Stefan Teichmann ist nicht mehr Präsident von Berlin United.
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BerlinWenn es nach Stefan Teichmann geht, dem gerade zurückgetretenen Präsidenten des ambitionierten Berlin-Ligisten Berlin United, würde seine Mannschaft in der Spielzeit 2020/21 gegen Teams wie Blau-Weiß 90, den Greifswalder FC oder den SV Tasmania in der Oberliga Nordost antreten. Der Mitt-Vierziger, von Beruf Architekt und Projektentwickler in der Immobilienbranche, hatte vor der wegen Corona abgebrochenen Spielzeit als Aufsteiger in Berlins höchste Spielklasse offensiv den „sofortigen Durchmarsch in die Oberliga“ als Ziel ausgegeben oder wollte spätestens binnen zwei Jahren dort angekommen sein. Dafür war das Team mit erfahrenen Spielern, die zuvor in der Oberliga oder gar in der Regionalliga ihr Geld verdient hatten, aufgerüstet worden. Mit Thiago Rockenbach da Silva, 35, kam ein Brasilianer, der einst für Fortuna Düsseldorf, RB Leipzig oder Hertha BSC II viele Tore geschossen hatte.

Unter dem neuen Trainer Fabian Gerdts, 30, den Teichmann vom Berliner SC holte und der als aufstrebendes Trainertalent gilt, kam die hochgehandelte Mannschaft nach Anfangserfolgen nicht in Schwung, verpasste schon bald das Ziel aus den Augen und landete auf Rang vier. Teichmann hatte Gerdts, der als Coach im Sommer 2019 überraschend auf Thomas Häßler folgte, zu Beginn euphorisch als „jungen Nagelsmann“ bezeichnet. Während der Corona-Pause häuften sich aber die negativen Meldungen über United. Der Vertrag mit Gerdts wurde Ende Mai nicht verlängert, mehrere Leistungsträger kündigten ihren Abgang an. Bislang sind elf Spieler weg. Gerüchte über finanzielle Probleme wies Teichmann gegenüber dieser Zeitung zurück.

Nun folgte der völlig überraschende Rücktritt Teichmanns, der für den Verein einem Erdbeben gleichkommt. Der gebürtige Rostocker war nicht nur der Präsident und Visionär, er war der Macher, Ideengeber, Strippenzieher, Sponsorenbeschaffer und Manager in einer Person. Wahrscheinlich zu viel für einen Mann, der immer locker und lässig daherkam, seine kühnen Pläne aber mit Nachdruck verfolgte und in Gesprächen durchaus beeindrucken konnte. Nun landet Berlin United wohl im „Friedhof gescheiterter Träume“, wie einst der Tagesspiegel schrieb, als es um die geplatzten Ambitionen in der Vergangenheit etwa von Blau-Weiß 90, Tennis Borussia oder Viktoria 89 ging, die alle stets von Höherem träumten. So wie zuletzt United.

Teichmann sagte dieser Zeitung: „Ich habe drei Jahre pro Woche 40 Stunden für den Verein gearbeitet – und das ehrenamtlich. Ich hatte keine Zeit mehr für andere Dinge. Und ich war vielleicht zu detailverliebt. United benötigt mehr Man-Power.“

Der Weg des Vereins wurde von der Konkurrenz meist argwöhnisch beäugt.  Den Satz vom „FC Bayern der Berlin-Liga“ ließ Teichmann nicht gelten, er sagte: „Wir liegen mit unserem Budget nur im oberen Drittel der Liga, nicht mehr.“ Nun erklärte er zum Thema Finanzen: „Alle Spieler, die zu uns gekommen sind, haben kein Handgeld bekommen und sind somit nicht wegen des schnellen Geldes gekommen. Es gab einen Spirit bei Berlin United.“ Doch außer Visionen fehlte dem Verein noch viel, um schnell voranzukommen.

