Vor dem Kabinentrakt im Degewo-Stadion in Gropiusstadt kleben fleißige Hände die goldfarbigen Helme der American Footballer von Berlin Thunder mit dem Sponsorenlogo eines Food-Start-ups. Gleich beginnt das Training. Björn Werner, 31, groß, breite Schultern, Jeans, rotes Poloshirt, rote Turnschuhe, den Vollbart akkurat kurz, begrüßt seine Mitarbeiter mit Handschlag. Der frühere NFL-Profi der Indianapolis Colts hat seit vorigen September bei dem Berliner Football-Team das Sagen, das jetzt in die zweite Saison der neuen European League of Football (ELF) startet.

Herr Werner, am Sonntag beginnt für Berlin Thunder (15 Uhr bei den Hamburg Sea Devils) die zweite ELF-Saison. Sind Sie bei Thunder mehr Sportdirektor, mehr Team-Besitzer oder eher eine Art Coach und Kumpel?

Ich glaube, eine Mischung von allem. Ich bin Gesellschafter. Ich bin offiziell der Sportdirektor, mag diesen Titel aber gar nicht. Ich bin einfach ein involvierter Gesellschafter, der das Football-Know-how mit reinbringt. Nicht viele haben auf dem höchsten Niveau gespielt in dieser Sportart und ich glaube, das hilft extrem. Obwohl ich so was ja auch noch nie gemacht habe: ein Team aufgebaut.

Das Team wurde schon vorige Saison aufgebaut.

Ja, aber jetzt war es ein kompletter Rebuild. Ich wollte meinen Touch raufpacken. Ich habe den Support der anderen Gesellschafter. Das hatte letztes Jahr gefehlt. Ich habe eine neue Geschäftsführerin reingebracht: Diana Hoge. Das halbe Team wurde ausgetauscht. Es gibt neue Coaches. Du merkst diesen kompletten Schwung von neuer Energie. Im ersten Jahr der ELF war natürlich alles nicht so einfach.

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Zur Person

Björn Werner, 31, wuchs in Wedding und Reinickendorf auf, spielte bei den Berlin Adlern und wagte den Schritt auf die Salisbury Highschool in den USA. Im College-Team der Seminoles (Florida State University) machte der Defense-Spieler auf sich aufmerksam. 2013 wurde er in der ersten Runde des Drafts der National Football League (NFL) als 24. Spieler von den Indianapolis Colts ausgewählt – und ist seither der einzige deutsche First-Round-Pick. Im Januar 2017 gab er sein Karriereende wegen massiver Knieprobleme bekannt. Zurück in Deutschland wurde er als Football-Experte im TV und im Podcast „Football-Bromance“ aktiv. Seit September 2021 ist er Miteigentümer bei Berlin Thunder aus der European League of Football. Werner lebt mit seiner Familie im Norden Berlins.

Warum haben Sie als Berliner, der nach der NFL-Karriere zurückgekommen war, nicht von Anfang an in das neue Team investiert?

Ich wurde von der Liga schon letztes Jahr gefragt, ob ich involviert sein möchte. Da habe ich gesagt: Nein, ich gucke es mir erst mal an. Mein Business-Partner Patrick Esume ist ja der Commissioner der Liga. Er hat das mit Zeljko Karajica und der SEH-Gruppe gegründet. Wir sind ja im täglichen Austausch. Ich wollte nicht einsteigen, weil meine Frau schwanger war mit dem dritten Kind. Ich sagte, das ist eine zu große Aufgabe, während ich gerade warte, dass mein Sohn erst mal gesund und munter geboren wird. So habe ich mir alles erst mal aus der Ferne angeschaut.

Und?

Die Berlin Thunder waren leider nicht top letztes Jahr. Sie waren mit einem anderen das schlechteste der acht Teams. Jetzt sind wir ja schon zwölf Teams in der Liga. Deswegen mussten wir viel Arbeit in die Strukturen stecken. Das war das Allerwichtigste. Du kannst nicht von einem Football-Team erwarten, dass es gewinnt, wenn nicht mal die Strukturen da sind. Wir denken, wir haben einen wundertollen Job gemacht.

Was ist anders geworden?

Der Spirit. Die Leute haben jetzt Lust. Es geht am Wochenende gleich gegen das Top-Zwei-Team der ELF los. Hamburg hat letztes Jahr nur ein Spiel verloren – im Finale. Da erwarten wir 4000 Fans in einem Stadion für 5000. Das gibt gleich eine schöne Atmosphäre für die Jungs. Ich bin schon gespannt, wie sie damit klarkommen. Viele hatten so was ja noch nicht.

Vorige Saison hatte Thunder keinen festen Trainingsplatz, keine Basis in der Stadt. Ist das Zuhause jetzt an der Lipschitzallee?

