Patrick Berger war zwischenzeitlich froh, am Beckenrand nach Luft schnappen zu können.
Foto: camcop media/Andreas Klug

Berlin-SpandauDas Wasser wirbelt sich auf. Es spritzt. Mateo Cuk kämpft mit seinem Gegenspieler um den Ball. Wobei „kämpfen“ vielleicht nicht das richtige Wort ist. Denn für Cuk, einen Modellathleten mit Kleiderschrankmaßen, ist es in diesem Fall eine ziemlich leichte Aufgabe, das gelbe Spielgerät zu behaupten und ins Tor zu werfen. 

Der 1,96 Meter große und 110 Kilo schwere Centerspieler hält seinen Gegner zunächst mit dem linken Arm mühelos von sich, tunkt ihn dann ins Wasser, als würde er sich einen Scherz mit einem Kleinkind erlauben, fängt den Ball anschließend mit einer Hand – und dann: zack, Wurf, Tor!

Cuks Gegenspieler bekommt derweil eine volle Ladung Chlorwasser in die Nase und hechelt erschöpft nach Luft. Cuks Gegenspieler – Sie ahnen es – bin ich. Willkommen beim Training der Bundesliga-Profis der Wasserfreunde Spandau 04.

Die erfolgreichste Ballsport-Mannschaft Europas

„Alles gut“, beruhigt mich Mateo, „das war schon gut für den Anfang. Du kannst mich aber ruhig noch mehr angehen. Du musst vor mir an den Ball kommen.“

Er und seine Spandauer Teamkollegen grinsen. Noch mehr angehen? Wie soll das gehen? Im Wasser! Ohne festen Stand! Dazu auch noch im Duell mit einem menschgewordenen Muskelberg. Na, denen werd’ ich’s noch zeigen, denke ich. Der Ehrgeiz packt mich.

Ich wage den Selbstversuch im Wasserball bei der erfolgreichsten Ballsport-Mannschaft Europas. 87 nationale und internationale Titel fuhren die Spandauer ein. Seit 1979 hieß der Deutsche Meister nur vier Mal nicht Spandau.

Ab ins Wasser

Vereine: Es gibt mehrere Vereine in Berlin, die Wasserball anbieten. Neben den Wasserfreunden Spandau wird auch bei SG Neukölln Berlin, SG Schöneberg, TuS Lichterfelde, SG Steglitz oder Lok Schöneweide gespielt.
Probe: Die Wasserfreunde Spandau laden Interessierte zum Training ein – bitte Mail an info@spandau04.de.   Bei welcher Mannschaft    mittrainiert werden kann, hängt von persönlichen Voraussetzungen ab.
Ausrüstung: Es braucht nicht viel – eine Badehose, eine Schwimmbrille und eine spezielle Badekappe. Die Kappen haben integrierte Ohrschützer, damit das Trommelfell bei Zweikämpfen keinen Schaden nimmt.

Anderswo ein Volkssport

Während diese Kombination aus Schwimmen und Handball hierzulande ein Nischendasein führt, ist Wasserball beispielsweise an der Adriaküste ein Volkssport. Kaum ein Hafenbecken in Kroatien oder Montenegro, in dem keine Wasserballtore stehen. Auch in Ungarn, Serbien, Griechenland oder Italien ist der Sport beliebt.

„Die Kinder spielen dort von morgens bis abends“, sagt Cuk, der in Zagreb geboren wurde und seit mehr als zehn Jahren zum Spandauer Team gehört. „Im Wasser war ich immer schon besser als an Land“, sagt der 29-Jährige, deshalb sei aus ihm auch kein Fuß- oder Handballer geworden.

Cuk war einst U19-Europameister mit Kroatien, spielte später für die Auswahl Mazedoniens und ist heute deutscher Nationalspieler. In der Bundesliga zählt Cuk seit Jahren zu den besten Torjägern. In Sportarten mit größerer medialer Aufmerksamkeit wäre er vermutlich ein Top-Star.

