Spandaus Wasserballer haben in Coronazeiten besonders zu kämpfen.
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BerlinZahlenmäßig sind die Breitensportler deutlich überlegen. Und doch waren im Zuge der ersten Lockerungen erst andere Sportarten dran. Damit etwa den Fußball-Bundesligisten durch die Corona-Krise nicht ein Teil der Fernsehgelder verloren gingen, wurde ein kostspieliges und aufwändiges Hygienekonzept entwickelt, welches den Spielbetrieb zuließ. Auch die Basketballer beendeten unter strengen Auflagen und dem Erschaffen einer Blase in einem Münchner Hotel ihre Bundesligasaison. Für den Breitensport aber ist Kontakt in Berlin erst seit wenigen Tagen wieder erlaubt. Dabei wurden auch diese Vereine, die mit ihren vielen Mitgliedern gesellschaftsrelevant sind, von der Corona-Krise ebenfalls hart getroffen und stehen nun vor teils schwer zu bewältigenden Herausforderungen.

Weiterlaufende Kosten und ausbleibende Einnahmen

Im Gespräch mit Hagen Stamm, wie die Corona-Pandemie seinen Verein beeinflusst, wird schnell deutlich, dass die Antwort weit komplizierter ist als die Frage. Der 60 Jahre alte Präsident der Wasserfreunde Spandau hat schnell festgestellt, dass man zwischen den sportlichen und den wirtschaftlichen Folgen der aktuellen Krise unterscheiden müsse: „Corona ist eine Zäsur.“ Begonnen hat diese Zäsur auch im Wasserball damit, dass die laufende Bundesligasaison im März auf unbestimmte Zeit unterbrochen wurde. In der Folge erging es den Spandauern so wie zahlreichen anderen Berliner Vereinen: Weiterlaufenden Kosten standen auf einmal ausbleibende Einnahmen gegenüber. Zuschauereinnahmen fehlten plötzlich genauso wie anderweitig fest eingeplantes Geld. „Wir haben natürlich auch monetäre Verluste, weil Sponsoren abgesprungen sind“, sagt Stamm und beziffert diese auf circa 60.000 Euro.

Inzwischen bahnt sich zwar eine Saisonfortsetzung der Liga im September an, aber auch die wäre mit neuen Kosten verbunden. „Sollte es wieder losgehen, müssten wir ein umfangreiches Hygienekonzept umsetzen“, sagt Stamm. Dieses beinhalte unter anderem Corona-Tests für jeden Spieler vor jeder Partie, so der Präsident, der von rund 20.000 Euro an zusätzlichen Ausgaben spricht. „So ein Konzept ist natürlich sinnvoll und notwendig, tut aber Randsportarten wie dem Wasserball aus organisatorischer und finanzieller Sicht doppelt weh“, sagt Stamm.

Dass die Corona-Krise auch für Berliner Vereine anderer Sportarten finanzielle Probleme mit sich bringt, bestätigt Jacob Gohlisch. Der 30 Jahre alte Trainer ist auch Mitglied im Vorstand des Basketballvereins Weddinger Wiesel. Einer von vielen Klubs fernab jeglicher Bundesligen, deren finanzielle Mittel auch in Zeiten vor Corona schon stark begrenzt waren. Gohlisch erklärt, dass das Virus und seine Folgen den Vorstand „anfänglich einige graue Haare gekostet haben“. Neben den finanziellen Folgen der Krise steht für Gohlisch inzwischen noch ein weiterer Aspekt im Zentrum der Corona-bedingten Sorgen: die soziale und integrative Funktion des Sports. Diese spielt nämlich nicht nur bei den Weddinger Wieseln eine „besondere Rolle“, wie Gohlisch sagt, sondern im Sport insgesamt.

Es drohen Abmeldungen

Von den rund 600.000 Berliner Mitgliedern in einem der mehr als 2000 Sportvereinen der Stadt sind allein knapp 200.000 Kinder und Jugendliche, die 18 Jahre oder jünger sind. Sie erfahren in ihren Vereinen nicht nur eine sportliche Ausbildung, sondern auch Integration und Gemeinschaft. „Bei allem Verständnis für die Corona-Maßnahmen und deren Wichtigkeit war es traurig zu sehen, wie schwierig es für unsere Kinder und Jugendlichen war, als der gemeinsame Sport und der Kontakt untereinander plötzlich komplett weggebrochen sind“, sagt Gohlisch. Inzwischen kehren auch die Weddinger Wiesel nach den erlassenen Lockerungen der Maßnahmen langsam zu einer Art Normalität zurück. Die möglichen Folgen der Sportpause machen Gohlisch dennoch weiterhin Sorgen: „Wir haben die Befürchtung, dass ein paar Kinder und Jugendliche verloren gegangen sind und nicht wiederkommen“, sagt er. Die soziale Arbeit dürfte bei den Weddinger Wieseln in naher Zukunft also ähnlich wichtig werden wie die mit dem Basketball.

