Berlins Champions: 1. FC Union, Urs Fischer, Geschke und Lückenkemper

Publikum und Experten haben zum dritten Mal den Köpenickern bei Teams und Trainern die meisten Stimmen gegeben – sie werden bei der großen Sportler-Gala geehrt.

Radrennfahrer Simon Geschke hält den Buddy-Bären in Gold als Berlins Sportler des Jahres 2022 in die Kamera.
Radrennfahrer Simon Geschke hält den Buddy-Bären in Gold als Berlins Sportler des Jahres 2022 in die Kamera.imago/Jürgen Engler

Der Schokoladenbrunnen für den Früchte-Nachtisch hatte noch nicht angefangen zu sprudeln, als Simon Geschke den großen Festsaal betrat: Sterne funkelten an den Wänden, Kerzen in Kronleuchtern glänzten auf runden, weiß gedeckten Tischen. Der Berliner Radrennfahrer war schon am Freitag aus seiner Wahlheimat Freiburg angereist, um auf der Bühne des Großen Saals im Neuköllner Hotel Estrel die Auszeichnung als Berlins Sportler des Jahres entgegenzunehmen.

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Foto: TOP Sportmarketing/Tilo Wiedensohler
Berlins Sportler des Jahres
1. Simon Geschke (Radsport), 2. Tim Hecker (Kanu), 3. Julian Weber (Leichtathletik – l. neben Geschke auf dem Foto), 4. Franz Wagner (Basketball), 5. Ole Braunschweig (Schwimmen), 6. Pierre Senska (Para-Radsport), 7. Jan Malkowski (Rettungsschwimmen), 8. Lars Rüdiger (Wasserspringen), 9. Hany Mukhtar (Fußball), 10. Pele Uibel (Moderner Fünfkampf).

Eigentlich hat der 36-Jährige ja keine so guten Erinnerungen an Hotels und deren Zimmer. Schließlich saß er im Sommer 2021 in Tokio nach einem positiven Corona-Test acht Tage lang in einer Quarantäne-Bude ohne Frischluft auf wenigen Quadratmetern fest, anstatt um Olympiamedaillen zu radeln. Zu essen bekam er Abgepacktes, seine Klamotten reinigte er im Waschbecken. In Deutschland nahmen viele Anteil an seinem Schicksal und freuten sich mit ihm, als ihn sein Hund wie verrückt begrüßte, nachdem Geschke zurück in Deutschland war. 

Jetzt im Estrel-Hotel standen in Glasschälchen geräucherter Lachs, Enten-Kürbissalat, Ahornmarinade und gekräuterte Mini-Bouletten auf den Drehtellern, Kellner schenkten Wein nach. Geschke hatte seinen Hund auf dem Zimmer gelassen, dafür waren seine Eltern mit im Saal. Sein Vater Hans-Jürgen „Tutti“ Geschke war einst Sprint-Weltmeister sowie zweimal Amateur-Weltmeister im Tandemfahren für die DDR und führte in Wandlitz das Fahrradgeschäft Mit Rad und Tat vom Weltmeister. „Dieser Champions-Titel ist der krönende Jahresabschluss in einem wirklich besonderen Sportjahr“, sagte Simon Geschke. Er hatte bei der diesjährigen Tour de France neun Etappen lang das rot gepunktete Bergtrikot getragen – so lange wie kein Deutscher zuvor in der Geschichte der Frankreich-Rundfahrt. Am Ende kam er in der Bergwertung auf Rang zwei.

Daheim in Berlin wurde er am Sonnabend gefeiert. Zum ersten Mal nach zwei Corona-Jahren fand die Champions-Gala wieder mit Publikum statt. Geschke gewann vor dem Kanuten Tim Hecker vom SC Berlin-Grünau, der 2022 die WM- und den EM-Titel einsammelte, sowie Speerwurf-Europameister Julian Weber.

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Foto: imago/Jürgen Engler
Berlins Sportlerinnen 2022
1. Gina Lückenkemper (Leichtathletik), 2. Elena Semechin (Para-Schwimmen), 3. Lena Hentschel (Wasserspringen), 4. Nina Mittelham (Tischtennis), 5. Deborah Schöneborn (Marathon), 6. Johanna Schikora (Finswimming), 7. Claudia Pechstein (Eisschnelllauf), 8. Felicia Laberer (Para-Kanu), 9. Alexandra Förster (Rudern), 10. Lisa Ersel (Ringen). Auf dem Foto: Berlins Sport-Senatorin Iris Spranger (M) mit der Zweitplatzieren Elena Semechin (r.) und Lena Hentschel, die bei der Sportlerwahl Dritte wurde.

