Bernhard Langer bezeichnet sich selbst als Perfektionist. 
Foto: Imago Images/Colorsport

AachenAm Ostersonntag, als in coronafreien Zeiten gerade die Finalrunde der Masters in Augusta stattgefunden hätte, lief bei Sky ein besonderes Programm. Der Bezahlsender strahlte fast komplett die entscheidende Runde von 1985 aus, re-live gewissermaßen. Zu sehen war ein langhaariges, blondgelocktes Milchgesicht, das nach dramatischem Finalverlauf überraschend gewann, als erst zweiter Europäer im US-Golfheiligtum überhaupt: Bernhard Langer, Maurersohn from Anhausen/West Germany, 27 damals.

Besonders war nicht nur, dass das Turnier 35 Jahre danach das erste Mal überhaupt im deutschen Fernsehen zu sehen war. Sondern vor allem: Live war Bernhard Langer selbst aus seinem Wohnzimmer in Boca Raton, Florida, per Video-Stream als Co-Kommentator zugeschaltet, gut drei Stunden lang.

Es war ein Triumph beim weltwichtigsten Turnier in einem Sport, den in Deutschland erst kaum jemand wahrnahm und der dann einen Boom auslöste. 1985 spielten hierzulande gerade mal 60 000 Menschen, fernab in ihren Clubreservaten. Heute sind es mehr als eine Million. Damals, erzählt Langer, habe er immer neu „erklären müssen, was ein Golfprofi überhaupt macht. Viele dachten, das sei wohl Minigolf, also so etwas wie ein Putt-Putt-Spiel.“

Serie

Der Sport ist kein Perpetuum mobile, das sich aus Selbstzweck dreht. Ein Virus lehrt uns das. Nehmen wir uns also die Zeit: Für Geschichten, die oft hinter dem Offensichtlichen zurückstehen. Serie, Teil 29: Bernhard Langer

Solche Anflüge von Witz waren so selten wie auf dem Platz ein verzogener Drive von „Mr. Consistancy“, wie ihn die Kollegen seit Jahrzehnten nennen: Mr. Beständigkeit. Langer war, wie er golft: ohne Glamour und Spektakel, immer auf den Punkt konzentriert, keine Nostalgie, alles schwer sachlich und deshalb lehrreich und unterhaltsam. Ja, man spielte fast ausschließlich mit Hölzern aus Holz (nicht wie heute in weltraumerprobten Metalllegierungen). Und er habe tatsächlich „mit zwei verschiedenen Putt-Griffen gearbeitet, mal die eine Hand oben, mal die andere“, je nach Länge des Putts und aktuellem Gefühl. Das habe die Szene damals sehr irritiert.

Dass er am Finaltag in Rot spielte, also die spätere Psycho-Marotte mit dem roten Shirt von Tiger Woods vorwegnahm, sei   Zufall gewesen. „Dass Rot als aggressive Farbe meinen Siegeswillen unterstreichen würde, war mir damals gar nicht so bewusst.“ Und dass er dann mit dem grünen Siegerjacket aussah „wie ein Weihnachtsbaum, weil hier in Amerika die Farbkombination Rot-Grün immer für Weihnachten steht“, habe er   nicht bedacht. Auf der Anlage hätten sie ihn angekündigt als „The red baron from West Germany“.

Der rote Baron startete durch. 1993 gewann er noch einmal in Augusta, seine zweite Major-Trophäe. Und er ist immer noch unterwegs. Bis heute stehen 114 Turniersiege zu Buche. Mit dem Europa-Team siegte Langer sechsmal im Ryder Cup, dem Kontinentalduell gegen die USA. 2004 war er Kapitän: Mit 18,5:9,5 gelang Europa der höchste Sieg der Geschichte, auswärts zudem. Zur Legende wurde Langer auch durch seinen bittersten Misserfolg. 1991 auf Kiawah Island in South Carolina hatte er noch   einen Putt aus lächerlichen anderthalb Metern und Europa hätte den Ryder Cup gewonnen. Langer zirkelte den Ball vorbei.

Seit zwölf Jahren ist Langer auf der Champions Tour der Senioren in Nordamerika unterwegs (teilnahmeberechtigt ab 50) – und er beherrscht sie fast nach Belieben, egal, wer jedes Jahr nachrückt. Ständig toppt er neue Bestleistungen, oft die eigenen. Als Erster gewann er alle fünf Senior-Majors mindestens einmal. Insgesamt elf Major-Trophäen hat er abgeräumt: Rekord, und den großen Jack Nicklaus abgelöst.

