Fußball ist eine Sucht. Die Fans brauchen ihre Droge.
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BerlinDie letzte soziale Kontaktaufnahme, die das Netz von Mark Uth erinnert, ist ein Posting auf Instagram. Man sieht den Stürmer des 1. FC Köln im Gladbacher Stadion, Hände auf Oberschenkel gestützt, Blick auf Rasen geheftet, im Hintergrund: zwei Werbeflächen, ein Ordner, ein Kameramann und genau null Zuschauer. Der Text zum Bild lautet: „Niederlage im Derby und eine ganz merkwürdig Stimmung im Stadion. Fußball ohne Fans ist nicht halb so viel wert! Bleibt gesund!!!“ 

Das war am 11. März, nach dem ersten und vorerst letzten Geisterspiel der Ligageschichte. Zehn Minuten vor dem Abpfiff hatte Uth das 1:2 geschossen. Mit links in den rechten Winkel. Gäbe es eine Abstimmung zum „Tor des Monats“ März, Uth wäre ein vorzeigbarer Anwärter. Nach diesem 11. März hat jedenfalls keiner mehr ein Bundesligator geschossen. Und irgendwann, wenn alles vorbei sein wird, könnte das vielleicht eine knifflige Fußballquizfrage sein: Wer schoss das letzte Tor der vorzeitig wegen der Coronakrise abgebrochenen Bundesligasaison 2019/20? Also irgendwann, wenn auch die Fußballquizkneipen wieder öffnen. Wenn das Leben wieder rund läuft wie ein Ball von Fuß zu Fuß.

Profifußball ist ein Sport für vier Jahreszeiten

Profifußball ist ein Sport für vier Jahreszeiten. Der Terminkalender kennt kaum Lücken, denn Lücken füllen keine Klubkassen, machen keine Funktionäre reich. Nach der Saison öffnet der Transfermarkt, nebenan läuft die Gerüchteküche heiß. Es folgen Sommertransfers, und wenn gerade keine EM oder WM oder sonst eine Super Bling Bling League ansteht, dann geht es um die Herbstmeisterschaft, bevor parallel zu den Wintertrainingslagern noch mal nachgekocht und nachgekauft werden kann. Aber Frühlingsferien? Die gab es noch nie. März, April und final der Mai, das sind eigentlich die Monate der Sechspunktespiele und doppelt zählenden Auswärtstore, der sogenannten Vorentscheidungen.

Und jetzt rollt der Ball nicht mehr. Er wurde zum Stillstand gezwungen. Ist in Quarantäne. Bis auf Weiteres. Bis auf die Wyschejschala Liha in Weißrussland und die nicaraguanische Primera División, die einfach weitermachen. Man kann die Spiele live sehen, wenn man die richtigen Internetseiten kennt. Man ist ja ohnehin ständig online.

Ich nenne dieses Coronavirus nicht anders als eine Psychose und lasse mich auch nicht davon abbringen.

Weißrusslands Präsident Alexander Lukaschenko

Fußball ist eine Sucht. Die Fans brauchen ihre Droge. Auch jetzt. Gerade jetzt. Sie konsumieren alles. Und zumindest das Methadon ist ja noch da. So gut wie der Vorratsschrank mit Konservendosen bestückt ist, so voll ist Youtube mit den schmierigsten Komödien und schaurigsten Tragödien der Fußballgeschichte. Passend dazu tickern Sportjournalisten gegen die Leere im Kopf an.

In Köln fragen sich die Fans natürlich auch noch, ob ihr Leihstürmer Uth dauerhaft Tore schießen wird für ihren Klub oder doch zurückkehren muss zu Schalke, wo wiederum diese Nachricht verschlungen wurde: "Nach zehn Tagen im Homeoffice trainiert die Mannschaft wieder in Kleingruppen." Die Exitstrategie beginnt. Aber wann spielen sie richtig?

Fußballkommentator in Quarantäne

Aus der Psychoanalyse stammt der Begriff der Ersatzhandlung. Zu der kommt es, ganz grob gesagt, wenn die ursprünglich gewünschte Handlung – etwa wegen einer Pandemie – nicht ausgeübt werden kann. Da der Mensch aber grundsätzlich etwas tun will, auch mal getrieben wird von seinem Tatendrang, verschiebt er sein Handlungsziel, sucht sich eine Ersatzbefriedigung. Das beruhigt, das entspannt, dann kann die aufgestaute Energie wieder raus. Zum Beispiel auf die Straße.

