Bethany Hamilton hat sich mit einem Arm in der Weltspitze der Surfer etabliert.
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BerlinIhre grünbraunen Augen strahlen den Betrachter regelrecht an. Bethany Hamiltons Konterfei dominiert die aktuellen Plakate der International Ocean Film Tour und verkörpert dort mit hellblonden Haaren, sonnengebräunter Haut und sportlicher Erscheinung die landläufige Vorstellung einer Surferin nahezu bis ins letzte Detail. Eines verbirgt der erste Blick jedoch: Seit einer Haiattacke im Oktober 2003 hat Hamilton nur noch einen Arm. Von einer Karriere auf dem Wasser hat sie dieses tragische Ereignis indes nicht abgehalten. Das Meer verkörpert für sie noch immer ihre ganze Leidenschaft und ist der Ort, an dem sie ihrer Aussage nach ganz sie selbst sein kann.

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Der Sport ist kein Perpetuum mobile, das sich aus Selbstzweck dreht. Ein Virus lehrt uns das. Nehmen wir uns also die Zeit: Für Geschichten, die oft hinter dem Offensichtlichen zurückstehen.

Aufgewachsen auf der Insel Kauai, hatte Hamilton schon immer eine besondere Beziehung zum Ozean. Bereits im Kindesalter galt sie als Surf-Talent. Mit nur acht Jahren gewann der Spross zweier begeisterter Wellenreiter den ersten Platz der Mädchen bei der Rell Sun Competition auf der hawaiianischen Nachbarinsel Oahu, weitere Auszeichnungen ließen nicht lange auf sich warten. Größere Wettbewerbe folgten, genauso wie Titeltrophäen und der erste Sponsorenvertrag. Hamilton war auf dem besten Weg Profi-Sportlerin zu werden, bis zu jenem tragischen Morgen vor 17 Jahren.

Ein Hai reißt Bethany Hamilton den linken Arm ab

„Der Bruchteil einer Sekunde, das war alles. Ich nahm einen großen Druck und mehrmaliges blitzschnelles Zerren wahr“, erinnert sich Hamilton, „dann sah ich unter Schock, wie sich das Wasser um mich herum hellrot färbte.“ Als sie beim Surfen auf eine Welle wartete, hatte ein circa vier Meter langer Tigerhai ihr rot-weiß-blaues Brett wie aus heiterem Himmel erwischt – und im gleichen Moment der damals 13-Jährigen den linken Arm fast vollständig abgerissen. Das Hamilton überlebte, grenzt an ein Wunder: dem schnellen Handeln ihrer Freundin Alana Blanchard. Deren Familie war es zu verdanken, dass das Mädchen es an Land schaffte und anschließend nicht am Paua Eak Tunnels Beach auf Kauai verblutete.

Es waren nur wenige Minuten, die alles verändern sollten. Doch entgegen aller Erwartungen gab die Surferin ihre Träume nicht auf, sondern warf sich nach einem sechstägigen Krankenhausaufenthalt, Bluttransfusionen und Physiotherapie wieder in die Wellen – bereits vier Wochen nach dem Unfall. Hätte ihre Heilung sich nicht über einen Monat hingezogen, wäre Hamilton wahrscheinlich schon früher an ihre geliebte Wirkungsstätte zurückgekehrt.

Für vielleicht ein oder zwei Tage hatte sie erwogen, mit dem Sport aufzuhören – aber nicht länger. Die Liebe zum Wasser und ihr unzerstörbarer christlicher Glaube ließen die Herzblutsurferin jegliche Hürden bezwingen. Mit nur einem Arm musste sie den Körper noch stärker trainieren, lernen ihr Gleichgewicht anders zu verteilen und Bewegungsabläufe anpassen. Ganz vom psychischen Trauma abgesehen, welches es zu überwinden galt. „Oft träume ich, ich hätte wieder beide Arme. Dann wache ich auf und erwarte, die ganze Sache mit dem Hai wäre nur ein Albtraum gewesen. Ist sie aber nicht. Sie ist jetzt meine Lebenswirklichkeit, und ich habe gelernt, sie zu akzeptieren. Ich bin weitergezogen“, schrieb Bethany Hamilton in ihrem 2004 erstmals erschienenen Buch „Soul Surfer“.

