Berlin  -  Weiß für die Offensive, Schwarz für die Defensive, Rot für die Quarterbacks. Gerade sind die Trainings-Shirts für die American Footballer von Berlin Thunder eingetroffen. Vor etwas mehr als einer Woche bat Trainer Jag Bal das neue Berliner Profiteam zur ersten gemeinsamen Einheit. Seit Monaten arbeitet der 37 Jahre alte Kanadier daran, eine schlagkräftige  Mannschaft zu rekrutieren, die für Berlin in der neuen European League of Football (ELF) antritt.  

Herr Bal, Sie haben am ersten Maiwochenende am Teufelsberg mit Konditionstraining begonnen. Laufen, Sprints, Treppenläufe. Das bedeutet: Es gibt die American Footballer von Berlin Thunder wirklich. Bis zuletzt haben ja viele daran gezweifelt, dass Thunder existiert und am 20. Juni in der neuen Liga startet.

Jag Bal: In meiner Wahrnehmung hat Thunder Berlin nie verlassen. Wir hatten schon tolle Trainingseinheiten. Die Treppenläufe waren ein gutes Beispiel dafür, wie viele Schritte es braucht, um nach oben zu kommen. Ich hoffe, die Jungs haben verstanden, dass dafür harte Arbeit nötig ist. Ich habe einigen von ihnen erklärt, woraus der Teufelsberg besteht: aus Trümmern. Sie waren erstaunt. Es ist vielleicht ein gutes Beispiel, worauf die Stadt gebaut ist. Aus der Zerstörung sind großartige Dinge entstanden. Ich hoffe, unser Team hält die Berliner Mentalität aufrecht.

Hin und Her mit zwei Investorengruppen

In Berlin konnte sich die erste Investorengruppe nicht mit den Machern der ELF um den Hamburger Medienunternehmer Zeljko Karajica und den Football-Coach und Moderator Patrick Esume einigen. Jetzt gibt es vier neue Investoren. Sie waren die ganze Zeit dabei, ein 60-Mann-Team aus Spielern und Coaches aufzubauen. Wie weit sind Sie?

Ich habe nicht erwartet, dass gleich zu Beginn alles perfekt läuft. Das Hin und Her hat ein paar Probleme verursacht. Klar ist: Das Projekt entwickelt sich, ob mit oder ohne den einen oder anderen. Es ist ein gut konzipiertes Projekt für die Zukunft des American Football in Europa. Bislang haben uns beide Investorengruppen geholfen vorwärtszukommen. Wir sind noch immer im Aufbau und dabei, die Stücke zusammenzusetzen, damit alles funktioniert. Manche trauen sich noch nicht, einen Schritt ins Ungewisse zu tun, ihre Komfortzone zu verlassen. Aber Football hat nichts mit Komfort zu tun.

Foto: dpa/Michael Hundt
Zur Person

Jag Bal, 37, war zuletzt Coach der Berlin Adler. Der Kanadier aus Richmond spielte als Junge Eishockey und American Football – Letzteres dann am Butte College in Oroville, Kalifornien, das auch Quarterback Aaron Rodgers besuchte. Von dort wechselte er nach Europa, um als Defensive Lineman für die Dresden Monarchs, Kiel Baltic Hurricanes und Berlin Rebels zu spielen. Nach Stationen in Kroatien, Italien und Österreich als Coach blieb er in Berlin. 

In den sozialen Medien wird derzeit jeden Tag ein Thunder-Coach oder -Spieler vorgestellt. Mit dabei sind etwa Seantavius Jones, ein Wide Receiver mit NFL-Erfahrung, Defensive End Kolin Hill, der im College-Team der Texas Tech Universität spielte. Quarterback Calvin Stitt kommt aus Großbritannien. Was können Sie über das Team sagen?

Wir haben die Routiniers und die jungen Wilden, die in die Zukunft geführt werden. Die Jungen sind mutig, angriffsbereit. Wir wollen sie in Position bringen, um ein Team zu haben, das in der ELF langfristig nach vorne kommen kann. Also kein Team, das für zwei, drei Jahre zusammenbleibt, sondern für fünf, sechs, sieben Jahre. Wir haben Jungs, die uns heute helfen zu gewinnen, und welche, die uns morgen dabei helfen. Wir haben eine Gruppe, die die Risiken und Herausforderungen des ersten Jahres in einer neuen Liga annimmt.

Die Ligaverantwortlichen betonen immer, der Unterschied zwischen der NFL Europe, die 2007 gescheitert ist, und der neuen Europaliga ist, dass heimische Spieler, die Homegrowns, im Vordergrund stehen. Auch in Berlin?

In den Medien sorgen immer die großen Namen der Amerikaner für Aufsehen. Es ist ein gutes Zeichen, tolle Talente aus Amerika dabeizuhaben. Aber jedes ELF-Team basiert auf den heimischen Spielern. Wir haben: Nicolai Schumann, einen Tight End und Wide Receiver, der aus Berlin stammt und gezeigt hat, dass er einer besten in Deutschland ist. Oder Defensive End Aaron Boadu, dazu einen der besten Offensive Linemen Deutschlands. Wir haben sehr besondere Homegrowns, sie sind unsere Basis, das Fundament der Truppe.

Aber es sind auch Spieler zu Vereinen wie etwa den Berlin Adlern abgesprungen, oder?

