Auf dem Rasen von Wimbledon fühlte sich Billie Jean King besonders wohl.
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BerlinDie Tür ging auf, und Hollywood füllte den nüchternen, unterkühlten Interviewraum mit Licht und Flair. Ein paar Tage vor der Premiere des Spielfilms „Battle of the Sexes“ gaben sich dessen Regisseure und diverse Schauspielerinnen und Schauspieler bei den US Open die Ehre, darunter Elisabeth Shue und Emma Stone, die Hauptdarstellerin. Doch schon ein paar Momente später rückte eine ältere Frau im lilafarbenen Sakko mit farblich passender Brille in den Mittelpunkt, die ohne Punkt und Komma redete, Billie Jean King. Sie trug ihr Thema mit Leidenschaft vor, so wie immer und überall, wenn ihr Dinge am Herzen liegen, und es gibt nicht viel, was nicht in diese Kategorie fällt.

Serie

Der Sport ist kein Perpetuum mobile, das sich aus Selbstzweck dreht. Ein Virus lehrt uns das. Nehmen wir uns also die Zeit: Für Geschichten, die oft hinter dem Offensichtlichen zurückstehen. Serie, Teil 25: Billie Jean King

Billie Jean Moffitt kam am 22. November 1943 in Long Beach/Kalifornien in einer sportbegeisterten Familie zur Welt. Schon mit fünf, so geht die Sage, habe sie ihrer Mutter beim Abwasch erklärt, sie werde was Großes aus ihrem Leben machen, und genau das schaffte sie. In den 24 Jahren zwischen ihrem Turnierdebüt 1959 und dem letzten offiziellen Ballwechsel im Sommer ’83 gewann die Amerikanerin mit den markanten Brillen 129 Titel im Einzel; 62 als Amateurin und 67 in der Profizeit, die ersten unter ihrem Mädchennamen Moffitt, die Mehrzahl nach der Heirat 1965 als Billie Jean King. Sie sammelte 39 Titel bei Grand-Slam-Turnieren – zwölf im Einzel, 16 im Doppel und elf im Mixed –, und besonders erfolgreich war sie in Wimbledon mit 20 Trophäen, sechs im Einzel, zehn im Doppel, vier im Mixed. Als sie im Sommer 1983 in Birmingham den letzten der insgesamt 129 gewann, war Billie Jean Kings 40. Geburtstag weniger als vier Monate entfernt. Im Doppel machte sie noch ein paar Jahre weiter, bis kurz vor ihrem 47. Geburtstag. Eckdaten einer grandiosen Karriere, einer der größten des Tennis.

King setzt sich für Gleichstellung ein

Aber sie kämpfte nicht nur auf dem Platz mit Leidenschaft und List, auf die gleiche Art setzte sie sich für die Gleichstellung auf vielen Ebenen ein. Als die Ära des Profitennis 1968 begann, lagen die Preisgelder der Frauen sehr deutlich unter denen der Männer. Billie Jean King fand das skandalös und holte zum Gegenschlag aus. Gemeinsam mit ihrer langjährigen Doppelpartnerin Rosie Casals und sieben weiteren Spielerinnen gründete sie eine eigene Tour, den Virginia Slims Circuit, unterstützt von der Herausgeberin eines Tennis-Fachmagazins.

Aber es war ihr längst klar, dass mehr passieren muss. Um das Männertennis unterhalb der Ebene der Grand-Slam-Turniere kümmerte sich seit 1972 die ATP (Association of Tennis Professionals), King setzte nun alles daran, eine schlagkräftige Organisation für die Frauen zu formen. In der Woche vor dem Beginn des Wimbledonturniers 1973 trommelte sie 62 Kolleginnen in einem Hinterzimmer des Londoner Gloucester Hotel zusammen, um die Dinge in Gang zu bringen.

