Blasrohrsport wird manchmal sogar von der Krankenkasse bezahlt. 
Foto. Berliner ZeitungMarkus Wächter

BerlinIm Kopf gehe ich noch einmal alle Schritte durch: Füße platzieren. Den Pfeil in das Rohr schieben. Das Rohr auf Kopfhöhe führen. Einmal tief durchatmen. Das Rohr zum Mund. Zielen und ausatmen wie beim Kirschkernspucken. So, das hatte man mir kurz zuvor erklärt, lautet das Rezept für einen gelungenen Schuss beim Blasrohrschießen. Gesagt getan: Ich positioniere meine Füße an der Schusslinie, gehe die vier Zwischenschritte durch und spucke schließlich den pfeilförmigen Kirschkern in Richtung der fünf Meter entfernt hängenden Scheiben.

Mein erster Schuss trifft zwar die Scheibe, landet aber nur im äußersten der drei farbigen Ringe. Die anderen machen es besser. Zu sechst stehen wir aufgereiht. Und während ich auch meine Pfeile zwei bis sechs nur gerade so auf die Scheibe bekomme, häufen sich neben mir die Punktlandungen im innersten Kreis. Sie alle haben Routine, denn sie sind Mitglieder der ersten und einzigen Abteilung für Blasrohrsport in Berlin, beim TSV Spandau. Seit 2013 wird bei dem Verein aus Berlins Westen nicht nur Basketball, Volleyball oder Handball gespielt, sondern auch mit dem Blasrohr geschossen.  

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Geschichte

Vielen Menschen hierzulande dürften Blasrohre vor allem als Hilfsmittel zur Tierbetäubung in Zoos bekannt sein. Tatsächlich hat die Entwicklung des Blasrohrschießens ihren Ursprung in der Jagd. Vor allem von in tropischen Wäldern lebenden indigenen Völkern wurden die mit Lungenkraft betriebenen Rohre mitsamt Giftpfeilen einst zum Erlegen von Tieren benutzt. Damals war der große Vorteil von Blasrohren: Sie verursachen beim Abfeuern keine lauten Geräusche. In Deutschland hingegen war und ist die Jagd mit dem Blasrohr nicht gestattet. Stattdessen hat sich das Blasrohrschießen zu einem Sport entwickelt, der sich immer größerer Beliebtheit erfreut. Die wichtigsten Verbände des Sports sind in Japan und den USA zu Hause, aber auch in Deutschland nutzen immer mehr Menschen die einstige Jagdwaffe als Sportgerät.

Die Geschichte, wie es dazu kam, ist dabei genauso außergewöhnlich wie der Sport selbst. Erzählt wird sie mir bei meinem sonntäglichen Besuch von Michael Pape, dem Gründer der Abteilung. „Ich bin im Sommer eigentlich Bogenschütze, im Winter habe ich lange Zeit Luftpistole geschossen“, erzählt er: ähnlich wie beim Blasrohrschießen auf Ziele in fünf bis zehn Meter Entfernung, nicht selten mit einem guten Kumpel zusammen. „Irgendwann wurde der dann von seiner Frau verlassen“, sagt Pape.

Ein Blasrohr-Turnier in Bayern 

„Wir hatten dann einen Abend mit viel Rotwein und kamen irgendwann auf die Idee, ein bisschen zu schießen. Also haben wir die Pistolen geholt und fertig gemacht, nur um dann sofort zu merken: Das geht heute nicht mehr …“ Es musste also eine Alternative her. Er habe sich an ein Blasrohr erinnert, das er schon lange zuvor mal bestellt, aber nie ausgepackt hatte. „Das haben wir dann gemacht und angefangen zu schießen“, sagt Pape: „Und das ging gut. Trotz Rotwein haben wir getroffen. Auf fünf Meter, auf sieben und auch auf zehn. Und dann war ich angefixt.“

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Pape begann, sich zu informieren, über das Sportgerät, Vereine und Wettkämpfe. Kurz darauf fuhr er für sein erstes Blasrohr-Turnier nach Bayern, und es dauerte anschließend auch nicht lange, bis er die Abteilung beim TSV gründete. Die Verantwortung über diese hat er inzwischen an Burkhard Mirus übertragen. „Wir trainieren jeden Sonntagvormittag hier“, sagt Mirus. Mit „hier“ ist ein Raum in der vom Gesundheitsamt betriebenen Turnhalle in der Spandauer Melanchthonstraße gemeint.

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Gelegenheit 

Ähnlich wie im Bogensport gibt es auch beim Blasrohrschießen zwei verschiedene Arten von Wettkämpfen: 3D-Wettkämpfe und Scheibenwettkämpfe. Bei Erstgenanntem wird im Freien mit einem Abstand von fünf bis zwanzig Metern auf lebensgroße Tierfiguren geschossen. Bei Scheibenwettkämpfen sind die zu treffenden Ziele je nach Alter und Geschlecht fünf, sieben oder zehn Meter von der Schusslinie entfernt. Statt auf Tierattrappen wird auf Zielscheiben mit einem Durchmesser von insgesamt 18 Zentimetern geschossen. In Deutschland nutzen rund 150 Blasrohrschützen regelmäßig die Gelegenheit zu Wettkämpfen. Beim 1. Krüger-Weltcup 2019 in München waren rund 170 Teilnehmer am Start. Bei der im Mai im rheinischen Hattgenstein ausgetragenen 3D-Europameisterschaft wird ein ähnlich großes Teilnehmerfeld erwartet.