Wir haben noch immer die Besten. Wir haben einen Spieler aus Potsdam, der College Football gespielt hat, ein Riesentalent als Cornerback, alles Playmakers aus der German Football League. Manche Namen sind weniger bekannt, andere schon. Sie werden nach und nach in den sozialen Medien bekanntgegeben. Aber in Zeiten der Ungewissheit von Corona gab es natürlich Spieler, die lieber den bequemeren Weg eingeschlagen haben und zu den lokalen Klubs gegangen sind, die immer da waren und dadurch Sicherheit erzeugen. Sie beobachten uns erst mal. Noch waren sie nicht bereit, etwas Neues zu wagen.

Wie erleben Sie die Reaktion der gewachsenen Football-Vereine in Berlin und Umgebung?

Da gibt es eine Spaltung. Wenn man mit Leuten spricht, die früher in die NFL Europe involviert waren, glauben sie alle an die ELF. Die Mehrheit des Football-Personals glaubt daran und will Teil davon sein. Wir hatten in den letzten fünf Monaten so viele Interessenten. Der einschüchternder Faktor ist, dass wir neu sind. Aber wir sind nicht nur neu, sondern das einzige Profiteam. Alle anderen sind Vereine. Manche von ihnen haben noch nicht erkannt, welchen Gewinn sie durch uns haben werden.

Welchen denn?

Eine ganz natürliche Folge: Die Vereine werden mehr Mitglieder bekommen, weil die ELF American Football in einem neuen medialen Rahmen zeigt. Mehr Leute werden Football im Fernsehen sehen, im Livestream, hoffentlich bald auch im Stadion. Sie werden eine Innensicht erleben, die sie zuvor nicht sehen konnten. In deutschen Vereinen fehlen qualifizierte Coaches. Wir wollen den Vereinen helfen, zu wachsen. Wir können Coaching Clinics abhalten, ihnen Trainer vermitteln, Leitfäden, eine Inneneinsicht in Football-Strukturen, in Strategie, in Planung: Wie scouten wir? Wie reporten wir? Unsere bezahlten Spieler können unter der Woche zu ihren Clubs gehen und dort beim Training mithelfen.

Es gibt nicht genügend Trainer?

Ich habe eine Menge enttäuschter Kinder gesehen, die darunter leiden, dass es nicht genug Trainer gibt, die ihnen die Möglichkeit geben, besser zu werden. Manche Jugendmannschaften sind nicht im Spielbetrieb gemeldet. Sie haben keine Wettbewerbe. Sie haben keinen Spaß. Kooperationen mit der ELF wären ein großer Benefit für alle. Ich weiß nicht, ob das mit der German Football League funktioniert. Aber das muss passieren, damit wir eine andere Klasse von Footballspielern ausbilden können. Je besser ein Spieler in der Jugend ist, desto besser ist er im Erwachsenenbereich. Die Regionen, die das zuerst tun, werden langfristig die ersten sein, die Erfolg haben. Berlin ist eine Stadt, in der wir so viele Teams auf so engem Raum haben. Sie sind untereinander so zerstritten, dass es die Entwicklung des Football auf vielen Ebenen behindert. Wir sollten anfangen zusammenzuarbeiten.

Am 20. Juni startet die Liga. Ist das nicht viel zu wenig Zeit, um Ihre Spieler aufeinander abzustimmen?

Die meisten Jungs haben trainiert. Als Athlet sollte man im Training immer kreativ sein, einen Weg zum Trainieren zu finden. Die Jungs, die das getan haben, sind bei uns. Manche Footballer könnten olympische Gewichtheber sein, andere olympische Sprinter. Football ist die Kombination. Wir müssen sie jetzt in Kontakt miteinander bringen, sie mental auf Kontakt einstellen. Wir haben sechs Wochen für die Vorbereitung. Wir werden am 20. Juni bereit sein.

Erhalten Sie von der Sportmetropole Berlin Unterstützung? Sie suchen noch immer einen Trainingsplatz?

Wir hatten Plätze. Wir hatten Gespräche mit dem Senat. Dort haben sie verstanden, was wir tun, um den Sport in Berlin voranzubringen. Sie sehen den Benefit und verstehen, dass es eine Zukunft von American Football in Europa gibt. Natürlich ist Deutschland eine Fußball-Nation. Dem entgegen stehen die belegten Sportanlagen. Wenn wir über das Stadion Lichterfelde sprechen, das unser Trainings- und Spiel-Stadion sein sollte, gibt es dort 60 oder 80 Teams, die diese Sportstätte nutzen: Fußballer, Leichtathleten, Hockeyspieler. Wir haben fünf Monate durch den Investorenwechsel verloren. Wenn das nicht so gewesen wäre, wären wir jetzt in einer besseren Position.

Jahnsportpark als Trainingsheimat für Berlin Thunder?

Das bedeutet, Sie wissen noch nicht, wo das erste Spiel am 20. Juni gegen Leipzig stattfindet?

Ich denke, es wird im Stadion Lichterfelde sein, aber es ist noch nicht zu 100 Prozent geklärt.

Und die Trainingsheimat von Thunder?

Es sieht so aus, als ob es der Jahnsportpark sein könnte. Das wäre toll, weil es im Zentrum ist. Unser Büro befindet sich derzeit in Moabit.

Wenn Sie der Gott des Donners wären, was würden Sie sich wünschen?

Lass uns einfach anfangen: Let‘s kick off.