New York - Eigentlich hätte Moritz Wagner allen Grund gehabt, zufrieden zu sein mit seinem Abend in New York, der 20 Jahre alte Berliner hatte sich achtbar geschlagen im dritten NBA Einsatz seiner jungen Karriere. Kaum eine Minute stand er nach seiner Einwechslung Ende des ersten Viertels auf dem Parkett, da versenkte er zischend einen Distanzwurf im Korb der Brooklyn Nets und wurde begeistert von seinen Teamkollegen abgeklatscht – nicht zuletzt von LeBron James, dem besten Spieler der Welt. Und auch der Rest seiner acht Minuten gegen die Brooklyn Nets war produktiv, er zog ein Foul auf sich und verwandelte einen Freiwurf und machte sich auch sonst munter nützlich für die Lakers.

Doch Wagner war trotzdem missmutig und gereizt in der Kabine. Der Rummel um seinen Spindnachbarn LeBron James nervte ihn gewaltig, er hatte gute Lust, die Fernsehteams zur Seite zu schubsen, damit er sich in Ruhe umziehen konnte. Fragen beantwortete er nur widerwillig, er wollte nur noch raus aus der Barclay Arena in Downtown Brooklyn. „Was soll ich sagen, wir haben verloren“, meinte Wagner, als man ihn um einen Kommentar zum Spiel bat.

Wagner gibt sich als Teamplayer, es soll nicht um ihn gehen, das hat er schon nach seinem ersten Einsatz in Charlotte vor 14 Tagen klar gemacht, als er für seine ersten Treffer in der besten Basketball-Liga der Welt überschwänglich von Teamkollegen und Fans gefeiert wurde. „Ich bin nicht hier, um einen Haufen Punkte zu machen. Ich bin hier, um dem verdammten Team zu helfen“, hat er da gesagt.

Tipps von Tyson Chandler

Diese altruistische Einstellung legt der Rookie während der gesamten 60 Minuten in Brooklyn demonstrativ an den Tag. Der 2,08-Mann sitzt, an seinem Handtuch kauend, immer unruhig am Rand seines Klappstuhls und geht bei jedem Spielzug seiner Teamkollegen mit. Bei jedem Time Out klatscht er seine Mitspieler ab, und wenn der Coach das Team zum Huddle zusammenholt, zur Rudelbildung am Rande des Parketts, dann steht Moritz Wagner aufmerksam in der ersten Reihe. Und in der Halbzeit holt er sich vom Veteranen Tyson Chandler Tipps, was er vielleicht noch besser machen kann. Mit dem 36-Jährigen teilt sich Wagner den Job als Power Forward.

Das wirkt vielleicht alles ein klein wenig streberhaft, ist aber weder verwunderlich noch unsympathisch. Moritz Wagner hat mit seiner Rekrutierung durch die Lakers im vergangenen Sommer eine Chance erhalten, wie sie sich Berufssportlern nur selten bietet. Und der lange Kerl vom Prenzlauer Berg will alles tun, um das Beste daraus zu machen.

Dass Wagner im vergangenen Juni in New York beim Draft – der Talentbörse der NBA – ausgerechnet vom Rekord-Champion LA Lakers gezogen wurde, hatte damals nicht nur ihn überrascht. Wagner hatte sich zwar in seiner letzten Saison am College mit einer beeindruckenden Leistung für die Michigan Wolverines zu so etwas wie einem Star des College Turniers in den Vordergrund gespielt. Daran, dass er gleich in der ersten Runde der komplizierten Spielerverlosung vom Markt geht und das für eines der Superteams der Superliga, war jedoch ein kleiner Schock.

Im Zusammenhang der Strategie des Laker-Besitzers Earvin Magic Johnson, selbst eine der Legenden des Sports, machte es jedoch vollkommen Sinn. Johnson wollte die Los Angeles Lakers langfristig neu aufbauen und bastelte an einem Stamm aus vielversprechenden Talenten.

