„Okayisch“, sagte Christoph Harting vor seiner Abfahrt nach Halle/Saale auf die Frage, wie es ihm geht, wie es mit dem Diskus so läuft. Die Halleschen Werfertage sind für Leichtathleten einer der ersten Termine, die ihnen anzeigen, wo sie stehen. Was früh in der Saison möglich ist. Wohin es gehen kann im Sommer, der dieses Jahr neben den Weltmeisterschaften in Eugene, Oregon, Mitte Juli einen Monat später die Europameisterschaften in München als Höhepunkte bereithält.

Christoph Harting, dem Diskus-Olympiasieger von 2016 geht es also: okayisch. „Im Sport könnte es besser laufen. Es könnte auch schlechter laufen“, meint Harting damit. „Große Leistungen sind noch ausgeblieben im Training.“ Ihm fehlt die Konstanz in der Technik. Den Diskus zu werfen, ist für den 32-Jährigen vom SCC Berlin derzeit wie eine Münze zu werfen. Kopf oder Zahl, niemand weiß, was kommt. Zwischen 56 Metern und 65 Metern, sagt er, sei alles möglich. Das versetzt einen, der den Diskus bei seinem Goldwurf in Rio de Janeiro 68,37 Meter weit katapultierte, nicht in Euphorie. Wobei Hartings Trainer Torsten Lönnfors findet, der Zustand seines Athleten sei „mit okayisch sehr überbewertet. Im bisherigen Saisonverlauf gab es erhebliche Ausfälle.“

Christoph Harting ist von Verletzung und Krankheit genervt

Tatsächlich kommen zu Hartings Krankheits-Bulletin, in denen zwei Bandscheibenvorfällen am Rücken 2016, 2018 einer in der Halswirbelsäule und 2019 einer in der Brustwirbelsäule folgten, seit vorigen Oktober neue Einträge: Mandelentzündung Anfang Dezember, Rückenprobleme während der Trainingslager im Frühjahr auf Fuerteventura, Teneriffa und Belek, zuletzt eine Magenschleimhautentzündung. „Das nervt“, sagt Harting, der nicht genau weiß: „Lässt mich mein Körper im Stich? Lässt mich mein Kopf im Stich?“

Nach dem Corona-Jahr 2020 ohne Wettkämpfe war auch 2021 schwierig für ihn. Da kämpfte er nach einem doppelten Bänderriss und mit einer Nierenbeckenentzündung um einen Olympia-Startplatz, wurde aber nur als Ersatz nominiert. Die neue Saison sollte ein Neustart sein. Harting brach sein Psychologie-Studium ab, das er liebte, das ihn aber zu viel Substanz gekostet hatte. Der Polizeikommissar entschied sich für die Diskus-Karriere, weil er findet: „Der Sport gibt mir eine Struktur, die ich brauche und möchte.“ 2024 will er bei den Spielen in Paris werfen, Olympia 2028 liegt auch im Plan.

„Ein kontrollierter, geplanter Saisonaufbau war aber leider bisher nicht möglich“, sagt Trainer Lönnfors, sein Athlet „sei jetzt in der Situation, das geringere Leistungsniveau anzunehmen, kurzfristiger zu denken. Er will Wettkämpfe machen, um weiterzukommen.“ Beim Saisoneinstig in Montgeron bei Paris kam er auf 59,08 Meter.

Und am Sonnabend in Halle bei den Werfertagen? Da kam Wind. Von links vorne. Böig und aus der falschen Richtung. Er drückte die Disken in der Männerkonkurrenz nach dem Abwurf sofort nach unten, egal welchen Winkel sie wählten, er drückte ihre Stimmung. „Wenn ein Athlet nicht vor Energie und Selbstvertrauen strotzt, braucht er Umstände, die passen“, sagt Lönnfors.

Die Umstände passten für keinen, was die geringen Weiten zeigten: Der Tscheche Marek Barta (63,36 m) gewann vor dem Magdeburger Martin Wierig (62,95 m) und David Wrobel aus Stuttagrt (62,90 m). Harting kam mit 59,03 Metern auf Rang acht. Okayisch – und weit weg von den 66 Metern der WM-Norm.

Christoph Harting peilt die Qualifikation zu WM oder EM an

Wobei es im Training auch Daten gibt, die Harting Auftrieb geben. Weiten, die er mit dem Stab oder dem schweren Diskus erreicht, Werte aus Sprung und Sprint. „Ich versuche mit dem, was ich in den letzten Jahren gemacht habe, ein Paket zu schnüren, was halbwegs verkaufbar ist.“ Harting im Marketingjargon? „Es ist vor allem ein Verkaufsgespräch an mich selber“, antwortet der 2,07-Meter-Mann.

Er hat noch ein paar Wochen bis zu den Deutschen Meisterschaften am 25./26. Juni im Rahmen der Finals in Berlin. Er sagt, die WM in Eugene und die EM in München seien beides tolle Projekte – sein Ziel sei, daran teilzunehmen. Denn die Passion für den Sport, die andere von Beginn an hatten, sei bei ihm erst mit den Jahren, mit der Reflektion, gekommen. Mit der Möglichkeit, das privilegierte Lebensmodell wertschätzen zu können.

„Wer hat sonst die Möglichkeit, ununterbrochen an seinem Körper arbeiten zu können? Alle möglichen Orte der Welt zu sehen? Möglichst viel essen zu dürfen? Die BRD auf unterschiedlichen Ebenen vertreten zu können?“, fragt Harting. Erst jetzt, wo er wisse, was der Sport mit seinem Leben gemacht hat, sei ihm klar geworden, was für eine Bühne das ist. Eine, für die es sich lohnt, aus einem Okayisch das Maximum herauszuholen.