Nur vier Spieler gewannen jemals ein Profiturnier mit 58 Jahren oder älter, Langer mittlerweile sieben davon. Seit 2008 gewann er die Champions-Tour fünfmal, auch eine Bestmarke. 41 Titel sind es bei den Senioren insgesamt, der letzte kam Anfang März. Hale Irwin siegte 45-mal. Die nächste Marke. Langer meinte mal, mit ihm sei es wohl wie mit einem guten Wein: Je reifer, je besser. Deshalb nannte ihn diese Zeitung Chateauneuf-du-Putt.

Stolze 21 Asse hat Langer bis heute erzielt, also mit einem Schlag eingelocht. Eine Besonderheit fehlt noch: als Age Shooter sein eigenes Alter als Rundenergebnis zu spielen. „Ich bin eins hinterher“, schreibt Bernhard Langer auf Anfrage, „aber das ist auf meiner To-Do-Liste“. Also ab Ende August mit 63 eine 63?

Langers Gedächtnis würde Elefanten neidisch machen. Es heißt, er habe die 18 Grüns hunderter Golfplätze weltweit abgespeichert, jede kleinste Welle und ihre Auswirkungen bei jedem Wetter. Keiner bereitet sich akribischer vor. 2014 hätte er fast zum dritten Mal die Masters gewonnen. Mit fast 57 Jahren.

Langer altert nicht. Die Voraussetzungen: Gesundheit, genetisches Glück. Er ist immer ein Asket geblieben, ein Konzentrationswunder, voll unerbittlicher Zielstrebigkeit. Er liebe ungebrochen „das Feuer des Wettbewerbs“, sagt er.

Perfektionist nennt er sich selbst. Ob er die 85er-Finalrunde selbst schon mal gesehen habe, wollte der Sky-Kommentator wissen. Welch naive Frage: Seine eigenen Auftritte aus prähistorischen Zeiten gucke er immer wieder gern an, sagte Langer, „um zu sehen, wie mein Schwung war“. Das könne selbst heute noch weiterhelfen. Und er will „noch besser werden“, sagt er, was seine Konkurrenten mit Schaudern hören.

Langer macht eisern sein Fitnessprogramm: Stretching, Joggen, Yoga. Zwei Stunden am Tag neben dem Golftraining. Selbst im ehelichen Schlafzimmer stehen Fitnessgeräte. Er ist zäh, gewissenhaft, unerschütterlich. Und jetzt im Corona-Lockdown? Gibt er auf seiner Website Fitness-Tipps mit Bizeps-Curls und Gymnastikbällen.

In der österlichen TV-Konserve war noch eine andere Konstante zu bewundern: Die Herren vom Augusta Golfclub, schon immer Inbegriff des Schnöselnobismus, baten Langer zum Siegerinterview, ein Ritual. Der damalige Clubchef fragte ihn mit maliziösem Lächeln als Erstes, ob er denn nun „Länger oder Lönger ausgesprochen“ werde. Es ist diese subtile Arroganz, die hinter aller Freundlichkeit schimmert: Was erlauben Sie unbekannter Europäer sich, unseren US-Heroen den Titel wegzuschnappen und jetzt lebenslanges Startrecht zu haben? Langer sagte brav, er werde Langer ausgesprochen. Und uns Fernsehzuschauern fügte er hinzu: „Mittlerweile habe ich zu dem Club ein sehr gutes Verhältnis.“ Sollte diplomatisch heißen, dass er die kleine Frechheit damals wahrgenommen habe.

Nach dem Sieg von 1985, berichtete Langer, als er gerade ein Jahr mit Vikki verheiratet war, „hatten wir dann das Gefühl, jetzt könnten wir Kinder bekommen“. Familienplanung nach Golf-Kalender. Vier Kinder wurden es bald. Anfang April ist Langer erstmals Opa geworden.

Die Karriere als Profi hatte er 1974 gestartet, da war Helmut Schmidt Bundeskanzler geworden, Elvis lebte noch, aber noch keiner der Masters-Sieger seit 2011. Wenn das Turnier tatsächlich im November stattfindet, erstmals ohne blühende Magnolien, ist er zum 38. Mal dabei.

Lesen Sie in Teil 30: Eric Cantona, der Exzentriker auf dem Fußballplatz