Direkt vor dem alten Stadion im Sportforum Hohenschönhausen kommt dieser Kerl auf einen zugelaufen: breites Kreuz, massiger Körper, geschorener Kopf. So muss das wohl sein beim Berliner Fußball-Club Dynamo. Der bullige Typ baut sich auf, fast Nase an Nase, fixiert prüfend sein Gegenüber – und lächelt dann entspannt. „Hallo“, sagt Volkan Uluc, 43, mit sanfter Stimme, „was kann ich für Sie tun?“

Nun, zunächst mal kann der Trainer des Berliner Oberligisten dank seiner Familiengeschichte helfen, ein paar Vorurteile abzuräumen, die auf Knopfdruck auftauchen, sobald vom BFC die Rede ist. Der Deutsche mit türkischen Wurzeln hat 2012 zum zweiten Mal beim Hauptstadtklub angeheuert, den er bereits von 2007 bis 2009 betreut hatte. Die Mission ist die gleiche geblieben: Aufstieg in die viertklassige Regionalliga. „Das wäre ungemein wichtig für den Verein“, sagt Uluc. Es geht um die Zukunft.

„Die Frage ist doch: Lebe ich in der Vergangenheit oder im Hier und Jetzt?“, sagt Klubsprecher Martin Richter, während er auf der Tribüne in die Sonne blinzelt.

Die Weinroten absolvieren ein Testspiel. Ein Ticket kostet acht Euro. Das ist ganz schön viel, aber es sind trotzdem bestimmt zweihundert Anhänger gekommen. Man trägt gern Fanshirt („Da kiekste, wa?“) und zeigt Haut bevorzugt als blaue Mustertapete. Die Tattoostudios in der Gegend müssen gut zu tun haben. Und ja, es stehen ein paar Jungs am Getränkestand, mit denen man nicht so gern Ärger hätte – wie eigentlich bei jedem Fußballklub ab einer bestimmten Größenordnung.

Dieter aus dem Senegal

Der neue Angreifer wuchtet nach einer Ecke gleich mal per Kopf den Ball ins Tor. „Dynamo! Dynamo!“, skandieren die Fans. Doch der Schiedsrichter erkennt den Treffer nicht an. Er will ein Foulspiel gesehen haben. „Dit is’ doch Rassismus“, ruft einer und erntet Gelächter. Selbstironie zählt hier zur Grundausstattung. Der nageldünne Zugang vom Torgelower SV Greif heißt Djibril N’Diaye und wurde im Senegal geboren. Er spricht nur Französisch, die Fans nennen ihn Dieter.

Es ist eine Herausforderung, sich diesem Klub nähern zu wollen. Potenzielle Gesprächspartner winken reihenweise ab. Sie haben mit den Medien schlechte Erfahrungen gemacht. Martin Richter versteht das Misstrauen: „Wenn schon unsere Achtjährigen auf dem Fußballplatz von anderen Achtjährigen als Nazi oder Stasi beschimpft werden, na dann: Prost Mahlzeit!“

Vielleicht ist bei der kindlichen Wiedergabe aufgeschnappter Stereotype auch Neid im Spiel. Die BFC-Jugendmannschaften gewinnen ziemlich oft, die Nachwuchsarbeit des Klubs gilt in Berlin als vorbildlich. „Der Verein ist ja wesentlich mehr als die Oberligamannschaft. Hier spielen mehr als 400 Aktive, wir bieten Kindern und Jugendlichen jeder Herkunft und aller Religionen in 26 Nachwuchsteams eine Heimat“, sagt Richter.

Wächst da die erste Fußballergeneration des BFC Normalo heran? „Kinder lernen schnell“, sagt Jörn Lenz. Er meint die Fortschritte der mehr als 200 Drei- bis Sechsjährigen aus 15 Berliner Kindertagesstätten, die sich im mehrfach ausgezeichneten Kitaprojekt des Klubs regelmäßig sportlich betätigen. „Es geht darum, bei den körperlichen Defiziten gegenzusteuern, die sich bei dieser Generation eingeschlichen haben. Da hapert’s oft schon mit der Rolle vorwärts“, sagt der ehemalige Spieler Lenz, der das Projekt leitet.

Für die Betreuer gibt es eine kleine Aufwandsentschädigung, für die Busse, die man anschaffen musste, keinen Sponsor. Der Klub ist arm, aber nicht unbedingt sexy. Die könnten in den Sportstunden auch lernen, „sich einzuordnen und Hilfsbereitschaft zu zeigen“, sagt Lenz. Man kämpfe „gegen die Trägheit an“. Das beschreibt die Arbeit der Verantwortlichen des BFC Dynamo in vielerlei Hinsicht ganz gut.

Bei der Präsentation der Oberligamannschaft zur neuen Saison im Vereinsheim im Sportforum ist der Zuspruch der Fans überschaubar. Die Spieler sitzen auf Barhockern an der Stirnseite des Raums vis-à-vis der Theke. Martin Richter stellt die Zugänge vor. Der Klubsprecher war einst zum BFC gekommen, um den Fanartikelverkauf anzukurbeln, bald half er beim Programmheft. Und als ihm der Job als Stadionsprecher angetragen wurde, übernahm er auch den. Seit vier Jahren ist Richter Ansprechpartner der Medien, ums Marketing kümmert er sich obendrein. „Alles ehrenamtlich.“ Normale Härte bei einem Fünftligisten.

Als Richter im Klubheim Djibril „Dieter“ N’Diaye zu sich bittet, rufen die Fans „bienvenue“ und „bonne chance“. Der Mittelstürmer bedankt sich mit einem schüchternen Lächeln. Wie alle Teamkollegen kann auch der neue Dieter am Sonntag zum Helden werden. Dann empfängt der Gewinner des Berlin-Pokals in der ersten Runde des DFB-Pokals den VfB Stuttgart im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark. „Das ist ein Riesenbonus – für die Spieler, für uns alle“, sagt Trainer Uluc. „Ich denke, dass es ein riesengroßes Fest wird. Welcher Fünftligist kann schon zehntausend Leute mobilisieren?“

Es werden auch ein paar darunter sein, die der BFC lieber nicht mobilisieren würde. „Wenn sich die Verrückten melden, dann nur zu diesen Highlights“, sagt Gerd Liesegang. Der Vizepräsident des Berliner Fußball-Verbandes bescheinigt dem Verein „schon seit Jahren“ einen positiven Trend. „Die Leute dort sind immer gesprächsbereit, offen für alle Dinge.“

Doch der Imagewandel ist eine empfindliche Pflanze, die geduldig gepflegt werden muss, während ein paar Fäuste und Stiefel sie in null Komma nichts zerquetschen können. „Die tauchen nur in dem Augenblick auf, in dem ein größeres öffentliches Interesse besteht“, sagt Liesegang über die kleine Schar gewaltbereiter Anhänger des BFC Dynamo. Falls es Ärger gibt am Sonntag beim Spiel gegen den Bundesligisten, werden Berichterstatter wieder so tief es geht in die große Kiste mit den Klischees greifen. Martin Richter kennt das schon. So wie die Beschimpfungen als „Stasi-Arschloch“. Er könnte dann wütend entgegnen, dass er aus dem Wedding stammt. Aber er tut es nicht.