Plötzlich Teamkamerad von LeBron James

Doch dann entschied sich, nur 14 Tage nach dem Draft, LeBron James dafür, das nächste Kapitel in seiner einmaligen Karriere in LA aufzuschlagen. Und plötzlich war bei den Lakers alles anders.

Offiziell bleibt die Mannschaftsleitung in Hollywood noch immer bei der Geschichte des langfristigen Aufbaus. Doch jeder weiß, dass jemand wie LeBron James nicht lange mit einer Mannschaft spielen will, die keine Titelaussichten hat. Und die Fans in Los Angeles werden auch nicht Jahre warten, bis ihr neuer Superstar sie wenigstens in die Nähe einer Trophäe rückt.

Das bringt die junge Riege der Lakers schon in ihren ersten Profi-Monaten enorm unter Druck, Wagner etwa oder auch seinen erst 19 Jahre jungen Kollegen Isaac Bonga, der über Philadelphia aus Frankfurt nach Los Angeles kam und gemeinsam mit Wagner jetzt eine kleine deutsche Delegation in Hollywood bildet. Man weiß, dass ein großer und teurer Zugang bevorsteht für den Kader in LA, vielleicht noch in dieser Saison, spätestens in der nächsten. Und man weiß, dass dann viele der Jungen wieder abgegeben werden müssen.

Moritz Wagner versucht, mit dieser Situation gelassen und professionell umzugehen, schließlich ist er ja trotz seiner erst 20 Jahre schon lange im Geschäft. Es ist nicht das erste Mal, dass er sich als Neuling durchsetzen muss, das hat er schon als ganz junger Spieler bei Alba Berlin durchgemacht und später im knallharten amerikanischen College Geschäft.

Traum von der Startformation

„Ich arbeite Tag für Tag, Spiel für Spiel und versuche immer besser zu werden“, sagt er. „Was soll ich auch sonst tun, alles andere unterliegt ja nicht meiner Kontrolle.“ Natürlich, daraus macht er keinen Hehl, würde er gerne Teil einer Stammformation rund um LeBron James werden, die es in den Playoffs ganz weit bringt, das wäre ein Traum. Aber er weiß, dass er das nicht geschenkt bekommt.

Immerhin hat Moritz Wagner sich schon einmal einen gewissen Vertrauensvorschuss erarbeitet, obwohl er wegen einer Knieverletzung erst verspätet in die Saison starten konnte. LeBron James hat Wagners Beitrag mehrfach öffentlich gelobt, „selbst wenn er nicht auf dem Platz steht“. Und wer James kennt, der weiß, dass er gegenüber den Medien nichts einfach mal so dahin sagt. Für James sind solche Äußerungen immer auch ein Weg, Druck auf die Mannschaftsleitung auszuüben, so, wie er in den letzten Wochen immer wieder gesagt hat, wie gerne er doch einmal mit dem Star der New Orleans Pelicans, Anthony Davis, zusammen spielen würde.

Und auch bei den Fans hat Moe Wagner, wie sie ihn seit seinen College Zeiten in den USA nennen, einen Stein im Brett. Als man in der Barclays Arena gegenüber zwei jungen Männern im gelb-lilanen Jersey den Namen Wagner fallen lässt, brechen diese in ein ohrenbetäubendes Grölen aus. „Moe Wagner, Mann“, sagt der eine. „Wenn der erstmal richtig Spielzeit bekommt, dann wird der ein ganz Großer.“

Einstweilen ist Moe jedoch noch ein Rookie, ein Neuling, der sich durchbeißen muss. Aber er ist auch ein junger Mann, der in Los Angeles in einem Strandhaus wohnt und zum ersten Mal in seinem Leben richtig Geld verdient. „Es ist nicht immer einfach, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren“, sagt er, während er seine Daunenjacke überstreift und in die New Yorker Nacht entschwindet. Wie einer, um den man sich Sorgen machen muss, wirkt er dabei jedoch nicht. Moe Wagner weiß genau, was er will. Und er weiß, dass es jetzt zum Greifen nahe ist.