Das Steffi-Graf-Stadion im Wartemodus: Schlagen die besten Tennisspielerinnen der Welt noch 2020 hier auf? Oder doch erst 2021?
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BerlinDie Reaktionen auf die Absage des Tennisturniers in Wimbledon am Mittwochabend waren emotional, so hat das Barbara Rittner, die Bundestrainerin der deutschen Tennisfrauen und Turnierdirektorin des Berliner Rasenturniers wahrgenommen. Seit dem Zweiten Weltkrieg hat das Grand-Slam-Turnier in London jedes Jahr nicht nur stattgefunden, es wurde zelebriert – mit Königin, Prinz, Herzogin, Glamour und Prominenz auf den Tribünen sowie mittendrin Helden von einst wie Boris Becker oder Mats Wilander.

Die britische Zeitung The Telegraph schrieb am Tag nach dem Aus wegen der Corona-Krise: „Wimbledon ist abgesagt. Selbst nach all dem globalen Leid der letzten Monate wirken diese drei Worte wie ein Schock. Dies ist das herausragende Tennisereignis und das größte Sportfestival des britischen Sommers, bei dem jedes Jahr fast eine halbe Million Zuschauer durch die Tore des All England Clubs schreiten. Na ja, in jedem normalen Jahr.“

Barbara Rittner: "Man hat natürlich erst mal einen Durchhänger"

Im Jahr 2020 ist nichts normal. Auch nicht im Sport. Beim LTTC Rot-Weiß an der Berliner Hundekehle ahnten sie schon, dass die Absage aus Wimbledon kommen würde. Sportdirektor Markus Zoecke hatte schon eine ganze Weile befürchtet, dass auf der Anlage, auf der seit ein paar Wochen nur das wachsende Gras und ein paar Bauarbeiter für Bewegung sorgen, im Juni weder Angelique Kerber noch Julia Görges aufschlagen würden.

Mit der Wimbledon-Absage war klar, dass der Domino-Effekt eintreten würde: Auch die Premiere des Berliner Rasenturniers, das als Vorbereitung auf die All England Championship vom 13. bis 21. Juni im Berliner Steffi-Graf-Stadion als Bett1 Open hätte stattfinden sollen, fällt zunächst aus. „Man hat natürlich erst mal einen Durchhänger“, sagt Turnierdirektorin Rittner, „man hat so viel Herzblut investiert, hat da noch eine Idee gehabt und dort. Emotional ist es jetzt so ein Vakuum, in dem sich viele Menschen gerade bewegen.“

Möglicher Nachholtermin Ende Juli oder August

Rittner bekam Nachrichten von Fans, von Spielerinnen wie Kerber, die traurig, enttäuscht, aber durchweg verständnisvoll auf die Absage reagierten. Die Berliner Tennisspielerin Sabine Lisicki schrieb ihr, dass die Rasensaison und der Auftritt in Berlin ihr großes Ziel gewesen sei, auf das sie nach all ihren Verletzungen seit sechs Monaten hingearbeitet habe.

Wie in allen Branchen wissen sie auch im Tenniszirkus nicht, wie es weitergeht. Ob es in diesem Jahr überhaupt noch Turniere gibt. „Wir wissen nicht, ob es eine Amerika-Tour geben wird, welche Strategie die WTA mit welchen Belägen fahren will. Aber klar ist: Gesundheit geht immer vor. Wir sind ja keine Traumtänzer“, sagt Rittner. Wenn es möglich ist, will Veranstalter Edwin Weindorfer das Turnier in Berlin 2020 zu einem späteren Zeitpunkt austragen. Die Entscheidung darüber soll im April oder Mai fallen. Als mögliche Nachholtermine kämen Ende Juli oder im August infrage. Bis mindestens zum 13. Juli ist die Tennis-Tour unterbrochen.

LTTC Rot-Weiß geht in Vorleistung

Später als Ende August ist das Spiel auf Rasen kaum mehr möglich, da die Rasenhalme eine gewisse Zeit an Tageslicht brauchen, um sich zu regenerieren. „Wenn es die Pandemie zulässt, wenn die gesundheitlichen Voraussetzungen gegeben sind, dass die Leute wieder zu Events kommen können und die Reisefreiheit gegeben sein sollte, dann würde ich die Chance bei 50:50 sehen“, sagte Weindorfer, der ein Budget von vier Millionen Euro für das Rasenturnier in Berlin veranschlagt und mit 30.000 bis 40.000 Zuschauern kalkuliert hat.

Der LTTC Rot-Weiß ist finanziell in Vorleistung gegangen, hat die Sandplätze wegbaggern, schon vor Weihnachten Rasen einsäen lassen. „Rasen wächst ab acht Grad. Es ist schon grün hier, er wird weiter gepflegt“, sagt Zoecke, der mit vielem gerechnet hatte. Zu Beginn des Projekts mit der Ablehnung der Mitglieder, einer Blockadehaltung des Senats, sogar mit Wildschweinen, die das Gras durchpflügen. Aber nicht mit einem Virus, der alle Termine und Abläufe durchkreuzt.

Unter dem Schutzschirm von Wimbledon

Die Sanierung von Umkleiden und Klubhaus ist in vollem Gang. „Das sind ja alles Investitionen, die dem Club ohnehin zugutekommen. Wir stehen in engem Austausch mit dem LTTC, welche Dinge sein müssen, welche noch Zeit haben, welche der Club 2020 noch mittragen kann“, sagt Rittner. Manche fürchten, der LTTC Rot-Weiß könnte in ernsthafte finanzielle Probleme kommen.

Auch im Olympiapark werden derzeit drei Sandplätze der Tennisabteilung von Spandau 04, die den Profis als Trainingsplätze dienen sollen, zu Rasenplätzen umgebuddelt. Diese Courts sehen nach Wüste aus, Gras wächst hier noch keines.  600.000 Euro steuert der Berliner Senat zum Gesamtprojekt bei. Von dort, heißt es, komme der Vorschlag, dass im Sommer nun doch die Internationalen Deutschen Jugend-Tennismeisterschaften als Testlauf stattfinden sollten, die wegen des WTA-Turniers abgesagt wurden.

„Was wir jetzt erst einmal brauchen, ist Geduld“, meint Barbara Rittner, „so wie beim Einkaufen. Das gilt ja in jedem Bereich. Die Krise ist für viele existenziell. Und man darf nicht vergessen, hier geht es nur um Tennis. Unser Sponsor Bett1 hält weiter zum Turnier, außerdem stehen wir unter dem Schutzschirm von Wimbledon. Insofern ist das Turnier nicht bedroht, wie es bei anderen Turnieren der Fall ist. Die Generalprobe ist einfach verschoben.“