Nicht mit einem Basketball, sondern mit Schlägern und Bällen wird in Zehlendorf beim Berliner Hockey-Club gearbeitet. Wie in vielen Berliner Vereinen werden hier Leistungs- und Breitensport kombiniert. Die ersten Frauen- und Männermannschaften spielen Bundesliga, dazu kommen unzählige Jugendteams, eine Tennisabteilung und ein Lacrosse-Angebot. Von Corona betroffen waren sie alle. Laut Dirk Gaßmann, Präsident des Vereins, gehen die durch die Krise hervorgerufenen Folgen auch hier über fehlende Zuschauereinnahmen, den Absprung von zwei großen Sponsoren und nicht-vermietbare Tennisplätze hinaus. Auch deshalb hat er sich während der Corona-Pause gemeinsam mit den Verantwortlichen anderer Berliner Hockeyklubs zusammengesetzt. Auslöser waren die Entscheidungen des deutschen Hockeybundes und der Landesverbände, die Kinder- und Jugendmeisterschaften im Hockey komplett abzusagen. Dafür, dass Kinder und Jugendliche keinen Sport treiben können, während zeitgleich die Profiligen zum Spielbetrieb zurückkehren, fehlte Gaßmann das Verständnis. Das Ergebnis des Unverständnisses ist eine Art Taskforce: „Wir haben uns zusammengesetzt, um doch noch einen Spielbetrieb zu organisieren“, erklärt Gaßmann. Das Ziel sei nun, bis zum Ende der Sommerferien einen alternativen Spielplan für die Berliner Meisterschaften zu erstellen. „Natürlich immer in dem Rahmen, den die Maßnahmen zum jeweiligen Zeitpunkt zulassen“, so Gaßmann.

Bemühungen wie diese Berliner Hockey-Taskforce zeigen: Seit Corona wird mehr kommuniziert im Berliner Breitensport – sowohl untereinander als auch zwischen den Klubs und den Verbänden. Es werden gemeinsam Lösungen gesucht und Alternativen geschaffen. Dies sei zwar nicht einfach, aber zwingend notwendig. „Schließlich gibt es die gleiche Heterogenität an Meinungen zu Corona, die es in der Gesellschaft gibt, auch in den Berliner Sportvereinen“, betont Gaßmann. Also müsse man es irgendwie schaffen, „die teils sehr unterschiedlichen Interessen aller Beteiligten zu balancieren“.

Während die Berliner Hockeyklubs noch abwarten, wie es mit ihrer unterbrochenen Saison weitergeht, ist man bei den Handballerinnen der Spreefüxxe Berlin schon einen Schritt weiter. Nachdem die Saison 2019/20 der zweiten Frauen-Bundesliga im März abgebrochen wurde, läuft inzwischen bereits die Vorbereitung auf die kommende Spielzeit. Auf die Frage, ob denn schon feststehe, wann es wo und wie weitergeht, antwortet Britta Lorenz wie aus der Pistole geschossen: „Am 5. September um 19.30 Uhr zu Hause gegen den VfL Waiblingen.“ Während die Managerin der Spreefüxxe spricht, ist im Hintergrund das typische Quietschen von Turnschuhen auf dem Hallenboden zu hören. Auch für die Spreefüxxe ist der Rückkehr zum Mannschaftstraining ein Schritt in Richtung Normalität. Und doch wirkt Corona auch bei ihnen weiter: Nachdem es in den vergangenen Monaten darum gegangen ist, entstandene finanzielle Schäden zu kompensieren, geht es jetzt darum, neue Einbußen zu verhindern. Eine entscheidende Frage ist hierbei – wie in nahezu allen anderen Sportarten und Ligen auch –, ob beim angepeilten Saisonstart Zuschauer zu den Heimspielen in die Sömmeringhalle kommen dürfen oder nicht. Entschieden sei diesbezüglich noch nichts, sagt Lorenz ehe sie ergänzt: „Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass es bei einer Halle für 2200 Zuschauern nicht möglich sein wird, zumindest einen Teil reinzulassen.“

Ebenfalls ist noch ungeklärt, ob die Spreefüxxe einen Teil der finanziellen Mittel bekommen, welche der Berliner Senat den Sportvereinen der Stadt zugesichert hat. Insgesamt 8,2 Millionen wolle man ausschütten, erklärte Innensenator Andreas Geisel im Mai. Fest steht bereits, dass die großen Berliner Sportklubs einen Teil des Geldes erhalten werden. Die anderen Vereine können sich über den Landessportbund um Zuschüsse bemühen. „Wir werden erstmal abwarten und prüfen, was wir beantragen können und was nicht“, sagt Lorenz.

Ob mit finanziellem Zuschuss oder ohne: Britta Lorenz wird versuchen, das Beste aus der aktuellen Situation herauszuholen. „Ich will mich nicht darüber beklagen, was alles nicht geht, sondern das auf die Beine stellen, was geht“, sagt sie. Bei aller Diversität der Corona-bedingten Probleme hat sie das mit ihren Kollegen vom Wasserball, Basketball und Hockey zweifelsfrei gemeinsam.