Nun meldete sich Teichmann mit einer dreiseitigen offiziellen Erklärung zu Wort. Darin heißt es unter anderem: „Durch Corona fand ich endlich Zeit, das eigene Handeln zu hinterfragen…Ich bin von meinem Weg abgekommen. Mich haben Dinge wie ein starkes Marketing und ein starkes Team mehr interessiert, als United insgesamt nach vorne zu bringen.“ Er habe sich zu sehr im Alltagsgeschäft wiedergefunden. Sein Rücktritt, der United in heftige Turbulenzen bringen könnte, scheint ein Konglomerat aus persönlichem Ausgebrannt-Sein, zermürbenden Verhandlungen mit Berliner Behörden und der Erkenntnis zu sein, dass der Vereinsstandort am Spandauer Damm, einer Bezirkssportanlage ohne Geschäftsstelle von United, nicht geeignet ist für die rasante Entwicklung, die dem Macher einst vorschwebte.

Teichmann zeigte sich stets als Querdenker, als unkonventioneller Mann, der keine Grenzen kannte. 2017 gründete er den Verein mit vier Jugendteams und hatte danach von den Nöten des Club Italia erfahren, der auch immer nach oben strebte und in Thomas „Icke“ Häßler einen Weltmeister als Trainer verpflichtet hatte. Es kam zur Fusion zwischen dem strauchelnden Club Italia und United – und die Mannschaft konnte sofort in der Landesliga unter dem neuen Namen ihren Weg nach oben beginnen. Teichmann sprach stets vom „Projekt“, das „nachhaltig und auf lange Sicht angelegt ist.“ Er setzte auf das Label Berlin und wollte einen Verein entwickeln, der Berlin und Brandenburg verbindet. Das kommt auch im Logo des Vereins zum Ausdruck, dass Teichmann persönlich entwarf.

Der Plan dahinter: steter Aufstieg der ersten Mannschaft – bis irgendwann in den Profifußball  –, Förderung der Jugend und Aufbau eines Klubgeländes samt neuem Nachwuchsleistungszentrum. Das Vorbild: RB Leipzig, wo sich Teichmann vor Ort informiert hatte. 

Mit Häßler, lange das prominente Gesicht von United und Türöffner für Sponsoren, gelang der Aufstieg in die Berlin-Liga. Danach trennte sich Teichmann von seinem einstigen Aushängeschild. Er traute dem Weltmeister von 1990 die Weiterentwicklung der Mannschaft nicht mehr zu und setzte auf den jungen Fabian Gerdts, Besitzer der A-Lizenz und mit guter Reputation im Berliner Amateurfußball. In seiner Erklärung übt Teichmann nochmal Kritik an Häßler, „…der bis dato noch nie ein anderes Spiel oder andere Spieler beobachtet hatte…“

Im Januar 2019 sorgte United für Schlagzeilen, als der schussgewaltige Brasilianer Ronny, einst Liebling der Hertha-Fans, ein Jahr nach seinem Karriereende plötzlich bei Teichmann auftauchte, mit dem Wunsch, unter Häßler trainieren und sechs Monate spielen zu dürfen. Zu diesem Ereignis kam es nicht, weil Ronny, vermittelt von seinem Berater Dino Lamberti aus Zürich, über Nacht zum Schweizer Zweitligisten FC Wil reiste, um dort einen Vertrag zu ergattern, was aber wegen fehlender Fitness misslang.

Auch ohne Ronny stieg United souverän auf. Die Realität hieß aber zuletzt: Eine Heimstätte „weit weg vom Schuss“ am Spandauer Damm, die nicht einmal oberligareif ist. Oft kamen in der Berlin-Liga nur 50 oder 70 Zuschauer.

Wie geht es nun weiter mit dem Verein? Stefan Teichmann sagt: „Das steht alles in den Sternen.“ Er sei „völlig raus“. Giovanni Bruno, der ehemalige Chef des Club Italia und Stellvertreter von Teichmann bei United, soll die Geschäfte führen. Für ein Statement stand er bislang nicht zur Verfügung.  Auf die Frage dieser Zeitung, ob man ihn nach einer längeren Auszeit noch einmal im Fußball antreffen wird, sagte Teichmann: „Ich glaube schon!“