Dicht an dicht: So standen die Fans des 1. FC Union in der Alten Försterei vor Corona zusammen.
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BerlinEs ist gerade eine Art Flügelzange, die sich auf Berlins Sportsenator Andreas Geisel und den Regierenden Bürgermeister Michael Müller zubewegt. Am Sonntag, um 16 Uhr, rückte die eine Seite des Außensturms vielbeinig vor, geradewegs auf das Rote Rathaus zu. Rund 300 Amateursportler und Sympathisanten versammelten sich vor dem Haupteingang, um ihrem Frust Ausdruck zu verleihen, dass in Berlin immer noch strikte Kontaktbeschränkungen für Amateure gelten, während in Brandenburg der Ball wieder rollt.

Bernd Fiedler, der 1. Vorsitzende des SFC Stern 1900, gehörte zu den Hauptrednern dieser Kundgebung, die kurzfristig organisiert wurde. „Wir protestieren, dass wir aus dem Sport ausgeschlossen werden und gegen die Ungleichbehandlung im Sport“, sagte er. In den vergangenen Wochen und Monaten hätten sich viele Kinder mangels Perspektive abgemeldet. „Wenn viele merken, dass es Besseres gibt, als viel Zeit im Training und im Verein zu verbringen, wird das ganz gefährlich.“ Gleiches gilt für die Turner, Kampfsportler und andere, die sich zum Neptunbrunnen am Fuße des Fernsehturms aufgemacht haben.

Auf der anderen Seite war am Freitag Dirk Zingler, der Präsident des 1. FC Union vorgerückt, um den Druck auf die Verantwortlichen im Berliner Senat zu erhöhen. Der Fußball-Bundesligist kam so plötzlich wie überraschend mit einem Konzept aus der Tiefe des Raumes, das eine Vollauslastung des Stadions An der Alten Försterei, also 22.000 Zuschauer, ab dem 1. Spieltag der neuen Saison, also ab 18. September, vorsieht. „Unser Stadionerlebnis funktioniert nicht mit Abstand, und wenn wir nicht singen und schreien dürfen, dann ist es nicht Union. Gleichzeitig steht die Sicherheit unserer Besucher und Mitarbeiter im Mittelpunkt unserer Überlegungen“, ließ Zingler verlauten.

Man wolle in Köpenick bestmöglich gewährleisten, dass sich in der ausverkauften Försterei niemand infiziert. Der 1. FC Union stelle sich mit aller Kraft der enormen organisatorischen und wirtschaftlichen Herausforderung. Ja, sogar die Corona-Tests aller Zuschauer, die 24 Stunden vor Spielbeginn gemacht sein müssten, wolle der Bundesligist bezahlen. Wie das mit den Kosten geregelt werden soll? Und ob damit der Infektions-Hotspot Wuhlheide vermieden werden kann? Übers Wochenende wurde in Berlin und anderswo heftig diskutiert. Ist der  Vorstoß des 1. FC Union vor allem kreativ? Oder oder doch eher katastrophal?

Berlins Sportsenator Andreas Geisel zeigte sich in einer ersten Stellungnahme am Sonnabend durchaus offen für die Pläne an der Alten Försterei. „Wir verstehen Unions Ambitionen“, sagte der SPD-Politiker. „Wir werden uns zeitnah mit der Vereinsführung treffen, um über das Konzept zu sprechen.“ Natürlich müsse ein Konzept die hygienischen Anforderungen erfüllen und von der Deutschen Fußball-Liga (DFL) getragen werden, fügte Geisel hinzu. Ob er in der Hitze des Corona-Gefechts dabei vergessen hatte, dass in Berlin bis weit in den Oktober hinein Großveranstaltungen mit mehr als 1000 Zuschauern von der Politik verboten wurden?

