BFC Germania 1888: Deutschlands ältester Fußballclub kommt aus Berlin

Berlin - Götzstraße, Alt-Tempelhof, das Vereinsheim des BFC Germania 1888. Es liegt im ersten Obergeschoss eines Gebäudes, Mehrzweckraum nennen es die Fußballer, sie teilen ihn sich mit einem Schachverein. Darin steht ein Tresen. Links davon sind Pokale aufgereiht, der älteste datiert von 1903.

An der gegenüberliegenden Wand hängen Ehrenwimpel und Glückwünsche des Deutschen Fußball-Bundes zum 100. und 125. Geburtstag. Den Rest der Geschichte bewahrt Heinz-Dietrich Kraschewski in einer gelben Postkiste auf: Spielankündigungen, Fotos, Urkunden, Medaillen, Festreden, sonstige Kopien. Knapp 129 Jahre.

Kraschewski ist selbst ein Teil dieser Geschichte. Der 65-Jährige ist seit 1964 im Verein. Fünf Jahrzehnte lang war er Torwart. Heute ist er Präsident des ältesten noch bestehenden Fußballklubs Deutschlands - und an den Wochenenden der älteste Zuschauer in der Kreisliga B, Staffel 1.

Seitdem nun finanzstarke Emporkömmlinge die oberen Fußballligen aufwirbeln, entbrennt ein erbitterter Streit zwischen Anhängern der neuen und der Traditionsvereine. Es ist die Tradition, die Legitimität zu verleihen scheint. Oder wenigstens das gute Gefühl, selbst in einer Ahnenreihe sportlicher Historie zu stehen. Doch der Verein mit der längsten Geschichte ist heute nahezu unbekannt. Dabei ist es ein Verein mit Zukunft.

Ein Schwabe als Manager

Dass sich der BFC auch den neuen Realitäten nicht verschließt, beweist Mario Puljic. Der 42-Jährige kam 2007 nach Berlin und zog in die Nähe. Erst meldete der Schwabe seinen Sohn im Verein an. Seit 2012 ist er Geschäftsführer. Der BFC ermöglicht schnelle Karrieren im Kleinen. "Hätte ich vor meinem Umzug schon vom BFC Germania gewusst, würde ich heute behaupten, nur wegen des Vereins nach Berlin gekommen zu sein", sagt Puljic.

Von anderen Vorstandsmitgliedern spricht er trotz fehlender Verwandtschaftsverhältnisse von Brüdern und Schwestern. Der BFC ist eine Familie der besonderen Art. "Mehr oder weniger Familienbetrieb", nennt es Kraschewski.

Und wie bei einer echten Familie hängen die gemeinsamen Erinnerungen gerahmt an den Wänden. Oft sind es Kopien alter Fotos, aus der Zeit, als Germania noch ein großer Name war im deutschen Fußball. So prägte der Germane Fritz Boxhammer, genannt Ette, als Verbandsfunktionär um die Jahrhundertwende die Entwicklung des DFB und damit auch des Fußballs in Deutschland. Wer in den etwas kargen Mehrzweckraum schaut, dem fällt es zunächst schwer zu glauben, dass die Fußball-Landschaft heute komplett anders aussähe, hätte es den BFC Germania nie gegeben.

Der Rest sind Anekdoten. Eine handelt davon, dass die Brüderpaare Lindner und Lorenz 1892 ihren neu gegründeten Verein ebenfalls Germania nennen wollten, es aus Respekt vor dem bestehenden BFC allerdings nicht taten. Sie entschieden sich für einen anderen Namen: Hertha.

Es gibt andere Anekdoten: jene vom Gewinn der ersten, wenngleich inoffiziellen Deutschen Meisterschaft 1890 und die vom Rekord im Dreibeinlaufen, immer noch gehalten von einem Germanen. Und die über die großen Duelle mit dem einstmals größten Konkurrenten: Viktoria 1889, später immerhin zweimal Deutscher Meister.

Zum 100. Geburtstag gratulierte Viktoria dem Klub eigens mit einer Plakette. "Ich sage es mal so: Ich bin nicht unglücklich, wenn Viktoria verliert", sagt Puljic breit grinsend. "Aber das sind nur noch Stänkereien. Da sind ja fünf Klassen dazwischen." Dass die Rivalität zumindest noch ironisch-traditionell gepflegt wird, ist verständlich. Denn wenn manche Vereine ein Hauch von Geschichte umweht, so ist es beim BFC Germania ein ganzer Sturm.

Heute klingen die großen Geschichten nahezu entrückt in Anbetracht der Wirklichkeit in der Kreisliga B. Dort liegt die erste Mannschaft derzeit auf dem zehnten Tabellenrang. "Der Aufstieg wäre was", sagt Präsident Kraschewski. Doch bisher sah es jedes Mal so aus, als bliebe der BFC eher wegen der sportlichen Geschichte statt der Leistung im Gedächtnis.

Zum Heimspiel am 15. April jährt sich der Geburtstag des altehrwürdigen BFC Germania zum 129. Mal. Für jedes Jahr des Bestehens soll sich mindestens ein Besucher auf dem Sportplatz an der Götzstraße einfinden, so der Plan. Sollte einem da selbst Amateurkick, Bier und Bulette nicht reichen, ist ein großes Stück deutscher Fußballgeschichte nicht weit vom Platz entfernt. Man findet es im ersten Stock.