Lucas ist auf Sightseeing-Tour in Deutschland. Frankfurt am Main, Nürnberg, München, Augsburg. Alles mit dem Rad. Das ist ganz normal für den jungen Australier. Alles keine Entfernungen für einen, der sich jahrelang als Fahrradkurier verdingt hat. Nur für den letzten Trip von Südwestbayern bis nach Berlin hat Lucas die Bahn vorgezogen.

In der deutschen Hauptstadt hat der sportliche Mittdreißiger an diesem Sonnabend ein außergewöhnliches Ausflugsziel auserwählt: nicht die Museumsinsel, nicht den Ku’damm, nicht das Brandenburger Tor, sondern – die Zachertstraße in Lichtenberg. Dort trainiert auf einem kleinen Kiez-Sportplatz jeden Sonnabend eine ganz besondere Spezies der Fahrradkuriere: die Bike-Polo-Community, wie sich die rund 30 besessenen Fahrradfreaks nennen. Ihnen reicht das Zweirad allein zum Austoben nicht. Es gehören auch noch ein Schläger und ein Ball dazu, dem sie auf dem Bike und mit viel Speed hinterherjagen, um ihn in ein kleines Tor zu bugsieren.

Bike Polo ist ein gutes Beispiel dafür, dass es für den Sport in einer Stadt wie Berlin nicht immer einfach ist, seine Nische zu finden. Die Bike-Polo-Szene musste nach Lichtenberg umsiedeln, ihre angestammte Nische in Kreuzberg verlassen, weil sich Anwohner gestört fühlten von dem temperamentvollen Treiben. Jetzt, in ihrer Ecke im Zachertstadion ist die Gefahr gebannt, einer Gentrifizierung weichen zu müssen, einem genervten Immobilienbesitzer oder Gewerbetreibenden, einem neuen Wohnkomplex. Hier sind sie willkommen.

Organisation über Facebook

Als Lucas an diesem Sonnabend auf dem Lichtenberger Bike-Polo-Court erscheint, muss er Hände schütteln. Denn er trifft viele Freunde wieder: Martin zum Beispiel, der auf seinem roten T-Shirt seine Passion offen zur Schau trägt: „Make Bike Polo great again.“ Oder Danny, „Bambule-Danny“, wie auf seinem Shirt zu lesen ist. Bambule ist seit vielen Jahren eines der gefürchteten Teams in der Szene. Logisch, dass auch Bambule-Nico erschienen ist, Dannys Teamgefährte. Den nötigen dritten Mann – oder die Frau – holen sie sich spontan ins Team oder lassen sie sich bei Turnieren zulosen. Enrico, der Italiener, ist an diesem Sommertag erschienen. Wie Jasper, Andy, Thomas, Frieda und andere. Ihre Berufe sind: Grafikdesignerin, Lagerist, Getränkehändler, Lehrer, Filmproduzent, IT-Experte.

„Hier vorbeizukommen, ist ein Muss für mich“, sagt Lucas, der Stadtplaner aus Melbourne. Von 2012 bis 2013 hatte er in Berlin gewohnt. Seither ist der Kontakt nie abgebrochen. „Wir sind eine große Familie weltweit“, sagt er. Überall auf seinen Stationen in Deutschland habe er ein Quartier bei einem Bike-Polo-Spieler gefunden. „So ist das üblich bei uns“, sagt er. „Wir schreiben uns kurz via Facebook an, und schon ist die Übernachtung gesichert. Kommt jemand aus Berlin nach Melbourne, dann klappt das genauso.“ Ein Vorzug, den viele schätzen und nutzen. „So kann man immer preiswert reisen“, sagt Frieda. Derzeit ist ihr Freund auf Bike-Polo-Tour in den USA, die er sich ohne Quartiermanagement kaum hätte leisten können.

Das Training beginnt, wenn auch etwas merkwürdig. Die Spieler nehmen ihre Schläger und werfen sie auf einen Haufen. Dann fischt Martin einen Schläger nach dem anderen heraus, ohne dabei hinzusehen. Drei Schläger und ihre Besitzer bilden jeweils ein Team. Shuffeln nennen sie das. Die ersten beiden Teams betreten den asphaltierten Court. Eine etwa 50 Zentimeter hohe Bande sorgt dafür, dass der Streethockeyball, mit dem sie spielen, nicht permanent ins Aus rollt. Links und rechts stehen zwei Tore, ähnlich groß wie beim Eishockey.

Noch immer weitgehend unbekannt

Das Startkommando: „Eins, zwei, drei – Polo!“ Das Spiel beginnt. Drei gegen drei. Jeder mit Schläger und Helm ausgerüstet, die meisten auch mit Schonern an Beinen und Armen. Gespielt wird pro Match nach Vereinbarung, in der Regel zwischen fünf und 30 Minuten. Es geht im hohen Tempo und mit akrobatischem Geschick hin und her. Niemand darf mit dem Fuß den Boden berühren, ansonsten muss er an den Rand des Feldes fahren und mit dem Schläger eine vereinbarte Stelle an der Bande berühren. Dadurch ist er für Sekunden aus dem Spiel.