Robby Hunke ist Fußballkommentator, eine angenehme Stimme der Sportschau, am 14. März war er für das Revierderby zwischen Borussia Dortmund und dem FC Schalke eingeteilt. Das Spiel fand nicht statt. Hunke hielt es vier Tage lang aus, dann begann er, den Straßenverkehr zu kommentieren: „Die klassische Nachmittagsanstoßzeit, wenig los im Moment, kaum Fans.“ Oder er ließ einen Ball aus dem Fenster fallen und beschrieb die nicht regelkonformen Rückpassversuche eines Passanten: „Handspiel!“

In einem Interview erzählte Hunke, dass er nicht anders kann, schon als Dreijähriger alles kommentierte, heute seine Freundin beim Yoga. Die Videos wurden tausendfach geklickt, geteilt, sie wirkten tatsächlich wie eine Ersatzdroge. Vor Hunkes Fenster tauchen berauschte Fans mit Pyrotechnik auf, Fremde legten Klopapierrollen vor seine Haustür oder hinterließen mit Telefonnummern beschriftete Büstenhalter.

Fußball funktioniert ja auch wie eine Pandemie. Man lässt sich leicht anstecken. Das Fußballvirus wird von Vater zu Tochter übertragen. Das Fußballfieber grassiert. Doch zurzeit fiebert man nicht mit Union, den Bayern oder Werder. Man ist Teilzeitfan von Fußballkommentatoren. Oder von Virologen. Und da hält man entweder zu Christian Drosten („Wir erleben eine Naturkatastrophe in Zeitlupe“) oder zu Alexander Kekulé („großer Unsinn“). Die härtesten Virologenfans posten ihre Zuneigung unter #drostenultras.

Fußball ist weg und trotzdem noch da

Und die echten Kurvensteher? Die platzieren ihre Botschaften nun in der Öffentlichkeit, auch sie können nicht anders. Das fiel sogar im Landtag von Nordrhein-Westfalen auf, wo Christof Rasche von der FDP sagte: „Fußballultras präsentieren Dankesbanner für Krankenhauspersonal. Wer hätte sowas vor einigen Monaten gedacht?!“Die meisten Politiker sicherlich nicht.

Fußball ist weg und trotzdem noch da, weil die Protagonisten alles dafür tun, um nicht vergessen zu werden. Sie halten ihre Sponsorenflaggen hoch, geben weiter Interviews. Uli Hoeneß etwa, der Ehrenpräsident des auf Platz eins eingefrorenen FC Bayern, glaubt an eine „neue Fußballwelt“, in der es keine Transfers im dreistelligen Millionenbereich geben wird, „in nächster Zeit“.

Oder Steffen Baumgart, Trainer des im tiefsten Tabellenkeller schockgefrosteten SC Paderborn, der meint: „Es wird, auch in Krisen oder nach schlimmen Vorfällen, viel geredet und theoretisiert. Am Ende wird sich wohl vieles auch wieder so zurechtschütteln, wie es war.“

Topklubs spenden Millionen an die Konkurrenz

Dass die vier Topklubs FC Bayern, Borussia Dortmund, RB Leipzig und Bayer Leverkusen zwanzig Millionen Euro spenden wollen, um der Konkurrenz zu helfen, beweist wohl beide Thesen. Ja, es gibt eine neue Solidarität, die finanziell in Schieflage geratene Klubs vor der Havarie retten könnte, aber nein, der alte Abstand zwischen Oben und Unten wird dadurch nicht aufgehoben.

Es sind auch die Spieler, die keine Bühne mehr haben, daheim unter Entzugserscheinungen leiden und sich deshalb zur „Bundesliga Home Challenge“ treffen, Fifa 20 an der Konsole. Doch Zuhausezocken ist nicht nur ein fürsorglicher Akt der Gemeinschaft, sondern auch ein Kampf gegen die Langeweile. Ein kreativer Kampf wie bei Unions Torwart Rafal Gikiewitz, der im Netz als Klopapierbowler, Wischmobminigolfer oder Katzenyogi in Erscheinung tritt.

Oder wie bei Kevin-Prince Boateng, aktuell bei Besiktas Istanbul im Wartemodus, der sich vor einem improvisierten Pressekonferenztisch zu einem imaginären Spiel befragen ließ und sagte: „Das Spiel war großartig, ich fühle mich großartig. Ich habe zwei Tore erzielt, meinen Job erledigt. Ich bin glücklich, dass wir die drei Punkte zu Hause behalten konnten.“

Gäbe es aus Mangel an Toren eine Abstimmung zum „Posting des Monats“, Gikiewitz und Boateng wären im März dabei. Kommt ja vielleicht noch. Spätestens im April. Aber nicht mehr ab Mai. Oder eben Juni. Oder?