Respektabler Trainingsplan

Schon ein Blick auf den Wochentrainingsplan der Spandauer Wasserballer nötigt mir höchsten Respekt ab: achtmal Training, sonnabends Bundesligaspiel, nur sonntags frei. Dienstag, Mittwoch und Freitag wird sogar zweimal trainiert. 

Als ich am Mittwochabend in die altehrwürdige Sport- und Lehrschwimmhalle am Schöneberger Sachsendamm komme, sind die Jungs schon im Becken. „Ein lockerer Leistungstest“, sagt Peter Röhle, der mich empfängt.

Die Athleten müssen zweimal 400 Meter in weniger als fünf Minuten schwimmen. Erstaunlich, wenn man bedenkt, dass sie schon morgens um 7.45 Uhr im Becken waren und eine anderthalbstündige Einheit in den Knochen haben. Zwischenzeitlich gingen sie alle ihrem Beruf oder Studium nach. Schließlich reicht das professionelle Wasserballspielen allein nur in seltenen Fällen aus, um finanziell die Existenz  zu sichern.

Erst Gewichte heben, dann ab ins Wasser

Peter Röhle ist eine Galionsfigur in seinem Sport. Als Aktiver holte der frühere Torwart, der den Beinamen „Krake“ hatte, zwei EM-Titel, wurde WM-Dritter und gewann 1978 Olympia-Bronze. Heute ist der 62-Jährige der Sportliche Leiter der Wasserfreunde.

„Schön, dass du mal mitmachst“, sagt er. „Aber ich warne dich: Es wird sicher anstrengend!“ Zunächst geht es für eine halbe Stunde in den Kraftraum: Gewichte heben. Im Anschluss wird im Wasser trainiert. „Auf geht’s, 20 Minuten Einschwimmen“, ruft der montenegrinische Trainer Petar Kovacevic, 42. Es wird gekrault, Brustschwimmen ist nicht angesagt.

Ich bin kein schlechter Schwimmer. Doch Brust ist mir lieber als Kraulen. Da mache ich nicht so schnell schlapp. Aber hier jetzt Brustschwimmen? Nee, die Blöße kann ich mir nicht geben. Also kraule ich wie wild. Nach fünf Minuten mahnt Röhle: „Patrick, nicht zu viel! Leg’ eine Pause ein!“

Die richtige Technik

Dann geht es endlich ans Einwerfen. Mateo Cuk und Marin Restovic, 29, Montenegriner und ebenfalls deutscher Nationalspieler, und ich werfen wir uns die Bälle zu. Es klappt erstaunlich gut. Mit dem einhändigen Fangen – nur das ist beim Wasserball erlaubt – habe ich kaum Probleme, was sicherlich an meiner Vergangenheit als Hobby-Handballer liegt. Die Pässe kommen an. Einzig: Richtig Druck kriege ich nicht hinter den Ball.

Restovic korrigiert mich. „Du musst mehr aus den Beinen und Armen arbeiten“, sagt der Mann, der im rechten Rückraum spielt. Marin zeigt mir die typische Beinbewegung, das Wassertreten: Immer schön kreisen! Links, rechts, links, rechts.

Mit der richtigen Technik klappt das Werfen schon ganz gut.
Foto: camcop media/Andreas Klug

Er zeigt mir auch, wie ich mit dem richtigen Einsatz der freien Hand schneller aus dem Wasser komme, um den Ball zu fangen oder beim Wurf Druck auszuüben. „Guck, so!“, sagt der 95-Kilo-Muskelmann und schießt aus dem Wasser, als hätte er einen Raketenantrieb unter den Füßen.

Wasserball ist echt verdammt anstrengend

Nach fünf Minuten Einwerfen werden meine Beine so schwer wie die Gewichte, die sich hier mancher sogar zusätzlich anbindet. Ich bin platt. „Pause“, rufe ich – und die Jungs lachen. Ich schwimme zum Beckenrand, lege meine schlappen Arme ab und atme kräftig durch.

Puh! Wasserball ist echt verdammt anstrengend. Neben Muskeln braucht man eine ziemlich gute Kondition. Man hat kaum Ruhephasen. Mit den Füßen kommt man nicht auf den Boden, ständig sind die Beine in Bewegung. Dazu Werfen, Fangen, Schwimmen und nicht zuletzt die Zweikämpfe.

