Ali Lacin nach dem Gewinn von Bronze auf der Ehrenrunde in Dubai bei den World Para Athletics Championships im vergangenen Jahr.
Foto: imago images/Beautiful Sports

BerlinAnfang des Jahres schien die Welt noch in Ordnung zu sein. In Südafrika genoss Ali Lacin nicht nur das schöne Wetter, sondern bereitete sich im Trainingslager auf die Paralympischen Spiele vor. Es sollen, in der für ihn wichtigsten Saison seines Lebens, die ersten Spiele in der Karriere des Para-Sprinters aus Berlin sein. 

Doch in seinen Worten schwingt in diesen Tagen auch ein wenig Unsicherheit mit. Gerade wurde er von seinem Arbeitgeber ins Homeoffice geschickt, hat noch schnell den Einkauf erledigt, um in den kommenden Tagen nicht öfter als nötig aus dem Haus zu müssen. Sein Traum von der ersten Teilnahme an den Paralympischen Spielen lebt dennoch, da sie bislang nicht abgesagt oder verschoben worden sind. Allein sein Menschenverstand und die Beobachtungen der Geschehnisse auf der Welt sagen Lacin etwas anderes: „Aktuell hoffe ich, dass man die Spiele verschiebt.“

Wie so ziemlich alle Sportler der Hauptstadt kann auch Lacin derzeit nur eingeschränkt trainieren. Die Fitnessstudios haben geschlossen, sein EMS-Studio, in welchem durch elektrische Muskelstimulation bessere Trainingsergebnisse erzielt werden, ist nicht geöffnet und auch die Türen des Landesleistungszentrums auf dem Olympiagelände sind aufgrund der Coronakrise geschlossen. „Ich mache derzeit in der Wohnung etwas und habe auch einen Personaltrainer, der ein Mini-Fitnessstudio hat, wo wir zweimal in der Woche Eins-zu-Eins-Training machen“, erzählt der beidseitig oberschenkelamputierte Sprinter.

Training ohne Ziel ist sinnfrei

Und doch ist das alles  andere als ideal. Auch die Sondergenehmigung, die er, genau wie die anderen Leichtathleten, die für die Olympischen Spiele trainieren, für Einheiten im Sportforum erhalten hat, kann nicht das ersetzen, was ein Leistungssportler benötigt. „Ständig nur in der Halle zu sein, wo man als 200-Meter-Sprinter den Kurvenlauf nicht richtig trainieren kann, ist nicht perfekt“, sagt Lacin. Zudem bekommt der Gedanke, dass die Spiele in Tokio verschoben werden, durch die Verschiebung der Fußball-Europameisterschaft, eingestellte oder abgesagte Spielbetriebe in anderen Sportarten in diesen Tagen immer neue Nahrung.

Ein Training ohne ein Ziel, auf welches man sich vorbereitet, wird niemals zu 100 Prozent absolviert, schon gar nicht, wenn die Trainingsmöglichkeiten praktisch nicht mehr existent sind. Noch Ende Februar hatte Ali Lacin im Bundesleistungszentrum in Kienbaum trainiert, Anfang April hätte es ins Trainingslager nach Belek gehen sollen. „Die Türkei hat aber ein Einreiseverbot ausgesprochen. Das macht einen riesigen Strich durch unsere Vorbereitungsphase“, sagt er.

Und es verursacht finanzielle Probleme. „Für Belek hatten wir keine Reiserücktrittsversicherung abgeschlossen, weil wir davon ausgegangen sind, dass nichts passiert. Das war ein fixer Termin“, so Lacin, „jetzt sind alle Flüge gestrichen, die Buchungen im Hotel sind hinfällig. Das ganze System ist davon betroffen. Man hat die Angst, dass wenn die Coronakrise überwunden ist, nichts mehr so sein wird wie vorher.“

Ich hoffe, dass man die Spiele verschiebt

Ali Lacin

Doch von den düsteren Zukunftsprognosen lässt sich Lacin nicht unterkriegen. In seinem Leben hat er schon viele Rückschläge gemeistert: „Ich will mich jetzt nicht zurückziehen, nur warten und meine Fitness verlieren, ich muss etwas tun. Ich möchte in meine Federn reinschlüpfen und ein paar Sprints machen.“

Davon träumen auch seine Kontrahenten. Genau wie er haben auch sie Probleme mit der Vorbereitung, jeder sucht nach Trainingsmöglichkeiten oder neuen Ideen zur Trainingsgestaltung. Doch selbst wenn es dafür zeitnah Lösungen geben sollte, ist es nur eine Frage der Zeit, bis die nächsten Probleme auftauchen. Im Mai sollen laut Terminplan in der Schweiz und in Paris wichtige Wettkämpfe stattfinden. Doch welche Folgen haben sehr wahrscheinliche Absagen dieser Veranstaltungen und ein möglicher Ausfall der Europameisterschaft in Polen?

„Damit fallen alle Wettkämpfe in Vorbereitung auf Tokio weg und direkt dort den ersten Wettkampf zu haben, macht keinen Sinn“, sagt Lacin, „wir brauchen vorher Wettkämpfe, um das Feeling zu bekommen und einschätzen zu können, wo wir stehen.“

Lacin feut sich über Sondergenehmigung

Doch der Bronzemedaillengewinner der Weltmeisterschaft von 2019 will sich nicht entmutigen lassen. Als Einzelsportler hat er immerhin den großen Vorteil gegenüber Vereinsteams wie Hertha BSC Berlin: Musste beim Fußball-Bundesligisten nach einem Positivtest auf das Coronavirus am Dienstag erst einmal die komplette Mannschaft in Quarantäne, kann er unabhängig trainieren. Am Mittwoch wurde sein Antrag für die Sondergenehmigung des Trainings im Sportforum bestätigt.

Damit kehrt zumindest etwas Normalität in seinen Trainingsalltag zurück, der große Traum von den Paralympischen Spielen lebt weiter. Auch wenn die Aussichten auf eine Ausrichtung ganz andere sind als noch zu Beginn des Jahres.