Warum er aufgeflogen ist, weiß Johannes Dürr bis heute nicht. Er hatte vorsichtshalber sogar nur halb so viel injiziert wie sonst. Trotzdem zogen sie ihn in Sotschi aus dem Hotel, am Abend bevor der damals 26 Jahre alte Langläufer aus Österreich Olympia-Gold über 50 Kilometer erlaufen wolle. Ihm wurde die Einnahme von Epo nachgewiesen. Der Betrug ging allerdings in vieler Hinsicht darüber hinaus, wie Dürr in der am Dienstag in der ARD ausgestrahlten Dokumentation „Die Gier nach Gold“ gesteht. Er hat Eigenblutdoping betrieben − und geholfen wurde ihm bei den verbotenen Bluttransfusionen aus Deutschland.

Und der Österreichische Skiverband (ÖSV)? Laut Dürr wurde Doping nicht nur stillschweigend geduldet: Der entscheidende Anstoß, zu verbotenen Mitteln zu greifen, sei von ÖSV-Betreuern gekommen.

Es ist ein einfacher Reflex beim Thema Doping: Doper, das sind die Bösen, die Untalentierten, die Faulen. Alles Quatsch. Dürrs Fall zeigt, wie normal es im (Ausdauer-)Leistungssport ist, zu betrügen − wie leicht und alternativlos.
Dürr galt als Ausnahmetalent, seit er mit knapp 13 Jahren unvorbereitet ein Rennen lief und Zweiter wurde. Die Herz-Lungen-Werte waren, wie man später feststellte, phänomenal. Er war der Mann, der mit Medaillen die österreichischen Skandale um Eigenblutdoping aus den Olympiajahren 2002 und 2006 vergessen machen sollte. 2014 sollte es endlich so weit sein. Doch was Dürr nun vor der Kamera erzählt, erschüttert das Bild des geläuterten Skiverbands.

Realistische Ausführungen

„Uns wurde nahegelegt, eine medizinische Ausnahmegenehmigung für Asthma-Sprays zu erhalten“, sagt er. Und eines Tages während eines Trainingslagers in Ramsau kam ein Betreuer in sein Zimmer, der ihm eröffnete: „Jetzt haben wir was. Es gibt die Möglichkeit, dass wir zu Epo kommen.“ Zu dem die Ausdauer steigernden Mittel wurden Wachstumshormone gereicht und ein genauer Medikationsplan, damit die Werte bei Kontrollen nicht auffielen. Geholfen worden sei ihm auch von ÖSV-Personal.

Beweise für die geschilderte Unterstützung durch den Verband fehlen in dem 45-minütigen Film. Der 31-Jährige, der seit der zweijährigen Sportsperre als Zollbeamter arbeitet und in einer WG wohnt, nennt keine Namen. Er wolle nicht die Leben anderer zerstören, erklärt er. Kollegen äußern sich nicht, nur Harald Wurm, ebenfalls des Dopings überführt, stützt zumindest die These des wissentlichen Augenverschließens im Verband: „Es war in der Mannschaft immer ein sehr brisantes Thema, was möglich ist und wie weit wir an die Grenze gehen können“, sagt er.

Der Österreichische Skiverband weist in Person des Antidoping-Beauftragten eine Mitwisserschaft oder gar eine aktive Rolle von sich, Wolfgang Schobersberger spricht von der Möglichkeit, dass es Einzeltäter gäbe, von denen er nichts wisse.

Dennoch: Die Erzählungen Dürrs sind realistisch. Zumal der einstige Gold-Favorit mit ihnen sein eigentliches Ziel endgültig zerstört: das Comeback bei der Nordischen Ski Weltmeisterschaft in eineinhalb Monaten in Seefeld. Dürr wollte dort Teil der Staffel sein, dafür trainierte er seit eineinhalb Jahren.

Brisante sportpolitische Dimension

Nachdem Dürr am Anfang Juli 2018 auf einer Veranstaltung erstmals die Mitwisserschaft des ÖSV angedeutet hatte − wovon er sich später distanzierte − übermittelte ihm der Verband im September eine Unterlassungserklärung. Das, was Dürr dem Rechercheteam von Hajo Seppelt vor und nach dem Schreiben preisgab, wird dafür sorgen, dass der ÖSV diesen Sportler niemals für sich starten lässt. Zu eindeutig sind die Vorwürfe an den Verband, dessen Präsident Peter Schröcksnadel nach der Doping-Razzia 2006 die auf Englisch ausgesprochene Auffassung vertrat, Österreich sei ein zu kleines Land, um Doping zu betreiben.

Es ist schließlich kein Film über den Weg zurück in den Leistungssport geworden, sondern über die Normalität des Dopings und die strukturellen Zwänge, in die sich talentierte, ehrgeizige Jugendliche begeben. Das ist die brisante sportpolitische Dimension dieses Falls.

„Ich habe gar nicht gewusst, in welcher Szene ich da gelandet war“, sagt Dürr über den Moment, als er mit 14 Jahren in das berühmte Skigymnasium in Stams aufgenommen wurde. Trainer seien mit Bestelllisten für Nahrungsmittelergänzungspräparate gekommen. Später folgten erste Infusionen, das Verabreichen der Ampullen wurde zunehmend im Versteckten vollzogen. „Ich bin nicht dahinter gekommen, warum bei so einer normalen Sache, die zum Leistungssport dazu gehört, so eine Geheimniskrämerei gemacht wird“, sagt Dürr. Bis dahin sei alles legal gewesen. Da er nur für das Doping in der Saison 2014 bestraft wurde, muss er das aus Selbstschutz behaupten. 

Blutdoping für 5000 Euro

Doch auch wenn es stimmt, so zeigt es, wie Jugendsportler herangeführt werden an die Grenze, an der sie nur noch eine Wahl haben: aufgeben oder nachhelfen. Zumal die Erwartung, dass der Sportler die Investitionen mit Resultaten zurückzahlt, mit jedem Jahr wächst.

Schon als 2006 der deutsche Stützpunkttrainer Bernd Raupach aus Ruhpolding, der unter anderen Tobias Angerer betreut hatte, die Leitung der Langlaufsparte im ÖSV übernahm, stellte sich der damals 18-Jährige die Frage, ob solche Belastungen ohne Doping auszuhalten seien. Wann er diese Frage mit Nein beantwortete, verrät er aus genanntem juristischen Grund nicht.

Dass er mit seiner Antwort kein Einzelfall ist, liegt nahe. Der Tipp für das Eigenblutdoping kam dann 2013 von einem Kollegen, und der bot sogleich an, nachzufragen, ob auch Dürr bedient werden könne. Die Quelle aus Deutschland gab das Okay: An der Raststätte Irschenberg an er A8 oder auf dem Parkplatz vor einem Hotel in Oberhof wurden die Bluttransfusionen vorgenommen. Die Kosten: gerade mal 5 000 Euro plus Provision bei dem Gewinn von Preisgeld.

Neben der dopingfreundlichen Mentalität, die in der Jugendausbildung erzeugt wird, ist dies das Bedrückendste: Wie einfach und billig es offenbar ist, in Deutschland zu dopen. Die Staatsanwaltschaft München prüft nun die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens  gegen den unbekannten Blutdoping-Helfer. Auch die  deutsche Nationale Anti Doping Agentur (Nada) hat laut Aussage von Vorstand Lars Mortsiefer dank Dürr neue Einblicke gewonnen und möchte ihn als Zeugen befragen.