Wobei DFB-Präsident Fritz Keller am Sonnabend dem Vorhaben des 1. FC Union durchaus zur Seite sprang, indem er im SWR sagte: „Mein Traum wäre es, über Testungen vielleicht irgendwann ein volles Stadion zu bekommen.“  Über allem stehe aber das Wohl der Menschen, fügte Keller an. Auch der 1. FC Union betonte erneut, dass dies das Grundanliegen seines Konzeptes sei, an dem noch gefeilt werden müsse. Über die Genehmigung entscheidet letztlich das zuständige Gesundheitsamt in Treptow-Köpenick.

Die Vertreter aus dem Berliner Amateurfußball hat der Vorstoß des 1. FC Union allerdings noch wütender gemacht, als sie es ohnehin schon waren. Gerd Thomas, der 1. Vorsitzende des FC Internationale, zitiert aus dem offenen Brief, den er gemeinsam mit Christian Hildebrand von den Füchsen Berlin an Geisel und den Präsidenten des Berliner Fußball-Verbands, Bernd Schultz, gerichtet hat. Hier heißt es: „Der wahre und wirklich systemrelevante Fußball spielt sich auf den viel zu wenigen und viel zu schäbigen Sportplätzen in Schöneberg, Wedding, Pankow oder Borsigwalde ab.“ Der Fußball in den Bundesliga-Arenen hingegen sei ein knallhart funktionierendes Geschäftsmodell. 

Ihr Anliegen unterstützt Stefan Förster, der sportpolitische Sprecher der FDP-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus aus Köpenick. „Wir sind im Augenblick das Bundesland mit den strengsten Regeln. Den Plan des 1. FC Union, in acht Wochen ein volles Stadion zu haben, halte ich für abenteuerlich und ähnlich kontraproduktiv wie damals die Demonstration der Club-Betreiber auf dem Landwehrkanal“, sagt Förster. „Jetzt sind erst mal andere Lockerungen dran.“ So werde etwa der Berliner Ruderverband Anfang der Woche eine Klage gegen den Senat einreichen, damit seine Jugendlichen und Schüler wieder mit dem Training beginnen können. Da sei der Vorstoß des 1. FC Union „nicht der zweite Schritt nach dem ersten, sondern der dritte“.

Die Herausforderung für die Berliner Labore wäre bei dem Schnelltest, den der 1. FC Union bei seinem Konzept vorsieht, riesig. Und, so fürchten Virologen, innerhalb von 24 Stunden vor einem Spiel könne bei einem negativen Corona-Test nicht ausgeschlossen werden, dass sich Zuschauer nicht doch noch infizieren und für Ansteckungsgefahr im Stadion sorgen.

Kaweh Niroomand empfiehlt als Sprecher der Berliner Profiklubs, die ganze Sache differenziert zu betrachten. Einerseits sei es das gute Recht und auch die Pflicht jedes Profivereins, an eine Lösung zu denken, „wie wir mit dieser Situation fertig werden. Denn keiner von uns will ja Geisterspiele haben“.

Daher sei es gut, dass der 1. FC Union eine Idee erarbeitet, „gerade weil bei Union die Bindung zu den Fans besonders ist. Da auch wirtschaftliche Aspekte eine Rolle spielen, bewegt uns das alle“. Dass nun nach der Debatte über Spiele ohne Zuschauer eine Debatte über Spiele mit Zuschauern in Gang gekommen ist, begrüßt der Manager der BR Volleys. Die Kommunikation, der Austausch, auch von Ideen und Konzepten innerhalb der Sportfamilie, sei dabei wichtig.

Dass Berlins Sportsenator Geisel das Vorhaben des 1. FC Union grundsätzlich als unterstützenswert betrachtet, findet Niroomand überraschend und gleichzeitig sehr erfreulich. Eigentlich sei aufgrund der aktuellen Verordnung an Veranstaltungen mit mehr als 1000 Zuschauern ja noch gar nicht zu denken, außerdem müsse zunächst einmal der Trainings- und Spielbetrieb in den Amateurligen wieder in Gang gebracht werden. Andererseits könnte Geisels Reaktion ja auch ein Zeichen dafür sein, dass die Berliner Politik bereit dazu ist, die bisher geltenden Rahmenbedingungen zu ändern.

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