Die Podiumsdiskussion war in vollem Gange, als einer der Diskutanten plötzlich das Podium verließ. Wenige Sekunden, nachdem Bernd Heinen, Leiter des „Nationalen Ausschusses Sport und Sicherheit“, zurückkam, herrschte lähmendes Entsetzen unter den 700 Teilnehmern des Berliner Fankongresses. „Mir wurde gerade mitgeteilt, dass bei einer Auseinandersetzung zwischen Kölner, Schalker und Dortmunder Fans eine Person schwer verletzt wurde. Sie wird die Nacht vielleicht nicht überleben.“

Das Opfer ist mittlerweile außer Lebensgefahr, doch was ändert das? Plastischer hätten sich die zwei Gesichter der deutschen Fanszene nicht zeigen können. Hier Hunderte friedliche Fans aus fast allen Profivereinen und vielen anderen Ligen, die sich zwei Tage lang mit den Themen beschäftigten, die aus ihrer Sicht den Fan-Alltag belasten. Und 600 Kilometer südwestlich die wohl hässlichste Fratze des Fußballs. Vor dem Freundschaftsspiel zwischen dem 1. FC Köln und Schalke 04 prügelten sich Ultragruppen aus Köln und Dortmund mit Schalker Ultras und Alt-Hools der „Gelsen-Szene“.

150 Beteiligte an der Schlägerei

Daran beteiligt gewesen sein sollen 150 Personen. Ein 40-Jähriger zog sich dabei so schwere Kopfverletzungen zu, dass zwischenzeitlich Lebensgefahr bestand. So offensichtlich wie selten zuvor hatte sich eine kleine, aber nicht zu unterschätzende Szene produziert, die sich zu Kämpfen im Wald oder in abgelegenen Industriegebieten verabredet. Am Sonnabend verlegte sie das „Match“ mitten in die City einer Millionenstadt.

Köln und Berlin zeigen eine Fanlandschaft, die gespalten ist. Es gibt Hunderte Fanvertreter, die als Delegierte von Tausenden Fans demokratisch ihre Interessen artikulieren wollen. Und es gibt die andere Seite. Kampfmaschinen wie die Dortmunder „Desperados“, die – unter anderem wegen ihrer Nähe zur Neonaziszene – vom Fankongress ausgeladen wurden und in Köln nicht zum ersten Mal ihre Brutalität unter Beweis stellten. Hier in Berlin findet sich niemand, der nur einen Funken Verständnis für die Schläger hätte. „Das sind Leute, die wir nicht erreichen“, sagt Fankongress-Sprecher Alex Schulz aus Mainz. 17 Stunden später springt ihm DFL-Geschäftsführer Andreas Rettig zur Seite: „Schade, dass die Veranstaltung hier so überschattet wird. Weder Sie als Fans noch wir als Verbände kommen an diese Leute heran.“

Applaus für Rettig

Umso mehr herrscht in Berlin die Angst, in Sippenhaft genommen zu werden. All die Workshops über Homophobie und Rassismus, all die Diskussionen mit Verbandsvertretern und Polizei würden nun doch öffentlich gar nicht mehr wahrgenommen, fürchten sie. „Hier haben 700 Leute dokumentiert, dass sie diskussionswillig sind und dass sie sich freuen würden, wenn die Öffentlichkeit zu einem differenzierteren Bild von Fußballfans kommt“, sagt Schulz. „Aber für unsere Veranstaltung war das wohl der GAU.“

Das fürchtet auch Andreas Rettig, der viel Applaus erhält: „Sie, die hier sind, sind doch nicht unser Problem. Was in Köln passiert ist, darf uns nicht daran hindern, weiter unseren Weg des Dialogs zu gehen.“