Hertha-Keeper Kraft wehrt im Elfmeterschießen den Versuch von Dresdens Kevin Ehlers ab.
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BerlinAm Mittwochabend war Urs Fischer, wie der Trainer des 1. FC Union am Tag darauf im prall gefüllten Presseraum seines Arbeitgebers selbst berichtete, zu Gast im Olympiastadion. Als Augenzeuge einer Partie, bei der der Sieger doch tatsächlich erst um 23.44 Uhr feststand. „Das ist das, was den Pokal ausmacht, für mich im Stadion“, sagte der Schweizer, „aber auch für alle vor dem Fernseher.“

Ja, die Spieler von Hertha BSC und Dynamo Dresden hatten sich vor etwas mehr als 70 000 Zuschauern in der Tat einen erinnerungswürdigen Schlagabtausch geliefert. Mit einem wechselvollen Verlauf inklusive Verlängerung und Elfmeterschießen, das Herthas Jordan Torunarigha mit seinem Treffer zum 3:3 ja erst in der Nachspielzeit der Verlängerung erzwungen hatte. Mit einem Torhüter namens Thomas Kraft, der beim Showdown der Nerven zwei Versuche der Dresdner parierte und für Hertha das Fortkommen ins Achtelfinale des nationalen Pokalwettbewerbs sicherte. Endstand: 8:7 nach Elfmeterschießen. Auswirkungen auf das Stadtderby am Sonnabend um 18.30 Uhr im Stadion An der Alten Försterei zwischen Union und Hertha: ungewiss.

Späte Leistungssteigerung

„Ich glaube, am Schluss, wenn du dann doch noch gewinnst, dann hat das einen nicht allzu großen Einfluss auf das Spiel am Samstag. Da regenerierst du zwangsläufig auch schneller, besser, weil du positive Gefühle mitnimmst. Von daher hab ich jetzt nicht das Gefühl, dass die Verlängerung große Spuren bei Hertha hinterlässt. Auch dass sie einen Tag nach uns gespielt haben, das kannst du wegstecken. Das kriegst du hin, das haben ja auch wir nach dem Spiel bei den Bayern in Freiburg gezeigt“, antwortete Fischer auf eine entsprechende Frage.

Es sprach da der erfahrene Fußballlehrer, der um die Wirkung eines nach allerlei Wirrungen und Irrungen erzielten Erfolgserlebnisses weiß. Es sprach da aber auch der Fußballlehrer, der tunlichst vermeiden wollte, dass seiner Mannschaft nach dem schweren Gang des Ortsrivalen im Hinblick die erste Bundesliga-Partie zwischen Rot-Weiß und Blau-Weiß die Favoritenrolle zugespielt wird. Für den Sonnabend kam der 53-Jährige letztlich zu folgendem Schluss: „Derby ist Derby. Aber Stadtderby ist schon noch ein bisschen spezieller. Wenn du da überdrehst, kommt es nicht gut. Einschlafen aber solltest du auch nicht. Das Spiel geht nicht nur über den Kampf, sondern auch spielerische Lösungen sind gefragt.“

"So ein Sieg kann auch beflügeln"

Getragen vom euphorischen Moment waren auch die Hertha-Profis, die sich um Mitternacht in der Mixed-Zone des Olympiastadions zum Stelldichein mit den Reportern eingefunden hatten, zumindest hinsichtlich der Frage nach der kräfteraubenden Pokalspätschicht mit Fischer einer Meinung. „Es wird nun das Allerwichtigste sein, dass wir uns gut erholen, was nach so einem intensiven Spiel nicht einfach wird“, sagte beispielsweise Mittelfeldspieler Marko Grujic: „Aber im Derby werden uns die Emotionen sowieso noch einmal einen zusätzlichen Push geben.“ Marius Wolf, der Flügelspieler, der zusammen mit seinen Kollegen erst durch eine späte Leistungssteigerung die Blamage gegen den von 35 000 Fans in Schwarz und Gelb unterstützten Zweitligisten abwendet hatte, ging sogar noch einen Schritt weiter. „So ein Sieg“, sagte er, „kann auch beflügeln und ein Vorteil für uns sein. Ich denke, dass jeder Spieler heiß ist. Dass sind Spiele, die noch ein paar Prozent mehr herauskitzeln. Wer sich da nicht drauf freut – da weiß ich auch nicht.“

In der nüchternen Analyse dürfte auch Fischer fernab aller Fitness-Spekulationen allerdings nicht entgangen sein, dass Hertha BSC lange Zeit doch arge Probleme mit dem energischen und körperbetonten Spiel des Underdogs aus Sachsen hatte. Nur in wenigen Situationen war die Elf seines Pendants Ante Covic in der Lage, ihre spielerische Klasse zu entfalten.

Rüffel für Stark

Grujic entglitt im Zentrum immer wieder die Kontrolle über das Geschehen, das Spiel über die Außen wollte nicht so richtig in Gang kommen. In der regulären Spielzeit eigentlich nur einmal zwingend, nämlich in der 48. Minute, als Ondrej Duda mit einem Pass auf Wolf das Spiel beschleunigte und Dodi Lukebakio die Hereingabe von Wolf zum 1:1 verwertete. Letztgenannter war es auch, der in der 85. Minute an der Strafraumkante den von Duda im Anschluss verwandelten Strafstoß zum 2:1 zog.

Und in der Defensive offenbarten die Herthaner einmal mehr allerlei Abstimmungsprobleme sowie doch erstaunliche Schwächen in der Zweikampfführung. Insbesondere Nationalspieler Niklas Stark, der in der 90. Minute sich wie wild auf Moussa Koné stürzte, obwohl der Dresdner Stürmer samt Ball eher Richtung Eckfahne denn Richtung Hertha-Tor unterwegs war. Vom Trainer bekam der Abwehrchef dafür gleich mal einen Rüffel, Covic sprach von einem „völlig bescheuerten“ Einsteigen, das den Foulelfmeter durch Patrick Ebert verwandelten Foulelfmeter und damit auch die Extraschicht zur Folge hatte.

Das Schlusswort vertrauen wir an dieser Stelle aber einem Routinier an. „Bei einem Stadtderby, das zum ersten Mal in der Geschichte passiert, gibt es keinen Favoriten. Ich glaube, da ist alles offen“, sagte Hertha-Kapitän Vedad Ibisevic am Donnerstag. Und: „Bei so einem Spiel ist das, was bislang in der Saison passiert ist, nicht so wichtig.