Berlins Sportschüler wollen zurück ins Training.
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BerlinBerlins Fußballprofis starten am Wochenende in den Wettkampf. Athleten, die es in ihren Disziplinen bereits in Olympia- oder Perspektivkader geschafft haben, trainieren schon länger unter Auflagen. Berliner Profiboxer trommeln mit ihren Fäusten wieder im Gym auf den Sandsack ein. Sogar der Breitensport beginnt langsam, sich zu bewegen. Aber die Nachwuchstalente des Leistungssports, die Berliner Eliteschüler des Sports, sind noch immer zur Untätigkeit verdonnert. Von heute auf morgen haben die Corona-Beschränkungen sie gestoppt.  

"Seit neun Wochen sind die Nachwuchssportler ohne Training. Sie haben nicht abtrainiert. Sie werden komplett vergessen. Keiner sieht die körperlichen und seelischen Schäden", sagt die Mutter eines 14 Jahre alten Berliner Schwimmtalents. Die Elternvertreter des Schul- und Leistungssportzentrums (SLZB) in Berlin-Hohenschönhausen sind in großer Sorge und haben deshalb bereits am 5. Mai einen Offenen Brief an die Senatsverwaltung für Inneres und Sport sowie an die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie geschickt.

In der Sportverwaltung werden täglich Trainings- und Hygienekonzepte gesichtet, bewertet und bearbeitet.  So hatte der Berliner Profiboxstall Agon gleich als die Fußballprofis mit dem Training loslegen durften, einen Antrag auf Ausnahmegenehmigung für eine schrittweise Wiederaufnahme des Trainingsbetriebes samt Hygienekonzept, Trainingswochenplan und Aufteilung der Boxer in Trainingsgruppen geschickt.

Seit 27. April trainieren der frühere Weltmeister Jack Culcay oder Europameister Björn Schicke unter Auflagen im Tiefparterre des Agon-Gyms im Sportpark Triftal in Westend - mit Anwesenheitsliste, ohne Partnerkontakt und mit Bereichen, die mit Absperrband als unzugänglich markiert werden mussten. Sauna und Duschen fällt flach, Sparring sowieso. Die Bearbeitung ihrer Anfrage dauerte gerade mal drei Tage, "so schnell konnten gar nicht alle ihre Turnschuhe schnüren, da ging es bei uns schon weiter", sagt einer der Trainer. Auch der Olympiastützpunkt hatte sich schnell um Ausnahmeregelungen für seine Topathleten bemüht.

Anders sieht es bei den Sportschülern aus. An ihrem Sportstopp hat auch die jüngste SARS-CoV-2-Eindämmungsmaßnahmenverordnung vom 7. Mai nichts verändert, da die Regelungen für den Leistungssport und insbesondere seinen Nachwuchs anders als Bestimmungen im Breitensport nicht gelockert wurden.

Die Mutter des Schwimmtalentes vom SLZB berichtet, ihr Kind habe zu Beginn dieses Jahres, drei Dinge aufgezählt, auf die es sich im Jahr 2020 besonders gefreut habe: Jugendweihe im April, das erste Trainingslager im Ausland auf Lanzarote und die Deutschen Jahrgangsmeisterschaften im Mai. Dann kam Corona. Innerhalb von vier Tagen war alles abgeblasen. Das Loch war tief, in das ihr Kind fiel.

Der Druck ist hoch

Aus dem vollen Training von zwei Stunden vor der Schule und zwei Stunden am Abend auf null herunterzufahren, ist für Herz und Kreislauf in allen Ausdauersportarten gefährlich. Normalerweise müssen Sportschüler zudem bestimmte Normen und Kaderrichtlinien erfüllen, sonst müssen sie die Schule verlassen. Der Druck ist hoch. In dem Offenen Brief der Gesamtelternvertretung des SLZB, dem sich auch die Elternvertreter der Poelchau-Schule angeschlossen haben, verweisen die Verfasser auf den besonderen Auftrag der Eliteschulen des Sports, nicht nur Bildung, sondern auch Sport zu vermitteln.

Nach dem Offenen Brief ordnete die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie den Wahlpflichtunterricht Sport durch eine Direktive an. "Diese Maßnahmen begrüßen wir sehr und sehen dies als einen ersten richtigen Schritt", formulieren die Elternvertreter. Allerdings kann durch den Wahlpflichtunterricht nur ein Teil des alten Trainingsumfangs abgedeckt werden. Für darüber hinausgehende Ausnahmegenehmigungen für die Eliteschüler des Sports ist die Senatsverwaltung für Inneres und Sport zuständig.

Zudem ist für die Umsetzung der Direktive noch ein Hygienekonzept erforderlich, das sowohl das Training als auch die Umkleide- und Sanitärbereiche einschließt. Die Erstellung sowie die Vorlage dieser Konzepte an die Schulleitung und Sportstättenverwaltung obliegt nun den einzelnen Sportartenfachvertretern oder Stützpunktleitern. Die Trainingszeiten müssen unter Beachtung des aktuell gültigen Stundenplans und die Nutzung der einzelnen Trainingsstätten mit der Sportstättenverwaltung des Sportforums und der Schwimm- und Sprunghalle im Europasportpark (SSE) abgestimmt werden.

Nun haben beispielsweise die Landestrainer der Schwimmer längst ein Abstands- und Hygienekonzept entworfen: nur ein Schwimmer pro Bahn, höchstens drei Personen in einer Sammelumkleide, in der sonst Platz für 35 Menschen ist, Desinfektionsspender und Pfeile an der Kasse die eine Seite als Ein-, die andere als Ausgang markieren.

Das Konzept ist angeblich auf den Weg gebracht. Ob und wann es abgesegnet wird? Die Sportschüler und ihre Eltern warten darauf, dass sich etwas bewegt und die Sportverwaltung ihnen mehr Zeit im Wasser und den Sporthallen zubilligt, als das Wahlpflichtfach Sport leisten kann. Denn dadurch wären lediglich sechs Stunden, also etwa ein Drittel der ursprünglichen Trainingszeit der Nachwuchssportler kompensiert.