Sie sind wendig und schnell. Die Besten wie Danny erreichen bis zu 40 Stundenkilometer bei einem Antritt. Es dauert schließlich nicht lange, dann zappelt der Ball an diesem Trainingstag das erste Mal im Netz.

Bike Polo ist noch immer weitgehend unbekannt, dabei hat es Tradition. In Irland wurde das Spiel 1891 erfunden, 1908 bei den Spielen in London auf seine Olympia-Tauglichkeit getestet, aber nicht für gut befunden. Im Jahr 2000 wurde es in den USA neu entdeckt. Fahrradkuriere überbrückten damit ihre Pausen. Das rasante Spiel verbreitete sich schnell weltweit. In Deutschland gibt es Schätzungen zufolge 200 Spieler, in Berlin rund 30. 2006 trafen sich die Bike-Polo-Pioniere erstmals regelmäßig am Kreuzberger Wassertorplatz.

Deutsche Meisterschaft in Hannover

Heute sind die Spuren der radelnden Torjäger verschwunden. Das ehemalige Spielgelände, einst ein Asphaltplatz, ist mit Gras zugewachsen. Anwohner erinnern sich gut an die Exoten mit Rad und Schläger. „Die haben hier jeden Mittwochabend stundenlang gespielt“, sagt ein junger Mann, der in der Nähe des kleinen Parks wohnt. Doch dann habe man sie davongejagt. Vor allem den Gästen der benachbarten Restaurants und Cafès gefiel das lautstarke Treiben nicht.

Nico vom Team Bambule weiß warum. Er gehörte nämlich neben Danny und Martins Bruder Stefan zu den Bike-Polo-Pionieren am Wassertorplatz. „Wir hatten ständig Ärger mit den Restaurantbesitzern, weil manches Mal auch ein Ball auf den Tischen der Gäste gelandet war“, sagt er süffisant.

Doch was für Nico viel wichtiger war: „Dort haben wir zum ersten Mal Rakete geschlagen“, sagt er. Rakete? „Das war damals eines der besten Teams“, erklärt er. Bis die Zeit von Bambule Berlin begann. 2011 belegten Danny und Nico mit ihrem damaligen dritten Partner sogar den zweiten Platz bei den Deutschen Meisterschaften, 2014 waren sie Dritter. Hinzu kam ein siebter Rang bei der EM 2011 in Genf und Platz 13 bei der WM 2010 in Berlin. In diesem Jahr wollen sie wieder weit nach vorn. „Wir haben einen neuen dritten Partner gefunden“, sagt Nico Szemek blitzschnell. „Mit ihm zusammen wollen wir noch mal was reißen.“ Die erste Gelegenheit dazu hatten sie am Wochenende beim Berlin-Mixed-Turnier auf dem Tempelhofer Feld. Ende August folgt die Deutsche Meisterschaft in Hannover.

„Das ist hier alles total zwanglos“

Vieles habe sich seit den Anfängen 2006 verändert. „Die Schläger hatten wir uns selbst aus abgesägten Skistöcken, Hochdruck-Wasserrohren oder Bambusstöcken aus dem Gartenbaumarkt zusammengebaut“, erinnert sich Martin, der als Lehrer in Frankfurt/Oder arbeitet. Die Räder wurden umgebaut. Ohne Schnörkel. Extras, die Gefahren bedeuten, gibt es nicht. Rahmen, zwei Räder, Kette und Bremse müssen reichen. „Heute ist das nicht mehr nötig, denn es gibt alles bei Bike-Polo-Spezialisten fertig zu kaufen“, sagt Martin. Selbst spezielle Räder, die mit 26 Zoll und engeren Radabständen für dieses Spiel entwickelt wurden.

Aus der losen Truppe wurde inzwischen eine Sparte der Radfahrervereinigung Berlin 1888. „Darüber sind wir alle froh“, sagt Martin. Denn nach ihrem Rauswurf in Kreuzberg waren die Spieler viele Jahre lang auf der Suche nach einer geeigneten Spielstätte. „Jetzt haben wir sie in Lichtenberg gefunden.“ Zudem finanziere der Verein viele Turniere vor, was ebenfalls hilfreich sei. Ihre Autonomie hätten sie deshalb nicht verloren. „Wir sind nach wie vor unsere eigene Community und haben unsere eigenen Regeln.“

Jeder könne zum Training kommen, ob Mitglied oder nicht. Und jeder könne Turniere spielen, es aber auch sein lassen. „Das ist hier alles total zwanglos“, findet Frieda. „Es macht einfach viel Spaß, hier Bike Polo zu spielen.“ Schöner Nebeneffekt: Heute beherrscht die junge Grafikdesignerin, wie sie sagt, ihr Fahrrad viel besser, als noch vor zwei, drei Jahren. Vor allem aber habe sie durch das Bike Polo „viele tolle Menschen kennengelernt“. Einer davon ist heute ihr Freund.