BFC Dynamo gewinnt Pokalfinale gegen FC Viktoria 89: Ein echtes Gefühlschaos

Der emotionalste Moment war ausgerechnet einem vergönnt, der nicht mal mitgewirkt hatte bei diesem Berliner Pokalfinale zwischen dem BFC Dynamo und dem FC Viktoria 89. Rico Steinhauer, Kapitän des BFC, der wegen eines Kreuzbandrisses fehlte, stemmte die Trophäe in den lauen Abendhimmel. Das 3:1 nach Verlängerung bedeutete den fünften Pokaltriumph für die Hohenschönhausener nach 1999, 2011, 2013 und 2015.

All jene, die sich in der ARD den Tag der Landespokal-Finals in voller Gänze gönnten, insgesamt also 20 Amateurkicks zwischen dem Alpenvorland und der Küste, wurden für ihre Ausdauer belohnt. Denn die letzten 30 Minuten der Übertragung wurden exklusiv aus dem Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark gesendet, weil hier 120 Minuten geackert wurde. „Das war Werbung für den Amateurfußball“, fand BFC-Coach René Rydlewicz. Ein bisschen wirkte es so, als hätte er nicht so recht an einen solchen Ausgang für seine Mannschaft geglaubt, die die Regionalliga-Saison als 15. beendet hatte, nun aber nicht nur mit 100.000 Euro für die Teilnahme an der ersten DFB-Pokalrunde rechnen, sondern auch auf einen attraktiven Gegner hoffen darf.

Viktoria-Kapitän Ümit Ergirdi hatte vor dem Spiel gesagt: „Champions League können wir nie gewinnen, für uns ist der Pokal das Größte.“ Und dementsprechend gingen die Lichterfelder ins Spiel, die nach Platz vier in der Liga leicht favorisiert waren. Immer wieder kam Viktoria gefährlich zum Abschluss in der ersten Halbzeit, aber BFC-Torwart Bernhard Hendl, der nach den Verletzungen von Rico Steinhauer und Thiago Rockenbach da Silva zum Kapitän-Stellvertreter-Vertreter auserkoren worden war, parierte beeindruckend.

Die wohl beste Gelegenheit allerdings hätte der BFC haben können, die Vincent Rabiega allerdings vergab, ehe es überhaupt gefährlich wurde. Der Linksverteidiger hätte freistehend abschließend können, doch erlebte er plötzlich eine Art Chaos in der Feinmotorik, sodass der Ball nicht mal aufs Tor kam. Insgesamt machte die Mannschaft von René Rydlewicz zu wenig aus der Heimspiel-Atmosphäre. Unter den 6 690 Zuschauern waren deutlich mehr Dynamo-Anhänger.

Im Kung-Fu-Stil

Die durften in der zweiten Halbzeit aber feststellen, dass ihr Team langsam aber sicher ein wenig zulegte. Neben der einen oder anderen ansehnlichen Aktion in Richtung Viktoria-Tor gelang es dem BFC jetzt vor allem, den Radius der gegnerischen Kreativabteilung einzudämmen. Letztlich war die Verlängerung aber die logische Konsequenz dieses Kicks, der nicht „das beste Fußballspiel war, aber „viele Chancen zu bieten hatte“, wie Viktoria-Trainer Ersan Parlatan befand.

In der 96. Minute hätte man dann meinen können, dass über Nacht heimlich die Golden-Goal-Regelung wiedereingeführt wurde. Denn als Otis Breustedt für den BFC getroffen hatte, geriet nicht nur der Dynamo-Block in Wallung. Die halbe Auswechselbank spurtete einmal quer über den Platz zum Feiern. Teile der Bande, die störend im Weg standen, wurden im Kung-Fu-Stil bearbeitet.

Das Spiel dauerte dennoch 14 weitere Minuten. Und in diesen durchliefen beide Teams ein echtes Gefühlschaos. Als Ergirdi in der 111. Minute eine Überzahlsituation zum Ausgleich nutzte, schien seine Mannschaft plötzlich wieder im Vorteil zu sein. „Aber wir waren etwas zu gierig und wollten das Spiel unbedingt entscheiden“, sagte der Torschütze später. Was dazu führte, dass Kai Pröger zum Matchwinner avancierte.

In der 118. Minute eröffnete er nach einem Konter zunächst die nächste Phase der Dynamo-Ekstase, die bis in die Morgenstunden angehalten haben dürfte. Sein 3:1 durch einen sehenswerten Heber in der 120. Minute aus rund 30 Metern war zugleich der krönende Abschluss für sein Team und ihn persönlich; in der kommenden Saison wird er für Rot-Weiß Essen auf Torejagd gehen. Er sagte: „Ich weiß nicht genau, wo die Luft für diesen Endspurt noch herkam. Aber besser hätte ich mich nicht verabschieden können.“ Dennoch gab es keine Zweifel, dass der emotionalste Moment des Tages dem verhinderten Kapitän Steinhauer gehörte.