Ja, das Sportamt Neukölln hat uns erlaubt, das hier als Trainingsstätte zu nutzen. Darüber sind wir sehr, sehr dankbar. Wir haben da eine schöne Vereinbarung, dass wir was zurückgeben im Brennpunkt Neukölln. Es gibt viele Initiativen, wo wir den Football-Touch reinbringen statt immer Fußball. Da hatten sie Lust drauf, weil sie sehen, dass American Football wächst in diesem Land.

Was für Initiativen?

Christopher Kuhfeldt, unser Defensive Coordinator, war mit drei Spielern bei einer Grundschul-AG. Sie haben erklärt, was Football ist. Sie hatten Dummys dabei, Equipment, haben die Kinder Drills laufen lassen, damit sie in den Sport reinkommen, den Football werfen. Das ist neu für viele junge Menschen. Unser Ziel ist ja generell – auch für mich im Fernsehen –, dass wir mehr Football-Fans heranwachsen lassen. Die erste Berührung als Kind ist ja in Deutschland immer der Fußball. Aber vielleicht mag nicht jeder Fußball. Auch der kleine dicke Junge kann bei uns Football spielen. Der lange Lulatsch muss nicht nur Basketball spielen. Wir haben immer für jede Körpergröße eine Position.

Hat Ihnen Ihre Popularität als früherer NFL-Profi bei der Verpflichtung neuer Spieler geholfen?

Leider funktioniert das mit dem Rekrutieren nicht so. Das liegt am Salary Cap in der Liga. Jedes Team hat einen Deckel, wie viel es ausgeben darf. Nur weil ein Team mehr Geld hat, heißt es nicht, dass es die besten Spieler holen kann. Es kommt darauf an: Was kannst du den Spielern abseits des Feldes bieten? Hast du coole Facilitys? Coole Sponsoren, wo du einfach eine geile Zeit hast, wenn du nach Berlin kommst? Man darf nicht vergessen: Der größte Teil des Teams sind lokale Spieler. Wir haben zwölf Imports, die sind sehr wichtig. Aber wir haben in Berlin eher die Competition mit den lokalen Teams aus der German Football League. Jeder probiert, das beste lokale Talent ranzuholen. Bei manchen funktioniert das. Manche verliert man, weil wir nicht genug Geld bieten können. In der GFL gibt es die Salary-Cap-Regel nicht.

Was haben Sie jetzt für ein Team?

Wir haben hungrige Spieler, die bereit sind, die wissen, was der Standard sein soll, den wir hier setzen wollen. Letztes Jahr war der Vibe ein bisschen da: Verlieren ist okay. Wenn ich involviert bin, kann ich so was nicht mehr gelten lassen. Entweder machen wir es richtig oder ihr seid weg. Das sage ich den Spielern. Und den Coaches genauso. So läuft es, solange ich hier bin. Und am Ende kann mich jetzt keiner feuern, weil mir gehört das auch, das ist das Schöne. Es gibt keinen über mir. Ich habe Partner, die mir komplett vertrauen – wir sind ja kein Verein, sondern wie ein Start-up, ein Franchise. Die Gesellschafter packen das Geld rein. Und wir probieren, erfolgreich zu sein, damit wir Sponsoren bekommen, Tickets verkaufen, Merchandise-Erlöse erzielen.

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Runningback Joc Crawford will auch kommende Saison für Berlin Thunder viele Yards laufen.

Wie wollen Sie es schaffen, in Berlin zum Konzert der großen Profiteams wie 1. FC Union, Hertha, Alba, Eisbären, Füchse oder BR Volleys zu gehören?

Wir probieren erst mal, intern, alles zu geben. Die Football-Fanbase in Deutschland wächst generell. Ja, wir sind 4 Millionen Leute in Berlin, aber dafür haben wir auch sehr viele erfolgreiche Teams, die jedes Jahr um die Meisterschaft spielen. Da gibt es schon eine Konkurrenz um die Tickets. Wie viel kann der durchschnittliche Berliner im Jahr an Tickets ausgeben? Wir geben Vollgas, haben in Kiss FM einen Radiopartner, wir haben Plakate in der Stadt, in den U-Bahnhöfen. Man muss halt die Medientrommel ankurbeln. Ich bringe auch eine kleine Reichweite mit. Aber am Ende musst du erfolgreich sein, damit die Fans kommen. Keiner will Teil von etwas sein, was verliert. Das ist der natürliche Instinkt von Menschen. Du willst bei den Gewinnern sein.

Sie bringen als Fernsehkommentator und mit Ihrem Podcast „Football Bromance“ nicht nur Reichweite. Sie erfinden auch Wörter wie „Laberlauch“.

