläufer.