Berliner AK: In der Hitze von Moabit

Wer Kemal Halats Erklärungen lauscht, sollte sich die Mannschaft des Fußballvereins Berliner Athletik Klub 07 am besten als einen Kaminofen vorstellen. Vorige Saison loderte der Ofen noch lichterloh, strahlte ungemein Hitze aus. 23 Siege, acht Remis, nur drei Niederlagen in der Regionalliga Nordost, dazu die beste Rückrunde aller Viertligisten in Deutschland. Keine Mannschaft war besser als der Klub aus Moabit. Außer eine: der FSV Zwickau. Den Aufstieg in die Dritte Liga – und damit in den Profifußball – verpasste der BAK nur wegen der um zwei läppische Treffer schlechteren Tordifferenz.

Sportdirektor Halat, 45, seit März erst im Amt, erinnert sich gern an „ganz intensive Anfangsmonate mit dem Aufstiegsrennen bis zum Schluss“. Die Realität heute nach neun Spieltagen der neuen Saison und vor dem Duell mit dem SV Babelsberg 03 (Sonntag, 13.30 Uhr, Poststadion) sieht jedoch ungleich grauer aus. Mit 15 Punkten rangiert der Berliner Aufstiegskandidat im Mittelfeld der Tabelle. Der unbesiegte Spitzenreiter Carl Zeiss Jena hat bereits zehn Punkte Vorsprung. Der Kaminofen – er scheint nicht so recht wieder in Gang zu kommen.

Die letzten Prozent fehlen

„Letzte Saison ist jeder Spieler an die Schmerzgrenze gegangen. Dieses Jahr hatten wir zu Beginn das Gefühl, dass die letzten zehn Prozent fehlten, dass die Mannschaft nicht mehr brennt“, sagt Halat. Feuer und Flamme hätten die Männer von Steffen Baumgart 2016/2017 eigentlich sein sollen. Stattdessen setzte es zum Auftakt ein 0:3 gegen den FC Schönberg 95, und von den folgenden vier Partien gewann der ambitionierte BAK nur eine. Baumgart (44) kostete die kurzfristig miese Bilanz den Job. Ausgerechnet ihn.

Eben noch besonders belobigter Erfolgscoach mit einem um ein Jahr verlängerten Vertrag und von der Fußballwoche in einer Umfrage zum Trainer des Saison im Berliner Amateurfußball gekürt, lernte der frühere Profi (unter anderem beim 1. FC Union, Hansa Rostock und Energie Cottbus), dass die Arbeitsmarktrealität auch in den Niederungen des Geschäfts kaum anders funktioniert als in den Eliteligen. Der Verein dankte ihm in einer Mitteilung knapp „für 14 Monate der guten Zusammenarbeit“ und wünschen Steffen Baumgart „für die persönliche und berufliche Zukunft alles Gute“.

Seit Ende August nun ist Baumgart freigestellt. Einen Tag nach seiner Demission gab der BAK bekannt, dass der frühere Nordhausener Jörg Goslar, 52, die Mannschaft künftig trainiert. Auf Nachfrage dieser Zeitung sechs Wochen später gibt sich der Geschasste – an der Seitenlinie und seinerzeit als Profi mit Temperament eigentlich für Zwei gesegnet – erstaunlich sachlich-nüchtern.

Der Verein habe nach dem nicht eben überragenden Start in die neue Spielzeit halt „das Saisonziel gefährdet gesehen und versucht, neue Akzente zu setzen. Alles verlief ganz normal, sachlich, vernünftig. Man hat sich unterhalten, und der Vorstand hat beschlossen, neue Wege zu gehen. Ich halte das in dem Job für normal.“ Dann fügt Baumgart noch an: „Ob ich es gutheiße, ist eine andere Frage.“ Und dass die Verletztenmisere zu Saisonbeginn mit drei Schwerverletzten im Kader (zwei Kreuzbandrisse, ein Mittelfußbruch) zu seinen Lasten ging, liegt auf der Hand.

Wieder attraktiver Fußball

„Der Vorstand“ – das bedeutet im Fall des Berliner AK 07 vor allem: Präsident Mehmet Ali Han, 51. Seit rund 15 Jahren sponsert der Hennigsdorfer Bauunternehmer den traditionsreichen Klub. Dessen Vergangenheit ist reichlich bewegt. Vor gar nicht langer Zeit war er mit mehreren Zehntausend Euro überschuldet, hat Namens- und Vereinsfarbenänderungen und eine missratene Kooperation mit dem türkischen Erstligisten Ankaraspor sowie etliche Personalwechsel in der sportlichen Führung hinter sich.

Dennoch nahm er eine erstaunliche sportliche Entwicklung. Dass aus einem „maroden Oberligisten ein prosperierender Regionalligist“ wurde, wie Die Zeit schrieb, hat eben vor allem mit dem Engagement des umtriebigen Präsidenten zu tun. Und dass der Boss bei Heimspielen im Poststadion unweit des Hauptbahnhofs lieber ein 4:3 als ein 1:0 beklatscht, gehört zu den offenen Geheimnissen beim BAK.

Geringer Gestaltungswille ist dem in jeglicher Hinsicht ehrgeizigen Geschäftsmann nicht nachzusagen. „Der Präsident ist ein starker Mann“, sagt Steffen Baumgart über den BAK. Es klingt nicht einmal ironisch. Die Meinungsverschiedenheiten, beispielsweise seine eher auf kontrollierte Konter denn auf forsche Offensive ausgerichtete Spielphilosophie betreffend, haben den geschassten Trainer Nerven gekostet: „Darüber müssen wir nicht reden“, sagt er, meint aber: „Im Fußball ist es normal, dass viele mitreden.“

Aufstieg nicht abgehakt

Sportdirektor Kemal Halat lässt zwischen den Zeilen durchblicken, dass die Zusammenarbeit mit dem „mächtigsten Mann im Verein“ Ali Han nicht immer einfach, dessen ungeachtet jedoch in gewisser Weise stets sehr anregend ist. „Der Präsident hat beim BAK in den vergangenen Jahren überragende Arbeit geleistet. Er ist ein sehr erfolgsorientierter Mensch, sein Anspruch ist sehr hoch. Wenn man mit Ali Han arbeitet, gibt es Meinungsverschiedenheiten. Da er alles macht und tut und bezahlt, hat er auch das Recht zu hinterfragen, warum, wieso, weshalb“, meint Halat.

Die Spielweise unter Trainer Jürgen Goslar wirkt nun tatsächlich attraktiver. Doch Attraktivität, bemerkt Halat lächelnd, „entscheidet nicht darüber, ob man gewinnt oder nicht gewinnt“.

Den erhofften Aufstieg in die Dritte Liga möchte der Sportdirektor – zumal 25 Spieltage vor Saisonende – trotz des Rückstands in der Tabelle der Regionalliga Nordost noch längst nicht abhaken. Kemal Halat sagt: „Ich weiß, dass die Mannschaft große Qualität hat. Sie muss sie nur abrufen.“