Einer, der mitreißen kann: Diagonalangreifer Benjamin Patch greift kommende Saison erneut für die BR Volleys an.
Foto: Imago Images/Bernd König

BerlinDie Aussicht von Benjamin Patch ist an diesem Nachmittag blau: dunkelblaues Meer, das am Ufer übergeht in ein leichtes Türkis, darüber hellblauer Himmel ohne Wolken. Neben ein paar Felsen führt ein Holzsteg ins Ägäische Meer. Ob ich mal sehen wolle, was er gerade sieht, hatte der Volleyball-Profi am Telefon gefragt. Und sofort ein Foto hinterhergeschickt: von Mykonos, Griechenland. Von einer Auszeit, vom „Energie aufladen“ bei 30 Grad mit Freunden, wie er sagt, bevor am kommenden Montag im Horst-Korber-Zentrum am Berliner Olympiapark das Training für die neue Volleyball-Saison beginnt.

Da ist die Aussicht der nächsten Monate für Benjamin Patch orange. Ja, der Diagonalangreifer trägt ein weiteres Jahr das orangefarbige Trikot der BR Volleys. Er bleibt in Berlin, in der Stadt, die er sein Zuhause nennt, in der er sich geliebt und respektiert fühlt. Für ihn sei klar gewesen: „Wenn Sergej in Berlin bleibt, bleibe ich auch. Wir wollen zusammen etwas Besonderes schaffen. Wir verstehen uns einfach. Ich freue mich, am Montag zum Trainingsauftakt das gesamte Team wiederzusehen. Die BR Volleys sind für mich eine Familie.“

Der Liebeserklärung an Berlin hat US-Nationalspieler Patch, 26, eine Liebeserklärung an Sergej Jurjewitsch Grankin, 35, hinterhergeschickt, an den russischen Zuspieler der BR Volleys, zu dem er eine besondere Affinität hat. Grankin stellt, Patch schmettert: Punkt für Berlin. So lässt sich die erfolgreiche Verbindung der beiden in aller Kürze beschreiben. Wobei der russische Olympiasieger den Ball eben genau in den richtigen Momenten genau so zu passen versteht, dass Patch seine enorme Sprungkraft so effizient wie möglich einsetzen kann: ein russische Triebwerk für die amerikanische Rakete.

Die beiden Volleyballer verstehen sich. Das ist an ihrer Körpersprache zu sehen. Sie motivieren sich. Sie klatschen sich ab. Sie feiern das Team. Sie küssen den anderen auf die Wange, wenn alles gut gelaufen ist. „Mit uns ist es wie in einer Ehe. Wir streiten uns oft, aber liebevoll. Ich sage: ‚Spiel den Ball höher.‘ Er sagt: ‚Schlag du ihn besser.‘ Ich sage: ‚Halt die Klappe.‘“ So hat Patch das Verhältnis zwischen ihm und Grankin mal beschrieben. Mit Blick auf das Blau der Ägäis sagt er: „Wir haben einfach viel Spaß zusammen und nehmen die Dinge nicht zu ernst. Aber wir wollen auch in der Champions League etwas Besonderes erreichen.“

Tatsächlich haben die BR Volleys ihren Kader vor allem mit Blick auf die Champions League zusammengestellt. Die Achse Grankin/Patch ist dabei von entscheidender Bedeutung. „In der Champions League brauchen wir uns hinter niemandem zu verstecken. Es ist ein großes Glück, dass wir beide haben. Sie müssen nur gesund bleiben. Nicht, dass es so kommt, wie im letzten Jahr“, sagt Volleys-Manager Kaweh Niroomand.

Vorige Saison verletzte sich Patch vor dem wichtigen Champions-League-Spiel in Sibirien gegen Fakel Novy Urengoi. Er fiel wegen eines Achillessehnenanrisses auch gegen Kuzbass Kemerowo aus. Ohne ihn hatten die Berliner gegen die russischen Topteams in der Champions League wenig zu melden. Sie kamen nicht über die Gruppenphase hinaus.

Das soll sich in Patchs dritter Spielzeit in Berlin ändern. Der 2,03-Meter-Mann ist schon seit Ende Juni in Berlin. Nach der abgebrochenen Corona-Saison war er im März zunächst zu seiner Familie nach Utah zurückgekehrt. Er engagierte sich bei den Protestmärschen gegen Rassismus, demonstrierte für Gleichheit und Gerechtigkeit. Da das US-Nationalteam in diesem Corona-Sommer alle Trainingslager absagte, nutzte Patch die Chance, den Sommer in Berlin zu erleben. Er zog aus seiner Künstler-WG im Bergmannkiez in eine Kreuzberger WG am Kanal, sechster Stock, eigener Aufzug. Mit seinem Vermieter, einem italienischen Umweltingenieur hat er vor, einen Dachgarten anzulegen.

Für die BR Volleys ist Patch ein wichtiger Spieler. Einer, der Emotionen transportiert. Einer, der zum Gesicht der Mannschaft geworden ist. Einer, der auf dem Spielfeld tanzt, Grimassen schneidet, die Zuschauer animiert. „Er ist einfach ein Typ, der sich einbringt, bei allen Themen, auch mit sozialem Engagement“, sagt Manager Niroomand. „Er ist ein sehr guter Kommunikator, die Sponsoren lieben ihn.“ Das Publikum in der Max-Schmeling-Halle auch.

Wie sehr manche auf die Rückkehr des Diagonalangreifers nach Berlin warten, hat Niroomand bei einem Fahrrad-Ausflug mit seiner Frau erlebt. Als er bei einem Eiscafé an der Heerstraße eine Pause einlegte, fielen ihm zwei junge Mädchen auf, die sich dem Ehepaar schließlich scheu näherten. Nach ihrer Frage, ob er nicht der Manager der BR Volleys sei, rückten die beiden mit einer anderen Frage heraus.

„Herr Niroomand“, wollten sie wissen, „spielt Benjamin Patch kommende Saison weiterhin in Berlin?“ Niroomand lächelte geheimnisvoll, um dann zu verraten: „Ja, er bleibt. Aber nicht weitersagen!“ Das Selfie, das der Manager mit den Teenagern machte, schickte er an Patch weiter – er werde erwartet, lautete die Nachricht. „Ah, die Charlottenburg-Girls“, antwortete Patch. Damit seine orangefarbige Zukunft Richtung rundum Rosarot tendiert, hofft der Volleyball-Spieler vor allem, dass zu Saisonbeginn Mitte Oktober „wieder Zuschauer zu den Spielen kommen dürfen“.

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