Stolz: Lukas Reichel kann den Pick der Chicago Blackhawks kaum fassen.
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Berlin-HohenschönhausenEs war einer dieser Momente, nach denen man froh ist, dass ihn jemand für die Ewigkeit festgehalten hat. Kurz bevor die Chicago Blackhawks in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch verkündeten, dass sie an 17. Stelle der NHL-Draft Eisbären-Talent Lukas Reichel verpflichten werden, saßen der Flügelstürmer, dessen Familie und das gesamte Team im „Loretta an der Spree“ am Mercedes-Benz-Platz, um gemeinsam den größten Erfolg in der jungen Karriere des 18-Jährigen zu feiern. Reichel war vor einigen Monaten noch als Zweitrundenpick einkategorisiert worden, zuletzt in den Prognosen aber immer weiter gestiegen und konnte nun sicher mit einer Erstrundenziehung rechnen.

Doch als die Blackhawks ihre Wahl mit den Worten „with the 17. Pick in the 2020 NHL-Draft, from Eisbären Berlin ...“ einleiteten, entglitten Reichel für den Bruchteil einer Sekunde alle Gesichtszüge. „Natürlich habe ich im Vorfeld mit den Blackhawks gesprochen, das waren auch gute Gespräche“, erinnert er sich am Tag danach, „doch ich hätte niemals gedacht, dass ich so früh gedraftet werde.“

Dass das Team aus Chicago darüber hinaus das Lieblingsteam des gebürtigen Nürnbergers ist, ist da nur das Sahnehäubchen. „Als ich jünger war, habe ich mir auf YouTube ständig Videos von Patrick Kane angesehen“, erklärt Reichel seine Leidenschaft für die Franchise und ihren Superstar, die zuletzt 2015 den begehrten Stanley Cup bejubeln konnten, sich in den letzten Jahren aber eher im Niemandsland der Liga wiederfanden – zu gut für eine Neustrukturierung, zu schlecht für die Playoffs. Ausgerechnet Reichel soll nun auf lange Sicht mithelfen, dass das Team künftig wieder erfolgreicheres Eishockey spielt.

Wann es für den Eisbären aber so richtig losgeht, steht derzeit noch in den Sternen. Die NHL hat gerade erst ihre Saison beendet, startet – wenn alles nach Plan verläuft – am 1. Januar 2021 ins neue Spieljahr. Unwahrscheinlich ist, dass Reichel sofort in Chicago durchstartet. „Ich weiß noch nicht, wie es jetzt weitergeht“, erklärt er. Der Stürmer will gerne noch mehr Spielpraxis sammeln und sich körperlich weiterentwickeln: „Ich denke, dass ich mindestens noch ein Jahr brauche. Ich lasse mir da Zeit und überstürze auch nichts.“

Unklar ist jedoch auch, wo er diese Spielpraxis sammeln wird. So unsicher wie der tatsächliche Saisonstart der NHL im Januar ist die Wiederaufnahme des Spielbetriebs in den nordamerikanischen Nachwuchsligen, in denen junge Talente der NHL-Franchises für gewöhnlich den nächsten Entwicklungsschritt machen. Sie waren im Aufschwung der Corona-Krise genauso abgebrochen worden, wie die vergangene Saison in der Deutschen Eishockey-Liga, die eine ähnliche Unsicherheit über die kommende Spielzeit beschäftigt. Keiner weiß, wann und ob überhaupt gespielt wird, weder in Nordamerika noch in Deutschland.

Für Reichel ist das frustrierend, auch wenn er sich das nicht anmerken lässt. „Klar ist das eine blöde Situation, aber was soll ich machen? Mehr als zum Training zu gehen und da an mir zu arbeiten, bleibt mir eben nicht übrig“, sagt er. Dabei helfen auch die von den L.A. Kings ausgeliehenen Nachwuchsspieler um Supertalent Alex Turcotte, von denen sich Reichel einiges abschauen kann. Aber selbst das war nach dem positiven Corona-Fall bei den Eisbären zuletzt nicht möglich, auch wenn die Bären am Donnerstag endlich in die Trainingshalle zurückkehren können.

Reichels Idealvariante wäre, noch mindestens eine weitere Saison in Berlin bleiben zu können. Das würde auch den Eisbären gefallen, die dann – den Saisonstart der DEL vorausgesetzt – nicht nur auf ihr Eigengewächs, sondern darüber hinaus auf zahlreiche weitere junge deutsche Talente und möglicherweise auch auf Turcotte und Co. zurückgreifen könnten. Eine schlagkräftige Truppe. „Doch wenn Chicago will, dass ich in die USA komme und da Trainingscamps mitmache, dann fliege ich natürlich hin“, ergänzt Reichel dennoch. Dann würde der Traum schneller wahr waren, als gedacht. Hoffentlich hat auch dann jemand eine Kamera dabei.