Neunundsiebzig. Die 79 ist in erster Linie eine Zahl. Im Periodensystem der chemischen Elemente steht sie für Gold, im Grundgesetz enthält der entsprechende Artikel die sogenannte Ewigkeitsklausel und im analogen Jahr nach Christus zerstörte der Ausbruch des Vesuvs die römische Stadt Pompeji. Im Berliner Amateurfußball allerdings ist die 79 nicht nur eine Zahl, sondern auch ein Politikum. Es ist die Zahl aller in Berlin abgebrochenen Fußballspiele in der letzten Saison. 45 bei den Männern, 34 bei den Junioren.

Seit einigen Jahren hört man in erschreckender Regelmäßigkeit Horrormeldungen von den Amateurbolzplätzen dieser Stadt. Erinnert sei an die Massenschlägerei mit 50 Beteiligten nach dem Abpfiff des Spiels Berliner SC gegen Sparta Lichtenberg im April dieses Jahres, bei der sogar ein Messer zum Einsatz gekommen sein soll. Einen ähnlichen Vorfall gab es im Juni bei einem C-Juniorenspiel, als nach einer Schiedsrichterentscheidung die Situation eskalierte und drei Personen leicht verletzt wurden, darunter ein 13- und ein 15-Jähriger. Man könnte jetzt mit vielen anderen Beispielen so weitermachen.

Um allerdings ein wirkliches Bild der Situation zu zeichnen, wie schlimm die Lage kurz vor der gerade beginnenden Saison 2015/16 ist, hilft es, sich die Zahlen genauer anzuschauen.

Im Berliner Fußballverband (BFV) nehmen etwa 3200 Mannschaften am Spielbetrieb teil. Pro Saison gibt es circa 34.000 Spiele, das sind 1600 pro Wochenende. Legt man diese 79 Spielabbrüche aufgrund besonders schwerer Ereignisse zugrunde, kommt man auf einen Schnitt von 0,2 Prozent, oder anders gesagt: nur in etwa jedem 500. Spiel kommt es zu einem Fall, der einen Abbruch rechtfertigt. Verglichen mit anderen Jahren ist dieses Verhältnis nicht gravierend, meist sogar besser als in vorangegangenen Spielzeiten.

Kein Grund zur Entwarnung

Im Jugendbereich bis zu den A-Junioren wurden etwa 24.000 und damit die Mehrzahl aller Amateurspiele ausgetragen. In der abgelaufenen Saison wurden 784 meldepflichtige Vorfälle vorm Sportgericht verhandelt: von der Notbremse über Tätlichkeiten bis hin zu Gewaltdelikten und menschenverachtenden Äußerungen. Doch diese 784 meldepflichtigen Vorfälle stehen nicht stellvertretend für 784 Spiele, da mehrere Ereignisse innerhalb von 90 Minuten auftreten können. Am Ende blieben 500 Spiele übrig, die einer gesonderten Verhandlung bedurften. Der Anteil an allen Spielen liegt auch hier bei 0,2 Prozent.

Ein Grund zur Entwarnung oder Verharmlosung sind diese Zahlen nicht. Denn jedes Spiel mit schweren Vorkommnissen ist eins zu viel.

Das sieht auch Gerd Liesegang, Vizepräsident des BFV, nicht anders. In den letzten Jahren musste der Mann mit Oberlippenschnäuzer viele unangenehme Fragen über sich ergehen lassen. „Wir wissen, dass wir ein Problem haben, aber mittlerweile stellen wir uns dem“, sagt Liesegang. Als er vor zwanzig Jahren noch als Vereinsoffizieller eines Kreuzberger Klubs Hilfe beim BFV suchte, wurde abgewiegelt. Gewalt im Berliner Fußball? Das wurde lieber totgeschwiegen. So, wie es viele andere Landesverbände bis heute tun.

Da die Themen Gewalt, Rassismus, Antisemitismus und Homophobie vielerorts auf den Plätzen der Republik ein bedrohliches Ausmaß angenommen haben, hat der DFB selbst reagiert. Seit der letzten Saison wird im DFBnet, dem eigenen Onlinespielberichtstool für Schiedsrichter, eine Sektion „Besondere Vorkommnisse“ geführt, in der nach Abpfiff eingetragen werden kann, ob es zu Gewalthandlungen oder Diskriminierungen während des Spiels kam. Der DFB verspricht sich davon eine flächendeckende Datenerfassung, um ein bundesweites Lagebild abgeben zu können.

