Die Übungen müssen exakt ausgeführt werden und verlangen daher viel Konzentration.
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BerlinLangsam und konzentriert atme ich über meine linke Pobacke ein und über die rechte Schulter wieder aus. Moment – wie bitte? Das hätte ich wahrscheinlich bis heute jeden gefragt, der mir erzählen wollte, man könne über andere Körperteile als Mund oder Nase Luft holen.

Und natürlich geht das auch nicht wirklich. Aber erstaunlicherweise verstehe ich, was meine Cantienica-Lehrerin Susanne Eckel meint, wenn sie sagt, wir sollen über unsere Sitzbeinhöcker – das ist die anatomisch korrekte Bezeichnung für die Knochen in den Pobacken – einatmen und über die Schultern ausatmen. Bei der Vorstellung streckt sich mein Rücken automatisch und fühlt sich gerader und entspannter an.

Wie entstehen Rückenschmerzen?

Gemeinsam mit sechs anderen Teilnehmern sitze ich in einem gemütlichen Raum mit flauschig-weichen Gymnastikmatten auf dem Fußboden und einem bollernden Kaminofen in der Ecke. Wir tragen Yogaklamotten und warme Stoppersocken, die es auch leihweise aus einer Holzkiste am Eingang gibt. Susanne Eckel betreibt das Studio in Charlottenburg seit acht Jahren. Früher war es mal ein Tango-Studio, erzählt sie. Sie selbst war früher einmal Physiotherapeutin. „Ich wollte aber mehr als nur wissen, wie man Rückenschmerzen wegbekommt“, sagt sie. „Ich wollte wissen, wie sie eigentlich entstehen.“

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Die Volkskrankheit

Experten gehen davon aus, dass jeder dritte Deutsche regelmäßig von Rückenschmerzen geplagt wird. Nicht immer können Ärzte die Ursache für den Schmerz im Kreuz zweifelsfrei feststellen. Ein erhebliches Risiko sind Berufe, in denen der Rücken stark belastet wird wie etwa auf dem Bau, aber ebenso auch solche, in denen der Arbeitnehmer vorwiegend sitzt. Oft spielt aber auch die Psyche eine Rolle bei der Entstehung von Rückenschmerzen.
Regelmäßige Bewegung kann laut Ärzten Beschwerden vorbeugen helfen, vor allem sollte die Rumpfmuskulatur inklusive der Bauchmuskeln trainiert werden. Die Kassenärztliche Vereinigung empfiehlt in einer Veröffentlichung zum Thema Rückenschmerzen regelmäßiges Spazierengehen, Radfahren und Dehnübungen.

In Susanne Eckels Cantienica-Kursen kann man spontan vorbeikommen, ohne Anmeldung. Fünf der sechs heutigen Teilnehmer sind Frauen. Der einzige Mann, der dabei ist, sitzt auf der Matte neben mir, sein Rücken wirkt zugleich gerade und entspannt. Vor Kursbeginn hat er mir erzählt, dass er schon viele Sportarten ausprobiert hat, um seine Kreuzschmerzen loszuwerden. Vor ein paar Jahren entdeckte er dann Cantienica: „Das war das Erste, was tatsächlich geholfen hat.“

Cantienica-Methode als Körpertherapie

Die Cantienica-Methode soll laut ihrer Erfinderin, der Schweizer Journalistin Benita Cantieni, eine „Gebrauchsanweisung für den natürlichen, verschleißfreien Gebrauch des physischen Körpers“ sein, wie es auf ihrer Webseite heißt. Die 69-jährige Erfinderin der Methode war unter anderem Chefredakteurin der deutschen Ausgabe der Fitnesszeitschrift Shape und Chefreporterin bei der Schweizer Boulevardzeitung Blick.

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Die Erfinderin

Im Gegensatz zu Körpertrainingsprogrammen wie Yoga und Pilates ist Cantienica noch relativ jung. Die Schweizer Journalistin Benita Cantieni entwickelte die Methode Anfang der 90er-Jahre und bewirbt sie als Heilmittel für zahlreiche Zivilisationskrankheiten auf einer professionellen Webseite mit angegliedertem Online-Shop. Sie habe seit ihrer Kindheit an Skoliose, einer Verkrümmung der Wirbelsäule, gelitten, heißt es dort, und lebe dank ihrer eigens entwickelten Methode heute in einem „geraden Körper“.
Cantieni bezeichnet sich auch als „Körperforscherin“. Bei der Entwicklung der Methode habe sie sich auf ihre eigene Körperwahrnehmung verlassen. Eine Catienica-Trainingseinheit soll 60 Minuten dauern, Trainer können dafür aus rund 600 Übungen wählen. Seit dem Jahr 1997 ist Cantienica als Marke registriert.

Als sie Anfang der 90er-Jahre Hüft- und Gelenkbeschwerden bekam, begann sie, sich für Körpertherapie zu interessieren, und entwickelte die Cantienica-Methode. Im Gegensatz zu Körpertrainings wie etwa Yoga oder Pilates setzt Cantienica nicht an den Muskeln, sondern am Knochengerüst an. „Es geht darum, den Körper wieder richtig auszurichten“, erklärt Susanne Eckel. Dafür sei es wichtig, die Übungen äußerst präzise und konzentriert auszuführen. Wer das schafft, soll sich bereits nach der ersten Trainingseinheit fühlen, als sei sein gesamtes Skelett einmal aufgerichtet worden.


