Gestenreich am Spielfeldrand: Füchse-Manager Bob Hanning.
Imago Images/Bernd König

BerlinFüchse-Manager Bob Hanning wartet an der Eingangstür der Lilli-Henoch-Halle in Berlin-Hohenschönausen. „Fast pünktlich“, sagt er zur Begrüßung - zwei Minuten nach dem vereinbarten Termin in Füchse-Town. Hannings Zeit ist knapp. Am Dienstag will das Präsidium der Handball-Bundesliga (HBL) einen Termin für den Start der neuen Saison beschließen. Nach der langen Corona-Pause scheint sich im Handball etwas zu bewegen. Der Hallenwart, der später mit einem freundlichen Lächeln zwei Humpen Kaffee mit Milch und Würfelzuckern bringen wird, schließt für das Gespräch mit der Berliner Zeitung die Tür zur Füchse-Lounge auf.

Herr Hanning, gibt es denn etwas Positives, das Sie aus der Corona-Pause mitnehmen?

Man kann aus Sicht der Füchse sagen: Wenn man 16 Jahre lang vertrauensvoll arbeitet, kriegt man das auch zurück. Es gibt in allen Bereichen eine Hilfestellung, die Krise gemeinsam zu meistern. Es ist den Menschen etwas wert.

Zum Beispiel, dass Sie nur 1.100 Euro an Ihre Dauerkarteninhaber zurückzahlen mussten?

Es geht um Wertschätzung. Das ist nicht immer nur Geld. Es ist auch Geld, weil es notwendig ist, zu überleben. Aber es geht auch um die Wertschätzung als Gesprächspartner, als Ideengeber, als Zuhörer. Ob das die Schule ist oder der Olympiastützpunkt. Sie alle sagen: Wir helfen euch, das beste aus der Situation zu machen.

Und die Fans?

Ich habe die Dauerkarten-Inhaber alle persönlich angeschrieben. Keine Mail, keine vorgedruckte Unterschrift. In dem Brief stand: Wir haben jetzt gerade Rückraumspieler Dainis Kristopans geholt, wir haben gerade den Trainer gewechselt, wir haben alles gemacht, damit wir erfolgreich angreifen können. Um weiterzukommen, brauche ich eure Hilfe. Die größte Motivation war, dass die Leute nicht nur gesagt haben, sie wollen ihr Geld nicht zurück, sondern die Post, die sie zurückgeschrieben haben.

Was haben Sie für Briefe bekommen?

Es gab Schreiben von Fans, die zwölf Jahre alt sind. Es gab einen Sponsor, der gesagt hat, er erhöht sein Engagement um 50.000 Euro, weil er von der Krise nicht betroffen ist. Jemand anderes hat angerufen und gesagt: Gib mir mal die Kontonummer, ich spende Geld für die Jugend. Das waren 5.000 Euro. Der Druck, den du ertragen musst, ist ja immens. Du hast dafür gearbeitet, dass der Verein heute so steht wie er ist. Und jetzt wird dir auf einmal alles entzogen. Jung-Nationalspieler verlieren ihre Ziele aus den Augen, weil sie nicht mehr trainieren dürfen. Aber ich habe doch für unsere Jungs die Verantwortung.

Sie sagen, es war die größte Krise des Klubs, die es je in Ihrer Zeit gegeben hat?

Bei uns sind 1,3 Millionen Euro an Sponsorengeldern vertraglich ausgelaufen, 700.000 Euro sind weggefallen, weil Sponsoren uns am 1. April gekündigt und als Unternehmer gesagt haben: Wir müssen erst mal unsere Dinge ordnen. In allen Gesprächen war aber immer der Ansatz: Wie kriegen wir es gemeinsam gelöst? Das sind so Situationen, in denen du als derjenige, der so einen Verein führt, merkst: Der Gedanke einer Familie lebt. Du hast keinen Konzern und keinen Mäzen, sondern den gemeinsamen Lösungsansatz.

Sie haben sich auch über eine Insolvenz Gedanken gemacht?

Für mich war klar, dass ich mich natürlich mit einem Insolvenzverwalter unterhalte und dass ich auch sage, dass ich das tue. Es ist ja kein Verbrechen. Wir haben 16 Jahre lang, seit ich hier bin, nicht einem einzigen Menschen sein Gehalt nicht bezahlt. Wir haben nicht ein einziges Mal minus gemacht. Wir haben eine Reserve von 400.000 Euro angelegt. Dann gibst du extrem viel Geld aus, um durchzustarten. Du willst dich über die Austragung des EHF-Cup-Finales mit einem Gewinn von 250.00 Euro finanzieren. Und auf einmal bricht dir das innerhalb von drei Wochen komplett weg.

Und dann?

