Hochfliegende Pläne und tiefe Abstürze, wunderbare Träume, solides Management und realistische Trainer – die Bandbreite im Fußball in Berlin ist riesengroß. Es gibt zahlreiche Vereine, deren Weg man beobachten sollte.

Viktoria 89: Am Wochenende vor Weihnachten wurde im Berliner Pokalwettbewerb die nächste Runde ausgespielt, ehe es endlich in die Winterpause ging. Regionalligist Viktoria 89, eigentlich angetreten, um mit Hilfe eines Großinvestors aus China in den Profifußball zu gelangen, musste inzwischen Insolvenz anmelden, weil der Großsponsor sein Engagement plötzlich eingestellt hat. Viktoria siegte im Pokal beim Kreisligisten Polar Pinguin mit 4:1. Wie es mit der Mannschaft weitergeht, ist offen. Ein vorläufiger Insolvenzverwalter führt den Verein. Von einem Neunpunkteabzug bis zum Abstieg ist für das Regionalligateam alles möglich.

BFC Dynamo: Auch der BFC war in die Saison gegangen, um ganz oben mitzumischen. Nach der desaströsen Hinrunde spielt der Klub aber gegen den Abstieg, rangiert auf Platz 16. Im Pokal siegte der BFC mit 4:0 gegen das ambitionierte Team von Sparta Lichtenberg. Danach aber gab Trainer René Rydlewicz seinen Rücktritt bekannt. Er wollte rechtzeitig den Weg für einen Nachfolger freimachen. Zwei wichtige Berliner Regionalligisten sind also in der Krise, andere Vereine wollen erst noch in diese Liga aufsteigen.

Lichtenberg 47 und Tennis Borussia: Das Sehnsuchtsziel Regionalliga verfolgt in der Oberliga Nordost das mit ruhiger Hand geführte Lichtenberg 47. Die Mannschaft von Trainer Uwe Lehmann, 36, die im schönen Hans-Zoschke-Stadion spielt, einer reinen Fußballarena, und dort eine Macht ist, führt die Oberliga mit stattlichen 40 Punkten an und ist bislang ungeschlagen. Neben zwölf Siegen gab es vier Remis. Mit 49 Toren weist Lichtenberg die beste Offensive aller 16 Mannschaften auf und hat mit nur sieben Gegentreffern auch die stabilste Abwehr.

In die Regionalliga will auch der ehemalige Bundesligist Tennis Borussia, der im Gegensatz zu den Lichtenbergern turbulente Jahre hinter sich hat. Allerdings sammelte TeBe nur einen Punkt weniger unter Trainer Dennis Kutrieb, 39, und erweist sich als hartnäckiger Verfolger. Während die 47er lieber heimlich vom Aufstieg träumen – Manager Benjamin Plötz nennt die Tabellenführung stets bescheiden „eine schöne Momentaufnahme“ – hat TeBe das Ziel Aufstieg offensiv propagiert. Kutrieb sagt selbstbewusst: „Tennis Borussia gehört in die Regionalliga und wir haben dafür alle Voraussetzungen geschaffen.“

Die Lichtenberger, die 2016/17 und 2017/18 zweimal Platz drei in der Liga erreichten, haben laut Manager Plötz bislang eine „überdurchschnittlich starke Saison“ gespielt. Zudem habe die Mannschaft meist mit attraktivem Fußball überzeugt. „Das ist herausragend, wenn man weiß, dass alle unsere Spieler ihrem Beruf nachgehen oder studieren und erst nach der Arbeit trainieren“, lobt Plötz. Kontinuität ist das Zauberwort bei 47. Plötz ist seit vielen Jahren im Amt, Trainer Lehmann geht in seine sechste Saison und auch viele Spieler sind schon länger beisammen. „Wir haben auch taktisch viel dazu gelernt“, freut sich der Manager. Man werde in der Rückrunde dem bisherigen Kader vertrauen, Transfers sind nicht geplant.

Trotz Understatement, das die Lichtenberger gern betreiben, werden im Umfeld erste Voraussetzungen geschaffen, um bei einem Aufstieg zu bestehen. Der geforderte große Sicherheitszaun um das Stadion ist fertig und auch der gesondert abgesicherte Gästeblock in der Arena wird errichtet. Plötz sagt: „Dass wir nach der Hinrunde ganz oben stehen, ist gut für den Kopf.“ Das Hinspiel beim Konkurrenten TeBe endete im Mommsenstadion 1:1. „Es wird eine ganz enge Entscheidung geben“, glaubt Lichtenbergs umsichtiger Manager. Und: „TeBe muss zu uns kommen. Zu Hause sind wir wirklich stark.“