Insgesamt sechs Staffeleien stehen dort aufgereiht; Entfernung: fünf bis zehn Meter. Auf jeder Staffelei ist eine rechteckige Platte befestigt, die wie Styropor aussieht. Darauf die Zielscheiben aus Papier, bedruckt mit den bunten Ringen. Ich schieße auf die fünf Meter entfernte Scheibe, erhalte nach dem ersten Versuch Verbesserungsvorschläge: Noch aufrechter stehen, noch tiefer einatmen und unbedingt beide Augen geöffnet lassen. „Wenn du das machst, siehst du quasi zwei Rohre“, sagt Mirus: „Einmal das echte und einmal dessen Schatten. Der Punkt, den du treffen willst, sollte dann genau dazwischen liegen.“

Augen auf: Unser Autor (4.v.r.) feilt an Technik und Präzision.
Foto: Berliner Zeitung Markus Wächter

Niederige Anschaffungskosten 

Ich stelle mich also an die Schusslinie, atme ein, ziele noch genauer und schieße. Der erste Pfeil landet in der Zehn, der zweite auch. Es folgen eine Acht, eine Neun und noch zwei Zehnen – 57 von 60 möglichen Punkten. Ich freue mich über meine unerwartete Zielsicherheit. Rechts von mir wird noch geschossen. Pape steht an der zehn Meter entfernten Scheibe, mit viel Wucht schießt er die Pfeile aus seinem Blasrohr. Ich hatte mich an einem Standartrohr von 1,20 Metern Länge aus Aluminium ausprobiert, Pape favorisiert ein deutlich größeres und deutlich eindrucksvolleres Bambusrohr.

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Später wird er mir erzählen, dass es lediglich „mit Bambus ummantelt“ und im Inneren ebenfalls aus Aluminium ist. „So wie fast jedes Sportrohr.“ Beim Material kennt Pape sich bestens aus. Kein Wunder, schließlich baut er selbst leidenschaftlich gerne Blasrohre für sich und andere. Er schwärmt von den eigens gedrechselten Mundstücken, betont aber extra, dass solch ein Luxus gar nicht nötig sei. So brauche man zum Schießen nichts als ein Rohr, ein paar Pfeile und irgendeine Art Mundstück.

BLZ/Markus Wächter
Gesundheit 

Einer der großen Vorteile des Blasrohrsports ist der niedrigschwellige Zugang. Mitmachen kann eigentlich jeder. Es gibt keine Altersbeschränkung, und weil das Blasrohrschießen ein reiner Lungen- und Konzentrationssport ist, können auch Menschen mit Behinderung mitmachen. Darüber hinaus gilt der Sport sogar als gesundheitsfördernd. Durch das ebenso bewusste wie tiefe Ein- und Ausatmen vor und beim Schießen wird die Lunge trainiert. Wer regelmäßig Pfeile mittels Blasrohr abschießt, stärkt zwangsläufig seine Lunge und erweitert deren Volumen, was unter anderem eine verbesserte Kondition zur Folge hat. Die Folge ist, dass das Blasrohrschießen bei Atembeschwerden mitunter sogar als Therapie angeboten und von der Krankenkasse finanziert werden kann. Ein Blasrohrsportler kann somit nicht übers Ziel hinausschießen, gesundheitlich gesehen zumindest.

Ob dies von Hand gedrechselt ist oder aus einer einfachen Muffe aus dem Baumarkt besteht, sei nebensächlich. Genauso wie der niedrigschwellige Zugang für alle Altersklassen sind die Einfachheit des Materials und die folglich niedrigen Anschaffungskosten ein großer Vorteil des Sports. Ein Vorteil, der allerdings bis dato nichts daran geändert hat, dass die Abteilung Blasrohrsport beim TSV Spandau sehr klein ist. Rund ein Dutzend Mitglieder umfasst sie.

Blasrohrschießen macht eine Menge Spaß

Von dem weltweiten Anstieg an Popularität des Sports profitiert der TSV noch nicht. Vielleicht, weil es in Berlin ein so breites Sportangebot gibt. Vielleicht aber auch, weil so ein Blasrohr auf den ersten jugendlichen Blick nicht das allercoolste Sportgerät ist. Dass Blasrohrschießen trotzdem viel Spaß machen kann, weiß zumindest ich spätestens seit meinem Besuch beim Training des TSV Spandau.

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Eine Einschätzung, die sich auch dann nicht ändert, als ich euphorisiert von meinen 57 Punkten den Schritt an die sieben Meter entfernte Scheibe wage und dort mit meinem voller Selbstbewusstsein abgefeuerten ersten Pfeil nicht einmal in die Nähe des anvisierten Ziels komme.