Ich habe eine Sache immer gewusst: Wir haben den besten Nachwuchs in Deutschland, egal, was passiert. Und wenn wir in der Regionalliga wieder neu anfangen, und alles wieder neu aufbaue, aber den haben wir.

Das war Ihre Sicherheit.

Ich habe mit jedem Sponsor persönlich gesprochen. Genauso habe ich mit meinem Vermieter gesprochen, dass ich natürlich die nächsten Monate die Miete zahle. Ich finde es ein Unding, in der Krisenzeit zu sagen, ich zahl' einfach nicht. Ich habe ihn aber auch gebeten, sich Gedanken zu machen, wie er in der nächsten Saison helfen kann. Es kam ein Schreiben von dem Vermieter mit einem Hilfsangebot. Er sagte: Natürlich wollen wir Bundesliga-Handball erhalten.

Reden Sie von der Max-Schmeling-Halle?

Von den Geschäftsräumen am Gendarmenmarkt. Aber auch die Schmelinghalle sucht mit uns nach Lösungen. Meine Idee war, alles transparent zu machen. Warum soll man nicht das Gefühl, wie es einem geht, teilen? Jetzt sind wir vom Treibsand runter, aber wir sind natürlich immer noch auf Sand. Wir sind noch nicht auf der Straße. Aber wir haben eine Idee, wie wir auf die Straße kommen. Das Schöne ist, du siehst, wer Krise kann und du siehst auch, wer Krise nicht kann. Den wahren Charakter erkennst du in solchen Situationen.

Und auf dem Handball-Feld in der Niederlage.

Was ich nicht mag ist, wenn Leute die Situation für sich zur Bequemlichkeit nutzen. Ich kann nicht Corona von acht bis zwölf haben und danach nicht mehr, so, wie es mir gerade passt. Ich habe versucht, die Leute durch die Krise zu führen. Natürlich haben wir auch Kurzarbeit gemacht. Bei einem Spieler, der viel Geld verdient, musst du verlangen, dass er Teil der Lösung ist. Bei einem Menschen, der ein Nettogehalt von 2.000 Euro hat, kann ich es nicht tun. Ich sage: 1.500 Euro brauchst du zum Leben und 500 Euro sind das, was das Leben lebenswert macht, wovon du dein Kind zum Eisessen einladen kannst. Da gehe ich nicht ran. Da verzichte lieber ich.

Stimmt es, dass Sie nachts durch Berlin laufen, um zu verarbeiten, was Sie beschäftigt?

Wenn ich mich ärgere, gehe ich auf dem Gendarmenmarkt und werde mir bewusst, wie privilegiert ich bin, dass ich sowas machen darf. Ich bin extrem dankbar, in so einer Position zu sein, mich mit Menschen umgeben zu können, die in ihren Bereichen viel schlauer sind als ich. So stelle ich auch meine Geschäftsstelle auf. Gerade in der jetzigen Krisensituation haben mir drei, vier Menschen wirklich persönlich geholfen, Lösungsansätze zu finden. Ich bin in der Tat jemand, der beim Spazierengehen Dinge ordnen kann. Ich hinterfrage mich jeden Tag, ob das, was ich mache, richtig ist. Und da ist mir das Gespräch mit meinen Jugendlichen genauso wichtig wie das Gespräch mit einem Vorstandsvorsitzenden. Ich hinterfrage mich, aber ich stelle mich nicht in Frage.

Wo spazieren Sie da?

Im Schlosspark Charlottenburg sind schon viele Entscheidungen getroffen worden, am Schlachtensee auch. Das sind Situationen, in denen man runterkommen kann. Am meisten komme ich runter beim Jugendtraining.

Es gab Spieler aus der Jugend und aus der Profimannschaft, die mit Ihnen über die Corona-Situation sprechen wollten?

Natürlich gucken die Leute in solchen Situationen auf ihre Führung. In den größten Krisen musst du den Leuten eine gewisse Stabilität geben.

War die Corona-Zeit insofern eine Zeit, in der alle enger zusammenrücken?

Der Druck ist immens. Ich verstehe auch, dass nicht alle Menschen dem Druck standhalten können. Du musst überzeugt sein. Das ist wie im Handball. Ich bin Trainer aus Leidenschaft. Wir werden nicht jedes Jahr Deutscher Meister mit der A-Jugend, wenn die Mannschaft daran zweifelt, dass ich in der 58. Minute eine richtige Entscheidung treffe. Wenn ich unsicher werde, merkt das meine Mannschaft sofort.

Wie beurteilen Sie die Unterstützung der Berliner Politiker für die Sportmetropole?

