Der Jubelschrei von Torben Brandt aus dem Leichtathletik-Stadion des Sportforums in Berlin muss noch im hintersten Winkel des Olympiastützpunktes und im Haus der Athleten zu hören gewesen sein. „Beim Jubel habe ich mir die Außenbänder überdehnt. Ich hab den Wettkampfrichter so doll gedrückt, dass seine Wirbel geknackt haben. Und danach habe ich fast noch meine Freundin zerdrückt“, sagt der Diskuswerfer vom SCC Berlin. „Die Euphorie hat erst mal angehalten. Ich hatte drei Tage Kopfkarussell.“

Aus Brandts Erzählung wird klar: Dieser bullige Kerl, der wie ein Boxer aussieht, hat eine Menge Kraft in sich. Außerdem muss bei den Berliner und Brandenburger Meisterschaften vor knapp zwei Wochen in Hohenschönhausen etwas Besonderes passiert sein. Tatsächlich gelang dem 27-Jährigen gleich im ersten Versuch der bislang weiteste Wurf seiner Karriere: 66,18 Meter – 18 Zentimeter mehr als es die Norm für die Leichtathletik-Weltmeisterschaft in den USA verlangt. Und beinahe zwei Meter weiter als Brandts bisherige Bestleistung. „Dafür gibt es eine Woche keinen Küchendienst, okay?“, schrieb der Athlet, der vor vier Jahren aus Magdeburg nach Berlin gezogen war und nun im Haus der Athleten wohnt, an seine Etagenkollegen.

Am schlimmsten fand Brandt am Anfang das Diskuswerfen

66,18 Meter ist eine Weite, auf die Brandt sehr lange gewartet hat. Wobei er auch sehr lange dafür brauchte, ein Diskuswerfer zu werden. In seinem 150-Einwohner-Dorf in der Börde gab es nur Fußball. „Aber wenn man dem Sohn des Trainers nicht gut gegenüberstand, hatte man keine Chance“, erzählt Brandt. Also ging er zum Karate. Er lief um die Dörfer, um mit sich selber ins Reine zu kommen. Spielte Volleyball bis in die Zweite Liga. Ging zum Boxen. Probierte American Football aus. Absolvierte zwei Halbmarathons. „Ich wollte Profisportler werden. Ich wollte zu Olympia. Wenn man mir einen Kartoffelsack hingestellt hätte und gesagt hätte, hier, Kartoffeltanz ist olympisch, hätte ich auch das gemacht.“

Als er mit 17 zur Läufergruppe des SC Magdeburg kam, weil er den Halbmarathon ohne professionelles Training in 1:31 Stunden absolvierte, lachten sie dort und schickten den Kerl, der damals schon 1,95 Meter groß war und 108 Kilo wog, gleich zu den Werfern weiter. Am schlimmsten fand Brandt das Diskuswerfen. Kugelstoßen war okay, Speerwerfen gefiel ihm – auch weil er schnell auf 50 Meter kam. Aber dann sagte ihm ein Trainer: „Du bist kein Speerwerfer. Du bist ein Diskuswerfer.“ Nach drei Monaten schaffte er schon die Norm für die deutschen U20-Meisterschaften. Weil er schon 18 Jahre alt war, als er bei der Scheibe ankam, glaubte trotzdem kaum noch jemand an eine Perspektive.

2018 wechselte Brandt nach Berlin in die Trainingsgruppe von Torsten Lönnfors. Dort trainiert er seitdem zusammen mit Olympiasieger Christoph und dessen Schwägerin Julia Harting. Alle drei Athleten treten im Rahmen der Finals am Wochenende bei den deutschen Leichtathletik-Meisterschaften im Olympiastadion an. Bei allen drei Athleten geht es nicht nur um Weiten, sondern auch um die Sicherung künftiger Sportförderung.

Bei Brandt funktioniert kein Standardschema

In einem guten ersten Jahr in Berlin, wo Lönnfors ihm erst mal eine Menge Technik beibrachte, wurde Brandt 2019 Dritter bei den deutschen Meisterschaften. Dann stockte die Entwicklung. „Torben ist ein sehr spezieller Athlet – von den Reaktionen auf das Training. Bei ihm gibt es kein Standardschema“, sagt Lönnfors. „Er hatte nach einem guten Jahr in den darauffolgenden Jahren sein Tief immer zur falschen Zeit.“ Brandt trainierte nicht zu wenig, sondern zu viel.

„Er will irgendwann mal 70 Meter werfen, gewisse Erfolge generieren, den anderen beweisen, dass er es kann. Aber er hängt sich zu sehr rein. Er dachte, viel hilft viel. Wir haben halt auch Belastungspausen. Auch aus denen entsteht Leistung“, sagt Lönnfors.

2020 warf Brandt schon im Januar über 60 Meter. Er warf unendlich viele schwere Geräte. Und wurde immer langsamer. Nichts passte mehr. „Ich habe mich dusselig angestellt und kann auch verstehen, dass ich aus der Förderung rausgeflogen bin“, sagt Brandt. Aber aufgeben? War nicht sein Ding. Er entschloss sich, diese Saison von dem Geld zu finanzieren, das er zur Seite gepackt hatte, auch für sein Lehramtsstudium. Insofern war der Jubelschrei bei 66,18 Metern auch eine Befreiung von Karriereängsten. „Christoph und Julia kriegen gerade die Pistole auf die Brust gesetzt“, sagt Brandt, „bei mir wurde schon geschossen.“

Hinter dem 23 Jahre alten Henrik Janssen (66,20 Meter), mit dem der früher beim SC Magdeburg trainierte, ist Brandt in diesem Jahr der zweite deutsche Diskuswerfer, der die WM-Norm übertroffen hat. „Auf die deutschen Meisterschaften habe ich mega Bock“, sagt Brandt, „ich versuche, den Schwung aufzunehmen, mich hochzufahren, Berlin wird ja langsam zum Heimstadion für mich – und natürlich will ich auch bei der WM und EM eine gute Show abliefern.“