Doppelt genäht: Der Emir von Katar, Sheikh Hamad bin Khalifa Al-Thani (li.) mit WM-Trophäre und Russlands Vizepremier Igor Shuvalov bei der Turniervergabe.
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BerlinEs war etwas still geworden um die Kriminalermittlungen zum Fußball-Weltverband (Fifa). Beinahe zehn Jahre recherchieren die US-amerikanische Bundespolizei FBI, die Steuerbehörde IRS und eine Schwerpunkt-Staatsanwaltschaft für Organisierte Kriminalität das schmutzige Geschäft unter dem Schutzschirm der Fifa. 2015 sorgten zwei spektakuläre Verhaftungswellen und Sammel-Anklagen weltweit für Dauer-Schlagzeilen. 2017 kam es in Brooklyn zu einem Aufsehen erregenden Prozess, nachdem rund ein Dutzend Fußball-Kriminelle bereits vollumfänglich gestanden hatten, manche wurden zu Kronzeugen. In dieser Woche nun eine kleine Überraschung: Die Anklageschrift wurde ausgeweitet. Weiteren drei Managern aus Nord- und Südamerika, die auf krummen Wegen mit allerlei Fernsehrechten dealten (WM, Copa America, das volle Programm), drohen Haftstrafen von mehreren Jahrzehnten – wegen bandenmäßigen Betruges, Geldwäsche und Korruption. 

Die Namen Hernan Lopez, Carlos Martinez und Gerard Romy wird man schnell vergessen. Viel wichtiger ist: Es geht um die Strukturen, der gesamte Fifa-Komplex wird auf der Grundlage des RICO-Gesetzes zur Bekämpfung der Mafia abgehandelt. Da kann die Fifa, wie sie es am Dienstag in einer Stellungnahme tat, noch so oft behaupten, der Verband sei Opfer und nicht angeklagt, auch nicht unter den RICO-Act gestellt.

Es geht um globale Kriminalität

Die Fifa hat mehr als 100 Millionen Dollar für Anwaltskanzleien und Lobbyisten ausgegeben, um diesen Status zu erhalten. Im Kern aber geht es im Verfahren um globale Kriminalität unter dem Dach der Fifa. Zu den Angeklagten und teilweise bereits Verurteilten zählen ein Dutzend Mitglieder des Exekutivkomitees, ein halbes Dutzend Vizepräsidenten. Dabei kümmern sich die Amerikaner fast nur um Amerika, den Norden und Süden, und jene schmutzigen Geschäfte, die in Dollar gemacht wurden. Europa, Asien, Afrika – diese Kontinente bleiben ausgespart.

Wir haben uns im Bieterprozess streng an alle Regeln und Vorschriften gehalten. Alle gegenteiligen Behauptungen sind unbegründet und werden heftig bestritten.“

Das Supreme Committee, zuständig für die Ausrichtung der Fußball-WM 2022 in Katar über den Vorwurf, bei der Turnier-Vergabe sei Korruption im Spiel gewesen.

Zu den Mitverschwörern zählen Dutzende weitere Top-Funktionäre und Manager der Fifa. In der jüngsten Anklageschrift taucht der ehemalige Generalsekretär Jérôme Valcke als „Co-Conspirator“ auf, der aus der Fifa-Zentrale in Zürich dafür sorgte, dass der kriminelle Vizepräsident Jack Warner zehn Millionen Dollar für seine Stimme bei der Vergabe der WM 2010 an Südafrika erhielt. Beim Mitverschwörer Nummer 3 in der aktuellen Anklage dürfte es sich um Peter Hargitay handeln, den langjährigen Berater des Fifa-Präsidenten und anderer Fifa-Bosse. Er war auch für die russische WM-Bewerbung 2018 tätig und in die Schmiergeldzahlungen an Warner involviert: fünf Millionen Dollar fanden auf verschlungenen Pfaden den Weg auf Konten von zehn Scheinfirmen Warners, zumeist in karibischen Steuerparadiesen.

Drei Fifa-Größen für WM in Katar bestochen

Alles ist dokumentiert und kann den Russen erstmals nachgewiesen werden. Eine Million kassierte Fifa-Vorstand Rafael Salguero aus Guatemala. Zur WM 2022 in Katar wird in der Anklage die Bestechung von drei Fifa-Größen genannt: Ricardo Teixeira aus Brasilien sowie die verstorbenen Julio Grondona und Nicólas Leoz aus Paraguay. Teixeira und Warner, denen auch in anderen Komplexen insgesamt Bestechungsgelder in bald dreistelliger Millionenhöhe nachgewiesen werden können, entziehen sich in ihren Heimatländern erfolgreich dem Zugriff der US-Justiz.

Die US-Justizkasse hat bereits Strafzahlungen von mehr als einer Viertelmilliarde Dollar kassiert bei Schadensummen von mehreren Milliarden. Das ist ein wichtiger Aspekt des großen Fifa-Strafkomplexes, denn so amortisiert sich der gewaltige Aufwand für die USA, für das Justizministerium (DOJ), das hier federführend agiert. Der Blick auf die Finanzen ist in allen Ländern üblich, müssen Staatsanwaltschaft und Polizei lang währende Ermittlungen rechtfertigen, oft genug werden sie eingestellt, weil die Ressourcen fehlen, oft der juristische und politische Wille.

Das ist in den USA anders. Es ist ein großer Unterschied, wenn man die US-Ermittlungen mit den tapfereren, aber personell und finanziell schlecht ausgestatteten französischen Ermittlern der Finanzstaatsanwaltschaft Parquet National Financier (PNF) vergleicht, die sich mit Katar 2022, Olympia-Korruption, Tokio 2020, IOC-Mitgliedern und dem Leichtathletik-Weltverband (WA) befasst – und vergleichsweise Herausragendes leistet.

Lügen und Finten

Eine Katastrophe dagegen sind die sogenannten Ermittlungen der Schweizer Bundesanwaltschaft. In der Schweiz versandet ein peinlich bestrittenes Verfahren nacheinander, dort sind Lügen und Finten des Bundesanwalts Michael Lauber sogar in einem Prüfbericht der Justizaufsicht dokumentiert. Lauber konnte gerade so im Amt bleiben.

In der Schweiz wurde auch der Prozess um die WM 2006, das deutsche Sommermärchen, zur Lachnummer. Schließlich kristallisiert sich heraus, auch das basiert auf jenem Prüfbericht, das Laubers Behörde ab 2015 damit engagiert war, die historische Chance zu nutzen und den damaligen Uefa-Generalsekretär Gianni Infantino auf den Fifa-Thron zu hieven.

Ermittlungen gegen Infantino eingestellt?

Die spannendste Frage hierbei: Wurden Ermittlungen gegen Infantino aus Uefa-Zeiten, es ging um Fernsehrechte, eingestellt, um den Karriereweg zu ebnen? Derlei Skandale haben die US-Ermittlungen nicht zu bieten. Hier lautet die spannendste Frage: Werden die USA das Verfahren auf andere Weltverbände und das Internationalen Olympischen Komitee (IOC) ausweiten?

Anhaltspunkte gibt es genug. Mit dem mächtigen IOC-Scheich Ahmad Al-Fahad Al-Sabah und dem Vizechef des Schwimm-Weltverbandes Fina, Husain Al-Musallam, hat die US-Justiz bereits zwei Olympia-Größen als Schmiergeldzahler enttarnt. Es bleibt spannend.