Berlin/Rio - „Wohoo, wir sind im olympischen Dorf angekommen“, ist unter dem Foto zu lesen, das Yusra Mardini vor ein paar Tagen auf Facebook gepostet hat. Darauf steht sie in Trainingsklamotten unter dem Symbol der olympischen Ringe, die in Rio an eine Hauswand geschraubt sind. „Mein Teamkollege Rami und ich sind so glücklich und stolz, hier zu sein“, schreibt sie dazu. Sie lacht auf dem Foto, sie kann das auf sehr fröhliche, impulsive Weise tun. Und vielleicht ist dieser Schnappschuss mehr als nur ein Bild, auf dem sie den Daumen nach oben reckt: Könnte es nicht sein, dass ihr Lachen unter den fünf olympischen Ringen eine Verbindung zwischen den Kontinenten schafft, die sie symbolisieren?

Yusra Mardini trägt die Akkreditierung mit dem grünen Halsband vor der Brust, die jeder Sportler bekommt, der sich für die Sommerspiele in Rio de Janeiro qualifiziert hat. Sie ist Schwimmerin, 18 Jahre alt, keck, fotogen. Und sie kommt aus Syrien. Nach den Sportregeln, die nur Zahlen kennen und Ergebnisse in Hundertstelsekunden bemessen, hat sie die Qualifikation für Olympia nicht geschafft. Aber sie nimmt trotzdem daran teil. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hat sie dazu eingeladen. Weil sich das, was sie in ihrem Leben erreicht hat, nicht in Zentimetern oder Sekunden messen lässt.

„Sind Sie verliebt?“

Bei der Eröffnungsfeier am Freitagabend wird im Maracanã-Stadion von Rio de Janeiro zum ersten Mal ein olympisches Flüchtlingsteam einmarschieren. Zehn Athleten als Symbol der Hoffnung für 65 Millionen Geflüchtete: fünf Läufer aus dem Südsudan, ein Schwimmer aus Syrien, zwei Judoka aus der Demokratischen Republik Kongo, ein Marathonläufer aus Äthiopien und Yusra Mardini von den Wasserfreunden Spandau 04 – geboren in Damaskus, geflohen über Beirut, Istanbul und Lesbos.

Das Refugee Olympic Team (ROT) werde weltweit auf das Ausmaß der Flüchtlingskrise aufmerksam machen, glaubt der IOC-Präsident Thomas Bach: „Es ist ein Signal für die internationale Gemeinschaft, dass Flüchtlinge unsere Mitmenschen und eine Bereicherung für unsere Gesellschaft sind.“

Als Mardini Anfang Juni erfuhr, dass sie vom IOC ausgewählt wurde, hüpfte sie vor Freude durch das Zimmer ihrer Charlottenburger Wohnung: „Ich war gleichzeitig so glücklich und so stolz“, erzählt sie. Kurz nach der Entscheidung hatte ihr Trainer eine kleine Presserunde im Spandauer Vereinsheim Alfreds organisiert. Sie posierte im Strandkorb auf der Terrasse für Fotos, schaute den Reportern direkt ins Gesicht und beantwortete indiskrete Fragen erstaunlich offen. „Sind Sie verliebt?“ wollte jemand wissen. „Nein“, kicherte sie, „nur ins Wasser.“ „War Ihre Geburt schwierig?“ Sie blinzelte. Dann sagte sie: „Nein, es ging sehr schnell.“ Offenbar hat sie sich daran gewöhnt, dass alle möglichen Leute alles Mögliche von ihr wissen wollen. Sie erzählt einfach drauflos, am liebsten auf Englisch.

Nur die Geschichte vom Meer erzählt sie nicht mehr. Sie handelt davon, wie Schlepper 20 Flüchtlinge aus Syrien und Somalia, fast alle Nichtschwimmer, in der Türkei in ein kleines Boot gepfercht hatten. Bald fiel der Motor aus. Wellen schwappten ins Boot. Die Menschen warfen Gepäck ab, trotzdem begann das Schlauchboot in der Ägäis zu sinken. Yusra Mardini und ihre ältere Schwester Sarah, auch Leistungsschwimmerin, sprangen ins Meer. Sie nahmen das Boot ins Schlepptau, paddelten der Insel Lesbos entgegen, retteten sich und den anderen so das Leben. Sie wurden zu Heldinnen, ihre Geschichte zu einer Heldengeschichte.

Heldengeschichten wirken. Wem aber helfen sie? Braucht man ein olympisches Flüchtlingsteam, um auf die weltweite Flüchtlingskrise aufmerksam zu machen? Oder braucht Thomas Bach das Flüchtlingsteam, um von der Krise des IOC abzulenken, die nach Korruptions- und Dopingschlagzeilen noch nie so groß war wie jetzt? Hilft Olympia den Flüchtlingen? Helfen die Spiele Yusra Mardini?