Eine Saison ist nie zu jung, um alte Weisheiten zu zitieren. Der Angriff gewinnt Spiele, die Abwehr Meisterschaften, ja genau. Nur Dynamo Dresden hat in den ersten fünf Zweitligapartien noch ein Gegentor mehr kassiert als der 1. FC Union (neun). Irgendwas stimmt also nicht, und bei den Eisernen ist man sich einig, dass sich sofort etwas verändern muss, damit Freitagabend gegen Eintracht Braunschweig (18.30 Uhr) ein Heimsieg gelingt. Aber was?

In der Zeit, aus der eingangs zitierte kluge Spruch stammt, waren die Rollen klar verteilt. Der Angriff griff an und die Abwehr wehrte ab. Die jeweiligen Mitglieder der beiden getrennten Mannschafsteile begegneten sich vorwiegend in der Kabine bei der Traineransprache, auf dem Platz mischte man sich selten in das fremde Aufgabengebiet ein.

„Das Problem ist nicht die letzte Reihe gewesen“

Das ist heutzutage natürlich ganz anders. Der Mittelstürmer ist Unions erster Verteidiger und das Spiel wird nicht mehr im offensiven Mittelfeld gemacht, sondern am eigenen Strafraum − von den Innenverteidigern. Bei gegnerischem Ballbesitz sind alle Abwehr, bei eigenem Ballbesitz alle Angriff − diese moderne Arbeitsteilung erschwert die Gegentorursachenforschung erheblich.

Trainer Jens Keller wollte entsprechend auch nichts wissen von einfachen Schuldzuweisungen, obwohl in Düsseldorf die Fehler vor den Gegentreffern individueller Natur waren. Zumal es ihm um die Frage ging, warum das Offensivspiel nicht so recht ins Rollen gekommen war. Antwort: „Wenn sich im Zentrum und vordersten Bereich keiner bewegt, wird es hinten schwierig.“ Es sollte bloß keiner meinen, dass die zuletzt aufgrund von Verletzungen zweimal umgebaute Abwehrreihe schuld an irgendeiner Art von Defensiv- oder Offensivmisere sei. „Das Problem ist nicht die letzte Reihe gewesen.“

Fehlende Abstimmung

Das Abwehrproblem ist dieser Logik folgend ein Angriffsproblem. „Die Tore fallen zu einfach. Das darf so nicht passieren“, sagt Rechtsverteidiger Christopher Trimmel. Auch er denkt dabei aber eher an das verbesserungswürdige Spiel mit Ball als an das dagegen. „Man sucht die Mischung“, sagt er. Und: „Auch wenn wir die ersten Spiele gewonnen haben, sind wir mit der Spielweise nicht zufrieden.“ Keller will sich nämlich mit Union nicht in die Bundesliga verteidigen, sondern sich ganz profan raufschießen. Union agiert getreu der Überzeugung: Wenn der Angriff läuft, steht die Abwehr weniger unter Druck.

Entscheidend ist dabei die Verknüpfung zwischen vorne und hinten, also das Mittelfeld. Hier zeigt sich, dass die Flexibilität doch so ihre Tücken hat. In keinem der fünf bisherigen Spiele war das Gebilde aus Abwehrreihe und Mittelfeldzentrum gleich. Entweder wurde das Personal (teils verletzungsbedingt) oder die taktische Formation verändert. Das erklärt die Löcher in der Rückwärtsbewegung wie gegen Kiel und Probleme bei der Anspielstationensuche wie in Düsseldorf schon ein bisschen, auch wenn alle Beteiligten immer wieder betonen, dass in dem breit aufgestellten Kader jeder jeden ersetzen kann.

Die Fähigkeiten sind durchaus vorhanden

Die individuellen Fähigkeiten sind durchaus vorhanden, doch dass jeder nahtlos in eine andere Rolle schlüpfen kann, so weit ist Union dann eben doch nicht. Aber die Saison ist ja noch jung, und der Start trotz der liegen gelassenen Zähler verhältnismäßig gelungen. „Es ist kein Zufall, dass wenn wir insgesamt nicht gut spielen, trotzdem Tore machen und in Führung gehen“, sagt der offensiv denkende Abwehrmann Trimmel.

Holt Union gegen den Aufstiegsmitfavoriten Braunschweig nun drei Punkte, wäre der Saisonstart sogar ein guter. Damit gegen den bislang zweitbesten Verteidigungsverbund (fünf Gegentore) nichts schiefläuft, hat Keller diese Woche im Training auf die Aggressivität geachtet. „Wir haben es nicht akzeptiert, wenn die Spieler den letzten Schritt nicht gemacht haben“, sagt er. Die Gier, den Ball zu erobern, hat er geschürt und darauf verwiesen, dass nicht der Kopf, sondern das Herz über den Ausgang entscheidet. Die Abwehr soll die Zweikämpfe gewinnen, um alles andere kümmert sich der Angriff.