Die Szene war typisch für Magdalena Neuner. Während sie Mitte Januar beim Biathlon-Weltcup in Nove Mesto auf den Start des Verfolgungsrennens wartete, legte sie zur Stadionmusik ein flottes Tänzchen aufs Schneeparkett. Die Darbietung erinnerte ein bisschen an die Disco-Einlagen der extrovertierten Tennisspielerin Andrea Petkovic. Nur pflegt die erst zu tanzen, wenn sie gewonnen hat.

Dass Neuner danach auf die falschen Scheiben schoss und so den Sieg verspielte, war jedoch sicher nicht auf die übermütige Ouvertüre im Startraum zurückzuführen, von solchen Äußerlichkeiten lässt sich die 25-Jährige längst nicht mehr beeinflussen. Den anderen deutschen Biathletinnen, die begeistert in die Let’s-Dance-Show der Kollegin einfielen, hätte hingegen ein bisschen mehr Konzentration vor dem Start gut getan. Sie schossen zwar auf die richtigen Scheiben, nur getroffen haben sie eher wenig.

Talent zur Lockerheit

Nicht jeder hat eben ein Talent zur Lockerheit, wie es Neuner bereits bei ihren ersten Auftritten im Weltcup Anfang 2006 an den Tag gelegt hatte.

Geärgert hat sie sich natürlich trotzdem über das Missgeschick am Schießstand, man darf Unbeschwertheit in ihrem Fall keinesfalls mit mangelndem Ehrgeiz verwechseln, angeblich flossen sogar ein paar Tränen in der Kabine. Wenig später, als sie Presse und Fernsehen den Lapsus erläuterte, hatte sie jedoch längst wieder ihr Markenzeichen präsent, jenes freundliche Magdalena-Neuner-Lächeln, das sie offenbar abrufen kann wie andere Leute Blinzeln oder Naserümpfen.

Doch als Neuner im vergangenen Dezember am Rande des Weltcups in Hochfilzen unvermittelt, wenn auch nicht wirklich überraschend, ankündigte, dass die am Mittwoch in Ruhpolding beginnende Weltmeisterschaft ihre letzte sein würde und sie nach Ende dieser Saison zurücktreten werde – da wurde deutlich, dass die immerwährende Fröhlichkeit, die allzeitige Verfügbarkeit, das nie nachlassende Interesse an ihrer Person einen hohen Tribut gefordert haben.

„Ich möchte Normalität“

„Ich hatte ein seltsames, anstrengendes Leben in den letzten fünf, sechs Jahren“, sagt sie jetzt. Ein Leben, das sie gründlich satt hat. „Ich möchte Normalität“, erläutert sie ihren Rücktritt, „bei den Freunden, bei der Familie sein, nicht die ganze Zeit durch die Welt reisen.“

Wenn sie so redet, klingt sie wie ein Schiffskapitän, der Jahrzehnte auf hoher See verbracht hat und sich nun nach einem stillen Hafen sehnt, in dem er endlich Ruhe findet.Dieses Phänomen ist nicht ungewöhnlich bei Spitzensportlerinnen, die sich oft seit früher Kindheit um nichts anderes als ihren Sport gekümmert haben.

Die frühere Tennisspielerin Lindsay Davenport sagte einmal, wenn man unablässig herumgereist wäre, seit man 13 Jahre alt war, fühle man sich mit 25 sehr viel älter, als es der tatsächlichen Zahl der Jahre entspräche. Martina Hingis, Kim Clijsters, Justine Henin sind Beispiele für Athletinnen, die Konsequenzen aus dieser Situation zogen und ähnlich früh wie Magdalena Neuner ihre Sportkarrieren beendeten.

Jedoch vermissten die tennisspielenden Kolleginnen alle irgendwann das Rampenlicht und kehrten zurück.