In der Abenddämmerung hatte der Kannibale seine Schuhe in die Langlaufski geklickt, das Gewehr umgeschnallt, die Handschuhe übergestreift. Als sich der Sonnabend am Himmel über dem Kaukasus in lila Farben zu verabschieden begann und die Flutlichter im Biathlon-Stadion Laura langsam immer greller leuchteten, da machte sich der Kannibale auf den Weg. Fast unbemerkt zunächst, denn man hatte von Ole Einar Björndalen ja lange nichts mehr gehört. Und manch einer fragte sich: Läuft und schießt der Norweger überhaupt noch?

Er tut es. Und wie. Seine Zwischenzeiten im 10-Kilometer-Sprint ließen erahnen, dass Björndalen auch noch im Alter von 40 Jahren Freude daran hat, diejenigen, die vor ihm ankommen möchten, aufzufressen. Das tat der Mann aus Drammen dann auch. Seine Werkzeuge: Stockeinsatz, Skaterschritt, Stockeinsatz, Skaterschritt. Selbst ein Fehler im Stehendschießen hielt ihn nicht auf. Mit 1,3 Sekunden Vorsprung vor dem fehlerfreien Österreicher Dominik Landertinger und vor Jaroslav Soukop aus Tschechien gewann Björndalen die olympische Goldmedaille. Es war seine siebte – und bei diesen Spielen von Sotschi startet er noch mindestens vier Mal. Schon 1998 in Nagano hatte er als Olympiasieger einen Hang zur Unersättlichkeit, auch wenn er den Spitznamen „Kannibale“ erst später bekam.

Dieser erneute Titel hat ihn nun nicht nur zum ältesten Einzelsieger bei Olympischen Winterspielen gemacht. Er hat Björndalen auch dazu gebracht, mit Norwegens Langlauf-Idol Björn Dählie gleichzuziehen. Beide haben zwölf Olympiamedaillen gewonnen. Das Prädikat „erfolgreichster Athlet in der Geschichte der Winterspiele“ muss sich Dählie seit Sonnabend mit Björndalen teilen. „Heute habe ich ihn eingeholt, aber Björn Dählie ist trotzdem der größte Star für mich“, sagte Björndalen, „er hatte ja bei Olympia nicht so viele Disziplinen, die er gewinnen konnte, wie ich.“

Lob vom Rivalen

Als Björndalen aufs Siegerpodest gerufen wurde, riss er die Arme hoch. Er beugte seinen Oberkörper weit nach hinten und schrie seine Begeisterung in die russische Nacht. „Letztes Jahr hat jeder über ihn geredet und alle sagten, dass es Zeit für ihn wäre, aufzuhören. Aber ich war einer von denen, die an ihn geglaubt haben. Nun hat er allen Menschen den Mund gestopft, die ihn sich über ihn zerrissen haben“, sagte der französische Biathlet Martin Fourcade. Er war als einer der Favoriten ins Rennen gegangen, aber nach einem Fehler im Liegendschießen reichte es für ihn nur zu Platz sechs.

Was soll man nun von dieser Überraschung halten? Wie hat es der Kannibale in seinem Alter geschafft, junge Kollegen wie Emil Hegle Svendsen, der Neunter wurde, auf zehn Kilometern ganze 29 Sekunden abzunehmen? Simon Schempp, der Weltcupsieger von Antholz kam ohne Schießfehler als bester Deutscher gar erst als 15. ins Ziel. Allein im letzten Teilstück hatte auch Fourcade noch einmal vier Sekunden auf Björndalen verloren, am Ende waren es mehr als zwölf.

Knapp eine Stunde nach seinem Sieg saß Björndalen in den Katakomben der Laura-Arena und wirkte seltsam emotionslos. „Meine Ski waren sehr gut heute. Ich habe ihnen vertraut“, sagte er. Seine Teamkollegen vermuteten, zum Feiern der Medaille werde er wohl später noch auf den Ergometer steigen.

In dieser Saison hatte Björndalen einige Weltcups ausgelassen, um sich auf Olympia zu konzentrieren. Und als ihn die norwegische Teamleitung bei seinen sechsten Spielen zum Fahnenträger vorschlug, lehnte Björndalen nach Kannibalenmanier ab: „Ich fühle mich geehrt, und es ist egoistisch, Nein zu sagen. Aber ich habe am nächsten Tag einen Wettkampf, und das sind meine letzten Olympischen Spiele.“

"Es ist lange her, dass ich gewonnen habe"

Das Scheinwerferlicht ließ ihn blass aussehen. Aber wie 40 wirkte er selbst nach den Anstrengungen des Sprintrennens nicht. „Ich habe harte Jahre mit einigen Problemen hinter mir. Es ist lange her, dass ich gewonnen habe“, sagte er. „Der Sieg bedeutet mir viel.“

Die Probleme hatten mit einem Holzklotz begonnen. An dem hatte er sich verhoben. Der Rücken schmerzte, die Bandscheiben waren lädiert. Lange plagte ihn ein Infekt. Außerdem trennte er sich voriges Jahr von Nathalie Santer, einer früheren Biathletin aus Südtirol, mit der er sechs Jahre lang verheiratet war. Grund dafür, so tuschelten sie in der Biathlonszene, sei eine Liaison mit der weißrussischen Biathlon-Weltmeisterin Darja Domratschewa. Trotzdem blieb Björndalen in Obertillach, Osttirol wohnen.

Dort standen im Oktober 2012 ein paar Dopingkontrolleure vor seiner Tür. Aber Björndalen war nicht da. Die Kontrolleure fanden ihn nicht. Der Kannibale, der bekannt dafür ist, die Perfektion zu perfektionieren, und der immer einen Staubsauger zu seinen Rennen mitschleppt, um die Teppiche im Hotelzimmer von Viren und Bakterien zu reinigen, entschuldigte sich für das Vergehen und behauptete: „Es wurde durch meine Schlampigkeit verursacht.“ Seit wann neigen Kannibalen zur Schludrigkeit?