Weber hatte nach Rang vier bei der Weltmeisterschaft die Magie der European Championships in München erlebt. So wie Gina Lückenkemper, die Siegerin der Berliner Wahl zur Sportlerin des Jahres, die im August nicht nur Europameisterin im 100-Meter-Sprint wurde, sondern auch mit der Staffel. Zuvor hatte sie bei der Leichtathletik-WM in den USA die Bronzemedaille mit der Staffel gewonnen. Ein schickes Kleid, sagte die Athletin des SCC Berlin, habe sie eigentlich im Schrank hängen – bei sich in Florida, wo sie gerade intensive Trainingseinheiten absolviere. Leider könne sie nicht mitfeiern.

Aktuell sei sie noch immer dabei, das vergangene Jahr zu verarbeiten. Den Tag, an dem die 26-Jährige zur schnellsten Frau Europas wurde. Den Abend, an dem sie mehr ins Ziel stürzte als rannte und sich verletzte. „Vielen, vielen Dank, Berlin“, sagte sie in einer Videobotschaft, „ich freue mich wahnsinnig über diese Auszeichnung, gerade weil es eine Publikumswahl ist.“ Den Berliner Buddy-Bären in Gold nahmen stellvertretend ihre Eltern entgegen. 

Berlins Mannschaft des Jahres 2022
1. 1. FC Union Berlin (Fußball), 2. Alba Berlin (Basketball), 3. Eisbären Berlin (Eishockey), 4. BR Volleys (Volleyball), 5. Kluge/Reinhardt (Radsport), 6. Füchse Berlin (Handball), 7. Christian & Elena Wassen (Wasserspringen), 8. ttc berlin eastside (Tischtennis), 9. Spandau 04 Frauen (Wasserball), 10. Kroppen, Schwarz, Unruh (Bogenschießen)

Ja, und dann? Wurde der 1. FC Union mit dem Triple-Double ausgezeichnet. Nach 2019 und 2021 (2020 wurden die größten Berliner Sportidole, die seit 1979 mit überragenden Leistungen triumphiert hatten, gesucht) jubelten die Fußballer des 1. FC Union Berlin doppelt. Das Team wurde von den Berlinerinnen und Berlinern vor Basketball-Meister und Pokalsieger Alba Berlin und den Eishockey-Meister-Eisbären erneut zur Mannschaft des Jahres gewählt.

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dpa
Trainer/Manager des Jahres
1. Urs Fischer, Trainer 1. FC Union Berlin (Foto), 2. Serge Aubin, Trainer Eisbären Berlin, 3. Israel González, Trainer Alba Berlin, 4. Cédric Ènard, Trainer BR Volleys, 5. Bob Hanning, Manager Füchse Berlin, Trainer 1. VfL Potsdam, 6. Phillip Semechin, Trainer Para-Schwimmen von Semechin, M. Braunschweig, 7. Mark Milde, Renndirektor Berlin Marathon, 8. Irina Palina, Trainerin ttc eastside, 9. Christoph Bohm, Trainer der Wasserspringer Rüdiger, Wassen, Massenberg, 10. Lars Kober,  Kanutrainer von Hecker, Jahn, Koch.

Dazu meldete sich Urs Fischer (56) von der Videoleinwand aus dem Urlaub im „eher grauen Zürich“ mit einem „herzlichen Grüezi“. Berlins Mannschaft des Jahres wird auch diesmal vom Trainer des Jahres 2022 trainiert. Der sagte: „Einmal mehr darf ich den Preis als Trainer des Jahres entgegennehmen. Das ehrt mich natürlich sehr. Diese tolle Anerkennung gebührt aber nicht nur mir. Sie ist ein Zeichen für den ganzen Verein und die Teams hinter dem Team, die wirklich einen tollen Job machen.“ Euro-League-Coach Fischer siegte vor Eisbären-Meistertrainer Serge Aubin und Alba-Meistertrainer Israel González.

Bei der Sportparty wurde nicht nur ein Blick auf das vergangene Jahr gerichtet, sondern auch einer aufs kommende: auf die Special Olympics World Games 2023. Vom 17. bis 25. Juni 2023 werden 7000 Sportlerinnen und Sportler aus 190 Nationen beim weltweit größten inklusiven Sportfest in Berlin an den Start gehen. „Für uns sind die Weltspiele ein Meilenstein, um mehr Sichtbarkeit und Teilhabe für Menschen mit geistiger Behinderung zu schaffen“, sagte Sven Albrecht, Geschäftsführer von Special Olympics Deutschland und des Organisationskomitees der Weltspiele. „Dass die Special Olympics bei der Champions-Gala integriert wurden, ist ebenso ein Schritt für mehr Inklusion. Und wer weiß, vielleicht werden ja auch irgendwann einmal Special-Olympics-Sportler hier ausgezeichnet.“