Ein Bild aus besseren Tagen: Thomas Häßler im August 2018 als Trainer von Berlin United.
Foto: Matthias Koch

BerlinAm zurückliegenden Sonntag um 12 Uhr sollte laut Spielplan in der Berlin-Liga die Mannschaft des Tabellenletzten Berlin United auf dem heimischen Platz am Spandauer Damm das Team des 1. FC Novi Pazar um den Brasilianer Ronny empfangen. Es sollte das Duell zweier Vereine werden, die von großen Dingen träumen, aber von denen United gerade einen ganz tiefen Fall erlebt. Das Spiel wurde kurzfristig abgesagt und mit 2:0-Toren für Aufsteiger Novi Pazar gewertet, der weiter am erhofften Durchmarsch in die Oberliga arbeiten kann.

Berlin United aber hatte Joachim Gärtner, den Spielbetriebsleiter des Berliner Fußball-Verbandes (BFV) kontaktiert, weil der Verein, der von heftigen Turbulenzen geschüttelt wird, keine Mannschaft zusammenbekommen hatte. Es wurde laut Gärtner konkret über eine sofortige Abmeldung vom Ligabetrieb diskutiert, die einen Neustart in der kommenden Saison in der Kreisliga C bedeutet hätte. Doch plötzlich entschied sich United zu einer Alternativlösung. Drei Spiele darf sich eine Mannschaft abmelden, erst danach greift automatisch das endgültige Aus vom Spielbetrieb. Offenbar wollen die Verantwortlichen bei United Zeit herausschlagen und doch noch eine Lösung anbieten, um weiter in Berlins höchster Spielklasse antreten zu können.

Das Team hatte zuletzt mit 1:12 bei Brandenburg 03 verloren, steht nach sechs Spieltagen mit null Punkten  und einem Torverhältnis von 5:37 auf dem letzten Tabellenplatz. Es ist so nicht wettbewerbsfähig. Giovanni Bruno, der 2. Vorsitzende, der versucht, das Chaos im Verein einigermaßen unter Kontrolle zu bringen, sagte dieser Zeitung: „Wir müssen unsere Spieler schützen, es hat keinen Sinn, sich abschlachten zu lassen. Wir wissen nicht, wie es weitergeht.“

Bruno klagt über eine „sehr schlimme Situation“ mit Corona, vielen verletzten  Spielern und solchen Kickern, die noch auf ihre Spielgenehmigung warten. „Aber wir haben uns noch nicht abgemeldet!“

Seit vielen Wochen geht es turbulent zu bei United, das vor drei Jahren großspurig angetreten war, irgendwann die dritte Kraft im Berliner Fußball zu werden. Der damalige Präsident Stefan Teichmann, ein Mann mit großen Visionen, verpflichtete Weltmeister Thomas „Icke“ Häßler als Trainer, der das Team schnell in die Berlin-Liga führte. Nach der Trennung von Häßler, dem Teichmann eine Weiterentwicklung der Mannschaft nicht zutraute, wollte man in spätestens zwei Jahren die Oberliga erreicht haben. Unter dem neuen, jungen Coach Fabian Gerdts reichte es aber 2019/20 nur zu Rang vier, obwohl das Team mit erfahrenen Spielern aus der Regionalliga und der Oberliga verstärkt worden war.

Im Juli folgte der völlig überraschende Rücktritt von Teichmann, dem bisherigen Alleinunterhalter und Macher bei United. Er sei durch die intensive Arbeit der zurückliegenden Jahre „ausgebrannt“, lautete die Erklärung. Mit Teichmann verließ beinahe die komplette, prominent besetzte Mannschaft den Verein. 18 Abgänge waren zu verzeichnen.

Giovanni Bruno übernahm die Führung, holte in Alexander Klitzpera, einem ehemaligen Bundesliga-Profi , einen Mann, der ein hektisches Blitz-Scouting durchführte, um neue Spieler zu gewinnen. Im Internet wurde nach Kickern gefahndet. Zudem konnte in Jörg Goslar ein erfahrener Trainer verpflichtet werden, der das „Himmelfahrtskommando“, so hieß es in Ligakreisen, annahm. Den Klassenerhalt gab Goslar mit seiner zusammengewürfelten Truppe als einziges Ziel aus. Ein schweres Unterfangen.

Giovanni Bruno: Im Moment alles offen

Nun aber steht der Verein beinahe vor der Auflösung. Viele Spieler weisen nur Kreisliga-Niveau auf. Goslar sagte dieser Zeitung: „Wir haben den Trainings-und Spielbetrieb erst einmal eingestellt. Die Mannschaft brauchte Hilfe, die aber nicht kurzfristig eingetreten ist. Wir haben alles getan, um spielen zu können. Charakterlich kann ich den Spielern keinen Vorwurf machen. Die waren motiviert.“

Kurios: Es gibt das Gerücht, dass der fußballaffine ehemalige VW-Manager Dr. Wolfgang Schreiber bei United einsteigen und helfen will. Es könnte sein, dass unter dessen Leitung und mit Hilfe von Scouting-Chef Klitzpera bis zum 5. Oktober, dem Transferschluss, noch einmal neues kickendes Personal geholt werden soll, mit dem man weiter in der Berlin-Liga bleiben will. Doch nun sollen wohl auch Schreiber und Klitzpera ihr angedachtes Engagement eingestellt haben. 

Der zweite Vorsitzende Giovanni Bruno sagt: „In zwei Wochen wissen wir mehr, es ist im Moment alles offen, wie es bei uns weitergeht.“ BFV-Spielbetriebsleiter Joachim Gärtner kündigt derweil an: „Wenn United dreimal nicht antritt, müssen sie hinunter in die Kreisliga C und von ganz unten anfangen.“