Im Nachhinein war es der Schlüssel für vieles, dass wir uns als Profivereine zusammengetan haben, als Vorreiter in Europa. Natürlich konkurrieren wir beim Sponsorentopf mit Alba oder den Eisbären. Trotzdem pflegen wir einen guten Umgang miteinander. Beim Thema Zuschauer tun wir uns nicht weh. Volleys-Manager Kaweh Niroomand als Sprecher der Profiklubs war ein absoluter Glücksgriff, weil er aus der kleinsten Sportart kam, aber ein absoluter Stratege und Unternehmer ist – und dabei für eine solche Position uneitel.

Er hat in der Corona-Zeit die Attacke in Richtung des Senats übernommen, indem er sagte: Der Berliner Sport fühle sich allein gelassen.

Dass dieses Bündnis auch in Krisensituationen gehalten hat, ist sein Verdienst. Es sind viele schlaue Köpfe dabei. Ob das ein Marco Baldi von Alba ist, ein Ingo Schiller von Hertha, Oskar Kosche von Union. Die Gastronomie hat wenigstens wieder auf. Der Sport ist stillgelegt. Wir haben Arbeitsverbot. Wir durften nicht mal mit Kontakt trainieren. Die Politik muss uns nicht retten, aber sie muss Teil eines Hilfspaketes werden. Die Politik kann nicht nur in Galerien investieren und in Opernhäuser, das hat auch seine Berechtigung. Aber du brauchst diese Leuchttürme im Sport, um Kinder zum Sport zu bringen. Hermsdorf kann die Füchse Berlin nicht ersetzen. TuS Lichterfelde kann Alba nicht ersetzen, ECC Preussen die Eisbären nicht, VC Olympia kann die BR Volleys nicht ersetzen. Diese Vereine machen Sozialarbeit. Jeden Tag. Das innerhalb von drei Monaten zu zerstören, darf es gesellschaftlich nicht geben.

Es gab dann einen Runden Tisch, Sportsenator Geisel hat ein Hilfspaket von 8,2 Millionen Euro für den Sport versprochen.

Wir haben die Verträge noch nicht unterschrieben. Aber die Politik ist mit uns im Dialog. Sie haben angefangen, unsere Probleme zu verstehen. Da bist du wieder am Anfang der Kette. Es geht um Wertschätzung, um Respekt. Es geht nicht immer nur ums Geld. Aber es geht auch ums Geld. Ich kann sagen, Sportsenator Geisel hat sich über Staatssekretär Dzembritzki um das Thema gekümmert.

An diesem Dienstag entscheidet die Handball-Bundesliga, wann und wie es in der neuen Saison weitergehen soll. Merken Sie gerade, wie schwerfällig Sportsysteme oder Verbände sind?

Es ist wie mit der Politik. So eine Krise ist ja nicht geübt. Du siehst, wer Krise kann, wer Krise nicht kann, wer sich versteckt. Ich habe den Eindruck, manche Leute gehen in die Höhle. Sie kommen raus und sagen: Ich habe überlebt, aber oh, um mich herum ist alles verbrannt. Auch da musst du viel positiver, aktiver nach vorne gehen. Auch das ist nicht jedem gegeben.

Sie haben zuletzt viele Vorschläge für einen schnellen Wiederbeginn gemacht. Doppelspieltage, ein Turnier, drei Drittel zu spielen statt zwei Halbzeiten, kleinere Hallen auszuprobieren.

Wissen Sie, wie ich mir vorkam? Du hörst im Radio: Falschfahrer auf der A 100 und du denkst: Wie? Ein Falschfahrer? Das sind doch siebzehn. Wir müssen unbedingt wieder ins Spielen kommen. Wir dürfen nicht die Probleme sehen, wir müssen die Lösung finden.

Wie soll es denn weitergehen?

Im Moment ist die Zielsetzung, im Oktober anzufangen mit Zuschauerkonzepten, die dann greifen, wobei wir heute noch nicht wissen, wie es in ein paar Wochen sein wird.

Würde es Ihnen helfen, wenn 3.000 Menschen in die Schmelinghalle dürften?

Wenn das erst mal die Lösung ist, dann muss man die so akzeptieren. Auch wir haben ja eine gesellschaftliche Aufgabe. Wenn es nicht anders geht, müssen wir es so lösen. Wir haben in der neuen Saison mit einer Millionen Euro weniger Zuschauereinnahmen kalkuliert. Deswegen haben wir drei Spieler gehen lassen. Je nachdem, wann wir anfangen, kann es sein, dass wir noch einen Spieler abgeben müssen.

Hat Corona die Chancen erhöht, dass Spieler aus der Jugend ins Profiteam kommen?

Wir leben das ja seit Jahren. Aber die Situation wird die Preise, außer bei den Topspielern, auf Dauer reduzieren. Und es wird für junge Spieler noch mehr Möglichkeiten geben, zu spielen. Das ist eine Riesenchance. Und das ist das einzige, was mich an der Krise freut.

Das Gespräch führte Karin Bühler.

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