Berlin - Pal Dardai verzieht das Gesicht. Eine böse Fratze. So habe er am Ende darauf reagiert, dass seine Spieler so viel rumstanden. „Bei mir ist immer alles in Bewegung“, sagt der Hertha-Coach. Dann verwandelt sich die Fratze in ein Grinsen. Zwei Trainingseinheiten hat er vergangene Woche von einem befreundeten Futsal-Trainer aus Ungarn leiten lassen − mit wegweisendem Effekt. Das Gelernte soll Hertha in der Tabelle nachhaltig nach oben bringen. Gegen Dortmund am Freitag (20.30 Uhr) braucht es aber noch andere Qualitäten.

Herr Dardai, als Sie für Hertha gespielt haben, gehörten Hallenturniere zur Pflicht im Winter. Haben Sie da gerne mitgemacht?

Ach, deutscher Hallenfußball. Das ist rangeln, eins gegen eins, kämpfen, zwei Minuten Gas geben, sich auspumpen und dann auswechseln. Weitschüsse auf große Tore. Futsal ist etwas total Anderes.

Was macht denn diese Hallenvariante des Fußballs so besonders?

Futsal ist ein Spiel, in dem der Kopf mitspielt, Reaktionsschnelligkeit und Pläne. Du musst Räume schaffen und den sauberen Abschluss vorbereiten. Die zwei Tage waren für mich hilfreich, um zu sehen, wie das ein richtiger Futsal-Trainer macht. Ich bin rausgegangen wie ein Spieler und wollte auf dem Platz verstehen, was er erzählt, und nicht vorbereitet sein.

Werden wir gegen Dortmund nun einen dauerrotierenden Kreisel im Zentrum zu sehen bekommen?

Nein, das sollte man nicht so krass sehen, nur weil wir jetzt mal einen Futsal-Trainer bei uns hatten. Als ich hier Trainer geworden bin, habe ich vier kleine Fußballfelder markieren lassen mit Handballtoren – wie ein Futsalfeld, nur zehn Meter kürzer. Da müssen die Spieler nicht so viel rennen, kommen häufiger zum Abschluss und lernen, mit Geduld umzugehen. Um auf diese kleinen Tore zu treffen, musst du das richtig gut vorbereiten. Ein Schuss aus 20 Metern ist unmöglich. Und nach Ballverlust musst du gleich da sein, sonst kriegst du ein Tor.

Und was bringt das für den normalen Fußball?

Futsal ist deshalb so gut, weil die Spieler schnelle Entscheidungen treffen müssen, und umso schneller du entscheiden musst, desto schwieriger ist es erst einmal, die guten Entscheidungen zu treffen. Aber wenn du das immer wieder machst, wird die schnelle Entscheidung automatisch immer die beste sein. Dann bist du gut. Du entwickelst viele Automatismen. Das ist dann sehr schwer zu verteidigen. Letztes Jahr haben wir schon einige Futsal-Elemente auf dem Großfeld eingebaut. Es gibt Täuschungen, klare Pässe und gute Abschlüsse. Die Räume gehen auf und zu. Wenn die Spieler das verinnerlichen, machen wir den nächsten Schritt.

Wie sieht der aus?

Für Hertha BSC ist der nächste Schritt ein besserer Ballbesitz in der gegnerischen Hälfte. Also nicht nur in der eigenen Hälfte und durch die Mitte. Es geht nun darum, 20, 30 Meter vor dem gegnerischen Tor besser mit dem Ballbesitz umzugehen und mehr klare Torchancen herauszuarbeiten. Das ist noch weit weg, aber das ist die erste Station, wenn man Futsal mit Sinn und Verstand spielt. Dann kommt irgendwann der nächste Schritt. Aber nicht gegen Dortmund.

BVB-Coach Thomas Tuchel und der Leverkusener Roger Schmidt haben sich gezankt, ob Ballbesitz oder Balleroberung die Lösung ist.

Es geht um Profifußball, da zählen nur die Punkte. In der letzten Saison in der Rückrunde haben wir nur 18 Punkte geholt. Wir hatten die gleichen Torchancen wie in der Hinrunde, hatten sehr viele schöne Spielzüge und sind sogar fünf Mal in Führung gegangen.

Was war das Problem?

Fußball ist Psychologie, Kondition und Tagesform. Natürlich bereitest du die Mannschaft vor, aber es kann immer anders kommen. Daher ist die Mentalität das Wichtigste. Wir beherrschen jetzt eine positive Mentalität, die Jungs wollen trainieren und gewinnen. Wir wissen, wo unsere Grenzen sind, was wir können und was nicht. Die Hinrunde zeigt jetzt bisher wieder, wie wichtig die Mentalität ist und dass du vorbereitet bist. Es gab nicht einen einzigen Moment, in dem ich kritisch oder unsicher war.

Was ist die Herausforderung?

Wir haben ein gutes Jahr gespielt, aber: Von null auf hundert ist sehr gefährlich. Das letzte Jahr war ein Riesenerfolg. Wenn wir das dieses Jahr wiederholen oder etwas draufpacken können, ist das ein noch größerer Erfolg. Wir haben nicht sechs oder sieben Neue, und trotzdem musst du als Trainer die Mannschaft so motivieren, dass die alten Spieler hundert Prozent bringen. Und die jungen Spieler musst du weiterbilden, musst verstehen, dass es Hochs und Tiefs gibt. Das muss man akzeptieren können.

Zum Beispiel?

Mitch Weiser hat eine gute Hinrunde gespielt, in der Rückrunde war es dann weniger mit Toren und Vorbereitungen. Jetzt ist er wieder da, wo er sein soll. Marvin Plattenhardt hat ein komplettes Jahr gut gespielt. Er ist 24 Jahre alt. Unsere Aufgabe ist es, die jungen Spieler weiterzubringen und die alten zu kitzeln, dass sie weiterhin hundert Prozent geben. Dadurch stehen wir da oben. Die Wechselspieler haben Spaß daran, etwas zu bewegen, wenn sie reinkommen.