Hier kann man trainieren

  • Charlottenburg: Susanne Eckel bietet von Montag bis Sonnabend   Cantienica-Kurse an.   Zillestraße 69, 2. Hof, Erdgeschoss. Eine Probestunde kostet 15 Euro, die   Zehnerkarten 110 Euro, es gibt auch krankenkassengeförderte Kurse. Weitere Infos unter: www.koerpertraining-berlin.de
  • Weitere Bezirke: Auf der Internet-Seite www.cantienica.com findet man ein Verzeichnis aller Trainer und Studios in Europa.
    In Berlin gibt es mehrere Dutzend Anbieter für Cantienica, 20 Studios mit lizenzierten Trainerinnen finden sich mit Kontaktadressen aufgelistet.
  • Online: Wer das Training zuhause ausprobieren möchte, kann sich auf der Webseite www.cantienica.com auch Online-Trainingskurse buchen. Das gesamte Paket kostet 247 Euro, garantiert aber lebenslangen Zugriff auf die Videos. Tipp: Auf YouTube finden sich Video und Tipps zum Einstieg auch gratis.

Fokus liegt auf dem Rücken

Zentrum der Übungen ist der Rücken. Um ihn richtig zu trainieren, gehen wir zunächst sehr wissenschaftlich vor: Damit wir eine Vorstellung von der Beweglichkeit unserer Wirbelsäule bekommen, holt Susanne Eckel ein anatomisches Modell hervor, um das sich die Kursteilnehmer versammeln.

Susanne Eckel erklärt, wie die Wirbelsäule funktioniert. Das hilft beim Üben.
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In ihrem unteren Teil lässt sich die Wirbelsäule kaum drehen, wie unsere Trainerin anhand der Kunststoffknochenreihe in ihrer Hand demonstriert. Den oberen Teil jedoch kann man flexibel hin und her rotieren. Das wollen wir uns nun zunutze machen, um eine aufrechtere Haltung zu erreichen. Auch diese kurze Anatomie-Einheit gehört zur Cantienica-Methode, wie Susanne Eckel erläutert: „Es ist wichtig, dass man versteht, wie der Körper überhaupt funktioniert.“

Unsere Trainerin bittet uns, uns hinzustellen und über das Steißbein einzuatmen. Durch diese Vorstellung aktivieren wir unseren Beckenboden, was wiederum einen aufgerichteten Oberkörper zur Folge hat. Unser „Kronenpunkt“, der etwa in der Mitte des Scheitels oben auf dem Kopf angesiedelt ist, soll Richtung Zimmerdecke wachsen.

Permanente Konzentration wird erfordert

Nun kommt noch die Bewegung hinzu: Dazu weist Susanne Eckel uns an, die Hände über der Brust zu kreuzen und unseren Bauchnabel diagonal auseinanderzuziehen. Automatisch ergibt sich dadurch eine leichte Drehbewegung im Oberkörper. Das, was wir soeben am anatomischen Modell gesehen haben, passiert nun mit unseren eigenen Wirbelsäulen.

Die bildhaften Beschreibungen helfen, die Übungen richtig zu verstehen. Allerdings erfordern sie auch permanente Konzentration, stelle ich fest. Ich muss mich ständig in Körperteile und Bewegungsabläufe hineindenken. „Wir stellen uns einen Anschnallgurt von der hinteren linken Außenferse hin zum großen Zeh vor“, sagt Eckel. Kurz muss ich überlegen – dann glaube ich zu wissen, wie meine Füße zu stehen haben. Auch diese Fußstellung soll dazu dienen, die Beckenbodenmuskulatur zu aktivieren.
Ein erstauntes „Aha!“

Große Vorstellungskraft benötigt

Manchmal allerdings komme ich dann doch an die Grenzen meiner Vorstellungskraft. Etwa, wenn unsere Trainerin vorschlägt, mit den Füßen Grundwasser zu pumpen, oder als unter meinem Steißbein plötzlich ein Schmetterling flattern soll. Nachfragen sind allerdings während der Stunde ausdrücklich erwünscht.

Die Lehrerin geht außerdem zwischendurch von Matte zu Matte und bringt hier einen Unterschenkel, da ein Handgelenk in die richtige Position. Gelegentlich ertönt dann ein erstauntes „Aha!“ aus dem Mund eines Kursteilnehmers, der plötzlich feststellt, dass schon eine kleine Positionsänderung dafür sorgt, dass ganz andere Muskelpartien beansprucht werden.

Am Ende der Stunde sollen wir uns vorstellen, wir seien „groß wie der Berliner Fernsehturm“. Anschließend spazieren wir in dieser neuen Größe mit hoch erhobenem Kronenpunkt durch den Raum. Ich habe dabei tatsächlich den Eindruck, als sei ich seit Beginn meines ersten Cantienica-Trainings um ein paar Zentimeter gewachsen.

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Das Prinzip

Außer gegen Rückenschmerzen soll Cantienica gegen zahlreiche andere Beschwerden helfen, darunter auch Inkontinenz aufgrund eines geschwächten Beckenbodens, Organsenkungen oder Hämorrhoiden. Selbst Fehlstellungen wie O-Beine, X-Beine oder ein Beckenschiefstand sollen sich angeblich mit den Übungen korrigieren lassen, ebenso soll bei Arthrose, Osteoporose und Gelenkbeschwerden Abhilfe geschaffen werden. Die bewusste Körperwahrnehmung helfe, Ursachen für Verspannungen zu ergründen, und beuge Fehlhaltungen im Alltag vor.
Häufig kommt Cantienica wegen der beckenbodenstärkenden Wirkung inzwischen auch in der Schwangerschaftsrückbildung zum Einsatz. Daneben gibt es Mischtrainings von Yoga und Cantienica sowie spezielles Cantienica-Training für die Gesichtsmuskeln.