Die ersten Auswertungen für Berlin werden demnächst erwartet, doch diese Form der Datenerhebung birgt auch das Risiko einer verzerrten Realität. Mussten sich die etwa 1200 Berliner Schiedsrichter früher nur um den pünktlichen An- und Abpfiff kümmern und Fouls sanktionieren, sollen sie nun darüber entscheiden, was eine Diskriminierung ist und wo Rassismus anfängt.

Das hat auch Liesegang erkannt. „Von unseren Schiedsrichtern wird heutzutage sehr viel verlangt. Ich bin auch jedem Einzelnen dankbar, der am Wochenende für 20 Euro auf dem Platz steht, die Beschimpfungen allerdings umsonst dazu erhält. Wir müssen jetzt an der Wahrnehmung unserer Spielleiter arbeiten und sie für die Definitionen von Rassismus, Gewalt und Beleidigungen sensibilisieren.“ Im BFV wartet man die erste Auswertung ab und will sie mit den Urteilen der 27 ehrenamtlichen Sportrichter vergleichen, um ein möglichst genaues Bild der Lage zu erhalten.

Doch auch an anderen Stellen wurden bereits zahlreiche Maßnahmen aufgesetzt, um das Problem Stück für Stück zu bekämpfen. Man arbeitet mit Sozialarbeitern, der Polizei und dem Senat zusammen, bietet Antigewalttrainings für ganze Mannschaften an und hilft im Ernstfall auch mit einer Vor-Ort-Betreuung. Das trägt langsam erste Früchte.

In den letzten zwölf Jahren wurden etwa 400 gewaltauffällige Spieler zu Einzelsitzungen des BFV geladen, nur zwei wurden seitdem rückfällig. So erhofft man sich die Gesamtzahl der Vorfälle zu minimieren – doch über die Qualität dieser sagt das nicht viel aus. „Wenn es passiert, passiert es heftig. Das macht uns hier jedes Mal Sorgen“, gibt auch Liesegang zu. Er meint, dass die Sprache im alltäglichen Leben roher geworden ist und das natürlich nicht vor Bolzplätzen haltmacht.

Mal ohne Schiedsrichter

Das führt dazu, dass Zuschauer heute einen immens höheren Anteil am Spielgeschehen haben als noch vor ein paar Jahren. Aus einer Provokation wird schnell mehr. Um zumindest das Spielgeschehen ruhig zu halten, sind Schiedsrichter in dieser Saison dazu angehalten, Beleidigungen konsequent mit Gelb zu ahnden. Die eingeführte Fünf-Gelbe-Karten-Regel auf Amateurebene soll den einen oder anderen zum Nachdenken bewegen. Doch auch im BFV hat man erkannt, dass man früher ansetzen muss, um Probleme erst gar nicht aufkommen zu lassen.

Die Gewalttäter sind nur durch Sanktionierung in den Griff zu bekommen. Bei den Junioren kann man noch aktiv an einem besseren Miteinander arbeiten. Deshalb gibt es seit Kurzem die sogenannte Fair-Play-Liga für die ganz Jungen. Es gibt keine Schiedsrichter, die Trainer stehen zusammen und die Zuschauer – vor allem die überehrgeizigen Eltern – weit weg vom Platz. Das wird sich erst in einigen Jahren auszahlen, doch man sieht sich auf einem guten Weg.

Die Zahl der Vorfälle allerdings auf null zu bekommen wird in einer so großen und unterschiedlichen Stadt wie Berlin ein Wunschtraum bleiben, da gibt sich auch Gerd Liesegang keinen Illusionen hin: „Wenn jeder Trainer seine 15 Leute im Griff hätte, hätten wir auch keine Probleme, denke ich mir oft. Das ist allerdings zu einfach gedacht. Menschliche Konflikte sind eben vielschichtig. Das lernt man hier über die Jahre.“