Das machen wir doch sehr gut. Vielleicht gibt es irgendwann mal ein Lexikon für uns.

Ist American Football vor allem ein Sport für junges Publikum?

Auf jeden Fall. Das ältere Publikum ist natürlich eine Fußball-Nation. Fußball wird immer groß sein, aber man merkt schon, dass jüngere Menschen denken: immer das Gleiche, immer Bayern München Meister. Es wird immer schwieriger, Fußball in den Stadien familienfreundlich zu machen. Football, wie ich es in der NFL aus Amerika kenne, ist ein riesiges Familienevent. Da bringst du deine Kinder mit und hast keine Sorge, dass irgendwas passiert. Im Fußball, das haben wir aktuell mit den ganzen Platzstürmen gesehen, sind leider manche ein bisschen wild unterwegs. Football boomt die letzten drei, vier Jahre. Wahrscheinlich sind die Leute bereit für irgendwas Neues.

In Ihrer Biografie steht, dass vor 17, 18 Jahren, als Sie bei den Berlin Adlern anfingen, Football zu spielen, kaum jemand diesen Sport kannte.

Es ist einfach geil für mich als Ex-Footballspieler, der in Berlin aufgewachsen ist und dann rübergegangen ist nach Amerika: Ich komm zurück und bin mitten im Boom. Auf der Straße haben alle Merchandise-Sachen an. Sie kennen mich hier und da. Wir haben unglaubliche Einschaltquoten, auch auf Social Media. Das ist unfassbar.

„Football Bromance“ gehört zu den erfolgreichsten Sport-Podcasts in Deutschland.

Patrick Esume und ich haben gesagt, die Fans sind bereit, nicht nur am Wochenende Football zu gucken, sondern auch Content in der Woche zu konsumieren. Jetzt machen wir den Podcast seit zweieinhalb Jahren und er ist immer ganz oben dabei bei den Sport-Podcasts. Er war lange Top 1. Natürlich ticken Footballer immer ein bisschen anders: Wir verstellen uns nicht so. Wir sagen halt immer, was uns auf dem Herzen liegt. Das ist was, was ankommt. Ich kenne ja selber meine Interviews aus der NFL, wo ich versucht habe, immer so professionell zu sein. Ich bin nicht mehr in der NFL. Jetzt kann ich ich sein. Man achtet nicht mehr auf seine Karriere, überlegt nicht – wenn ich das jetzt sage, ziehen die Medien das durch den Dreck. Ich bin jetzt selbst „die Medien“ für meinen Teil. Jeder kann den Podcast anhören und sich eine Meinung bilden.

Auf Social Media kann es auch Gegenwind geben, Hass, Geringschätzigkeit.

Wir reden immer über mentale Stärke. Nicht jeder kann es immer wegstecken, wie aggressiv heute in Social-Media-Kommentaren gepostet wird. Da wird irgendeine Türe eingetreten und du kriegst die nicht mehr zu. Dann hast du ein Problem, wenn du nicht darüber redest. Wir haben alle diese Follower. Aber diese Follower haben einen Preis: Meinungen.

Wie gehen Sie damit um?

Als Spieler bin ich immer von Social Media weggeblieben. Jetzt gehört es dazu. Wenn jemand komische Kritik übt, sage ich mir: „Ah, wahrscheinlich bist du unglücklich im Leben. Mach dein Ding.“ Aber bei mir läuft es gut. Es macht mir Spaß. Wenn Leute es weiterhin feiern, wie ich das mache – schön. Irgendwann geht das Fenster zu. Jede Laufbahn hat ein Fenster – vor allem wenn du eine Person im öffentlichen Leben bist. Irgendwann schließt sich das.

Mit welchem Ziel wollen Sie mit Berlin Thunder das Fenster nutzen?

Das Ziel ist, einfach reinzugehen, wenn wir ein Spiel haben und vier Quarter lang Vollgas zu geben. Wenn wir am Ende gewinnen, was unser Anspruch ist – cool. Verlieren wir, korrigieren wir die Fehler und gehen im nächsten Spiel all-in.

Halten Sie auch Team-Ansprachen?

Dafür ist der Coach da. Aber natürlich gebe ich manchmal meinen Senf dazu. Ich glaube auch, dass es einen Effekt hat, wenn hier ein Ex-NFL-Spieler mal was sagt. Auch für die Coaches. Ich will nicht nur Teil der Crew sein, der deren Paycheques bezahlt. Auch die Coaches waren noch nie in der NFL. Es ist immer alles eine Sache der Kommunikation: Frau-Mann, Kinder-Eltern, im Sport, im Job – wenn man da einen respektvollen Umgang miteinander hat, hilft das dem gesamten Team.

Das Gespräch führte Karin Bühler.