Peter lobt mich: „Für einen Anfänger sieht das richtig gut aus. Wenn du 20 Jahre früher angefangen hättest, hätte etwas aus dir werden können.“ Wow! Lob von Peter Röhle, einer Wasserball-Legende. Ich bin mehr als zufrieden.

Fehlende Anerkennung

Nach dem Einwerfen kommt es dann zu den eingangs beschriebenen Zweikämpfen, bei denen ich ganz alt aussehe. Am Ende des Trainings wird noch einmal geschwommen – eine Viertelstunde im zügigen Tempo.

Wurf aus kurzer Distanz: Torwart Laszlo Baksa (r.), 33, ist gefragt.
Foto: camcop media/Andreas Klug

Marko Stamm betritt nun die Halle. Der 31-Jährige trainierte wegen einer Erkältung nicht mit. Er coacht gleich die neu gegründete Frauenmannschaft. Marko ist der Sohn von Hagen Stamm, dem Vereins-Präsidenten und Nationaltrainer, einer weiteren Wasserballikone.

Ob er der fehlenden medialen Präsenz seiner Sportart hinterhertrauert? „Es nervt schon“, sagt der Angreifer, der zu den besten deutschen Wasserballern zählt. „Es geht nicht einmal um das Finanzielle. Aber die gesellschaftliche Anerkennung vermissen wir. In Belgrad wird die Nationalmannschaft nach Titelgewinnen von 80000 Menschen auf dem Marktplatz gefeiert und bei uns interessiert sich kaum jemand für Wasserball.“


Raufen und Rangeln im Becken

Historie: Wasserball ist der älteste olympische Mannschaftsballsport. Bei Olympia in Paris wurde es bereits 1900 erstmals ausgeübt. Großbritannien holte Gold. Seit Sydney 2000 ist Wasserball auch für Frauen olympisch.  Seinen Ursprung hat der Sport in England, wo sich in den 1870er-Jahren im Wasser mehr gerauft wurde, als dass geordnet gespielt wurde. 1988 wurde im Vereinigten Königreich die erste organisierte Meisterschaft mit richtigen Spielregeln ausgetragen. Um die Jahrhundertwende wurde Wasserball auch in Deutschland gespielt. Der bislang einzige deutsche Olympiasieg erfolgte 1928. Erfolgreichste Wasserball-Nation ist Ungarn mit neun Olympiasiegen.

Spielfeld: Die Länge des Spielfelds beträgt mindestens 20 Meter und maximal 30 Meter (25 bei Frauen). Die Breite beträgt mindestens 10 Meter und maximal 20 Meter. An den kurzen Seiten befindet sich je ein Tor von 3 Meter Breite. Bei amtlichen Spielen muss die Wassertemperatur über 18 Grad Celsius betragen. Die Positionen der Spieler im Wasserball ähneln denen des Handballs. Es gibt Linksaußen, Links-Halben, Mitte, Rechts-Halben und Rechtsaußen, zudem einen Center-Spieler und einen Torwart. Linksaußen, Center und Rechtsaußen bewegen sich zwischen Zwei-Meter- und Fünf-Meter-Linie. Hinter der Fünf-Meter-Linie agieren in der Regel die Rückraumspieler.

Regeln: Die sechs Feldspieler versuchen, den 450 Gramm schweren Ball ins Tor zu befördern. Zur Unterscheidung dienen die Kappen: helle fürs Heimteam, dunkle für den Gast. Die Wassertiefe muss mindestens 1,80 Meter betragen. Die Spieler dürfen, während sie den Ball führen, nicht den Boden berühren. Gespielt wird in vier Vierteln à acht Minuten. Zu Beginn wirft der Schiri den Ball in die Mitte und die Spieler schwimmen an. Der Ball darf immer nur mit einer Hand oder einem Arm berührt werden. Nur die Torhüter (rote Kappen) dürfen beide Hände benutzen. Ein Angriff dauert 30 Sekunden. Vor einer Torerzielung muss der Ball von mindestens zwei Spielern berührt worden sein.