Beim Versuch, die Männer von den Vorteilen einer gemeinsamen Organisation zu überzeugen, hatte sie sich vorher eine Abfuhr geholt; einer der Kollegen ließ wissen, um Frauen beim Tennisspielen zuzusehen, würden die Leute nicht mal auf die andere Straßenseite gehen, wenn der Eintritt nur zehn Cents kosten würde. Über den Namen dieses Spielers breitet King bis heute den Mantel des Schweigens aus, über die grundsätzliche Ignoranz der Männer, die nicht an einer gemeinsamen Organisation interessiert sind, regt sie sich immer noch auf. „Sie (die ATP) wollen uns immer noch nicht. Aber eines Tages – ich weiß nicht, ob ich den noch erleben werde – werden sie erkennen, dass es besser gewesen wäre, von Anfang an zusammenzuarbeiten.“

Die Versammlung im Gloucester Hotel brachte das erhoffte Ergebnis; nach stundenlangen Diskussionen präsentierte Billie Jean King der Welt die Women’s Tennis Association, kurz WTA. Ihre Vision, irgendwann solle jede gute Spielerin in der Lage sein, den Lebensunterhalt mit Tennis zu verdienen, ist 47 Jahre nach der Gründung weit übertroffen. Die US Open folgten noch im gleichen Jahr der Forderung der WTA nach gleichem Preisgeld für Männer und Frauen, die anderen Grand-Slam-Turniere zogen allerdings erst später nach, die Australian Open im Jahr 2000, Roland Garros und Wimbledon 2007.

Kampf der Geschlechter

Aber 1973 holte King nicht nur zum Schmetterball hinter verschlossenen Türen wie in London aus, ein paar Wochen später zog sie die ganze Welt in ihren Bann. Im Kampf der Geschlechter spielte sie am 20. September vor 30 472 Zuschauern im Astrodome zu Houston/Texas und geschätzt 50 Millionen Zuschauern vor den Fernsehschirmen weltweit gegen den 55 Jahre alten Landsmann Bobby Riggs, Wimbledonsieger des Jahres 1939. Im Mai hatte Riggs gegen die damalige Nummer eins des Frauentennis, Margaret Court, klar gewonnen, und im Vorfeld der Partie gegen King hatte er mit allerlei Machogebahren wissen lassen, er werde natürlich auch diese Partie gewinnen.

Billie Jean King sah in diesem Spiel aber mehr als nur ein Spektakel. „Es war eine Zeit, in der Frauen nur sehr restriktiv Zugang zu Bildung hatten, nur etwa fünf Prozent der weiblichen Bewerber schafften den Sprung nach Harvard. Es war damals nicht einmal selbstverständlich, dass Frauen Sport treiben“, beschrieb sie die Zeit mal in einem Interview mit der FAZ. „Auch das Frauentennis stand erst an seinem absoluten Anfang. Wir wollten es etablieren. Durch das Match von Bobby und mir ist das Geschlechterbild in den Vereinigten Staaten vollkommen neu definiert worden. Es ging deshalb an diesem Tag im September 1973 nicht nur um Tennis, es ging um sozialen Wandel.“

King gewann das Spiel in Texas in drei Sätzen, aber an jenem Nachmittag im Interviewraum der US Open sagte sie, der Film, in dem es auch um ihre inneren Kämpfe ging, habe eine wichtigere Botschaft. „Falls er dazu beiträgt, dass sich nur ein einziger Mensch wohler in seiner Haut fühlen kann, dann haben wir eine Menge erreicht.“ Sie selbst brauchte nach dem Spiel mit Riggs noch einige Jahre, bis sie 1981 als eine der ersten prominenten Sportlerinnen als homosexuell outete.

Sie engagierte sich damals, und sie tut es noch heute; auch mit Mitte 70 wird diese Frau nicht müde, für gleiche Rechte und soziale Akzeptanz in den Ring zu steigen. BJK ist auf allen Ebenen präsent, immer mittendrin, jung im Herzen und in den Gedanken. Kaum ein wichtiges Ereignis, zu dem sie nichts zu sagen hätte, und selbst die nicht ganz so wichtigen Dinge finden ihren Platz. Natürlich bedankte sie sich neulich bei der Spielwarenfirma Mattel, die ihr eine Barbie gewidmet hatte; es sei eine Ehre, nach Florence Nightingale und Ella Fitzgerald die nächste in der Reihe zu sein. Kürzlich meldete sich eine Amerikanerin im sozialen Netzwerk mit einer kleinen Geschichte, die sehr schön beschreibt, wie Mrs. King denkt. Als sie vor Jahren bei einem Prominenten-Turnier von einem Vater um ein Autogramm für die Tochter gebeten wurde, sah sie die Kleine an und sagte: „Ich unterschreibe nur, wenn du mich selbst darum bittest; du kannst dich doch nicht für den Rest deines Lebens auf die Männer verlassen.“