Gegen einen Aufstieg von 47 hat natürlich Tennis Borussias Trainer Dennis Kutrieb etwas. Und vor allem Vereinschef Jens Redlich, ein Unternehmer aus der Fitnessbranche, der finanziell starke Mann des Traditionsvereins. Redlich sagt: „Wir wollen aufsteigen. Etwas anderes kann nicht unser Anspruch sein.“ Trainer Kutrieb, Nachfolger von Thomas Brdaric, lobt sein Team: „Wir haben viele junge, hungrige Spieler mit gutem Charakter.“ In der Winterpause fliegt TeBe ins Trainingslager in die Türkei und will sich vielleicht auf zwei, drei Positionen verstärken. Auf jeden Fall auf der Torhüterposition. „Ich ziehe den Hut vor Lichtenberg“, sagt Kutrieb fair, „wir werden ihnen alles abfordern.“

Blau-Weiß 90: Neben Tennis Borussia befindet sich mit Aufsteiger Blau-Weiß 90 noch ein anderer ehemaliger Bundesligist in der Oberliga. Bei den Mariendorfern sieht man die fünfte Liga nur als Durchgangsstation an. Klubchef Michael Meister, ein Mann aus der Immobilienbranche, gab vor einem Jahr einen Fünfjahresplan bekannt, an dessen Ende möglichst die Dritte Liga stehen soll.

Trainer Marco Gebhardt, 46, ehemaliger Profi beim 1. FC Union, bei Eintracht Frankfurt und Energie Cottbus, ist seit vier Jahren im Amt und zuerst in die Berlin-Liga und nun in die Oberliga aufgestiegen. Viele trauten den Blau-Weißen gar einen Durchmarsch zu. Doch dazu kam es nicht. Gebhardt: „Das wurde von außen reingetragen, aber wir haben wohl nicht kräftig genug gegengesteuert. Uns wurde nichts geschenkt.“

In den ersten acht Duellen in der Oberliga blieb Blau-Weiß ohne einen eigenen Treffer, was für Unruhe sorgte. Nun steht das Team auf Platz elf im unteren Mittelfeld. „Wir hatten eigentlich nur zwei schlechte Spiele, waren sonst oft sogar spielbestimmend, aber in der Oberliga werden Fehler sofort betraft. Wir haben Lehrgeld bezahlen müssen“, analysiert der Trainer. Gebhardt beobachtet gespannt die Entwicklungen in der Regionalliga, etwa beim insolventen Viktoria 89 und sagt: „Wir wollen noch vorne in die Spitzengruppe reinrutschen.“

Sparta Lichtenberg: Der Aufstieg, allerdings erst einmal in die Oberliga, ist auch längst Dauerthema eine Etage tiefer bei Sparta Lichtenberg. Die homogene Mannschaft von Trainer Dragan Kostic, 38, führt mit fünf Punkten Vorsprung auf Tasmania die Berlin-Liga an und freut sich über den „Herbstmeistertitel“, so der langjährige Präsident Werner Natalis. Bei Sparta sei man „mehr als zufrieden. Wir haben mit Platz drei oder vier gerechnet“, so Natalis.

Viel Lob bekommt Trainer Kostic, der das Team mit Spielern aus vielen Nationen souverän führt. Dennoch: Man ist beim Verein gespalten, was einen eventuellen Aufstieg angeht, weil dieser viele zusätzliche Kosten erfordert und die Umstellung im Privatleben von Trainern und Spielern. Der Aufwand würde ungleich größer. „Ein Teil möchte unbedingt aufsteigen, andere sind zögerlich“, sagt der Präsident, „das betrifft Spieler und auch die Vereinsleitung.“ Aber, so Natalis: „Natürlich wollen wir Meister werden und die Liga gewinnen. Ohne Wenn und Aber.“

Berlin United: Das Thema Aufstieg – und das möglichst in jedem Jahr – ist erklärtes Ziel beim noch jungen Verein Berlin United, der einst mit dem Club Italia fusionierte. Der Landesligist hat mit Stefan Teichmann, einem Architekten, einen Mann mit Visionen und vielen guten Ideen an der Spitze und mir Thomas Häßler, 52, einen Weltmeister als Trainer. In der Landesliga, 2. Abteilung, steht Berlin United unangefochten an der Spitze, hat zwölf Spiele gewonnen, ein Remis erzielt und eine Niederlage gegen Concordia Wittenau einstecken müssen.

Der Vorsprung auf den Zweiten, Fortuna Biesdorf, beträgt neun Zähler. Niemand zweifelt am Aufstieg in die Berlin-Liga. „Unser Team funktioniert“, freut sich Teichmann, ein dynamischer Typ. Man habe zu Saisonbeginn ein wenig „gestottert“, sich aber extrem gesteigert. United gilt bei der Konkurrenz als „Überflieger“ und wird ab und an argwöhnisch beäugt. „Gegen uns geht es oft auch aggressiv zu auf dem Platz“, berichtet Teichmann, der seinen Trainer lobt: „Icke fühlt sich bei uns wohl und leistet beste Arbeit.“ Der Verein besitzt bereits eine große Anziehungskraft. Teichmann: „Bei uns gehen fünf bis acht Bewerbungen von Spielern pro Woche ein. Wir arbeiten aber gern mit Spielern, die aus eigener Kraft nach oben kommen wollen. Mit uns ist das möglich.“