Beeindruckender Siegeszug

Die Autobiografie war ein derart großer Erfolg, dass wenige Jahre später sogar Hollywood an die Tür klopfte, um die bewegende Geschichte zu verfilmen – mit Stars wie Helen Hunt und Dennis Quaid in den Hauptrollen. Spätestens ab diesem Moment war der Name Bethany Hamilton auch außerhalb der Surfwelt kein unbekannter mehr.

Zu Gast in der Tonight Show und bei Oprah Winfrey, stieg ihre Berühmtheit in kurzer Zeit exponentiell. Eine Veränderung, die für die fernab jeglicher Großstadt Aufgewachsene eine erhebliche Herausforderung war. „Es ist mir nicht einmal besonders schwergefallen, mich beim Surfen an das Fehlen des Arms zu gewöhnen“, erzählte sie später, „nur mit dem Berühmtsein habe ich Probleme.“

Die erhöhte Aufmerksamkeit brachte ihr indes ebenso Vorteile. So zum Beispiel im Jahr 2016, als sie sich nicht für das Pro-Event auf den Fidschi-Inseln qualifiziert hatte, allerdings mithilfe einer Wildcard an dem Wettkampf teilnehmen durfte. Völlig überraschend bezwang sie in der zweiten K.-o.-Runde die derzeitige Weltranglistenerste Tyler Wright und warf die Australierin aus dem Turnier. Im Viertelfinale wartete anschließend die ebenfalls aus Australien stammende Stephanie Gilmore. Doch auch die siebenfache Weltmeisterin musste die über sich hinauswachsende Bethany Hamilton ziehen lassen, deren Siegeszug erst im folgenden Duell gegen die spätere Gewinnerin Johanne Defay endete. Es war für die damals 26-Jährige das bis dato beste Ergebnis im Profibereich. Es zeigte der Weltelite, dass sie trotz ihres Handicaps nicht zu unterschätzen ist, und darüber hinaus die gesamte Surferszene in Staunen versetzte.

Herausforderungen des Alltags

Bis heute nimmt die Sportlerin mit bestechender Regelmäßigkeit an den großen Wettbewerben teil und lebt ihr Leben als professionelle Surferin. Für Hamilton ist es fast eine Sucht, immer wieder auf das Brett zu steigen, mit den Wellen zu spielen und sich der Natur zu stellen. Surfen besteht für sie dabei nicht nur aus Adrenalin und Nervenkitzel, für sie ist es „Kraft, die Körper und Seele bewegt. Darum ertrage ich schmerzende, schwache Arme, die sich anfühlen wie nasse Nudeln. Darum schlucke ich Salzwasser und stehe Tag für Tag schon vor Sonnenaufgang auf.“

Wiederholt stellt sie sich den Herausforderungen des Alltags – sei es in der Welt rund ums Surfen oder zu Hause mit ihrem Mann Adam und ihren zwei Söhnen. Während der Vorbereitung für die World Series – und damit verbunden die Qualifikation für die Championship Tour – brach sich Hamilton zu allem Überfluss vor wenigen Monaten den Ellenbogen. Eine ohnehin schon unangenehme Verletzung, die für die 30-Jährige verständlicherweise noch einmal eine höhere Brisanz hat. Es ist ihre einschneidendste Einschränkung seit der Haiattacke, die ihr erneut viel Geduld abverlangt.

Die Hawaiianerin nimmt es gelassen: „Vielleicht sollte ich etwas weniger machen und anders trainieren. Da werde ich wohl mehr skateboarden und nicht so viel Wellen reiten.“ Bethany Hamiltons Blick geht stets nach vorn, Aufgeben kommt für sie nicht infrage.